Ein Fan des klassischen englischen Rutenbaus gepaart mit modernster Technik bin ja schon seit eh und je. Dies soll aber nicht meine Objektivität im folgenden Beitrag schmälern, sondern eher zum Ausdruck bringen, warum ich mir gerade diese Rute so sehr gewünscht habe. Eine 4er Serie der schon bekannten X-Flite fische ich bereits seit Anfang des Jahres und was die Prodigy im Stande zu leisten ist, habe ich auch schon mehrfach am Wasser erlebt. Überdies fische ich im Longrangebereich sehr gerne die MP1 von Christian Weckesser von CMW in der 13 Fuß Version. Allesamt Ruten mit semiparabolischer Aktion und mehr oder weniger weicher Spitze, je nachdem wie es die Situation eben erfordert. Plan war es, die Testrute in die jeweils eingesetzten Serien einzubauen, um nachvollziehen zu können, wie sie sich in den unterschiedlichen Situationen bewährt. Gemeint sind Nahbereiche mit zum Teil kräftigem Krautbewuchs, Wurfweite bis sagen wir mal max. 100 Metern und große Gewässer bis 250 Metern Distanz.

Als ich das Paket der Firma Exori in den Händen hielt, von ihr werden die Waren von Greys in Deutschland vertrieben, war mir schon ein wenig mulmig zumute. Ich kannte die Rute nur von Bildern und war mächtig gespannt. Wie würden sich der extrem schmale Endgriff und der Metallrollenhalter denn nun anfassen? Schnell ausgepackt und Rolle drauf – Daiwa Infinity in der Größe 5000. Mit dem mitgelieferten Schraubenschlüssel lässt sich die Mutter, ebenso aus Metall wie das Gewinde, äußerst fest anziehen. Da kann nichts mehr wackeln - von Spiel keine Spur. Abgesehen davon, dass die Rute, obgleich ihrer Kraft, angenehm leicht ist, liegt sie dann, mit montierter Rolle, angenehm ausgewogen in der Hand. Auch das Gefühl in den Händen macht mich neugierig, wie wird sie sich werfen lassen? Die nächste Session sollte bald beginnen und ich machte mir Gedanken, wie ich wohl vorgehen würde. Ziel war ein Vereinsgewässer, ein kleiner Weiher mit 2 ha, sehr starkem Krautbewuchs und kampfstarken Schuppis bis über 30 Pfund. Zunächst kommt das „Anfreunden“ mit zahlreichen Würfen, nur mit Bleien bestückt, von 2,5 bis 4 Unzen. Was soll ich sagen: Diese Rute ist eine Waffe! Schon nach wenigen Würfen fanden die Geschosse ihr Ziel mit einer unglaublichen Präzision. Selbst spätere Gewaltwürfe brachten die Rute meiner Meinung nach nicht mal annähernd an ihre Grenzen. Sie lädt sich mächtig aber gefühlvoll auf um dann in der Endphase die Kraft successiv in Wurfweite wieder abzugeben. Kein Zittern, kein Nachschwingen – einfach so!

Viel Spaß macht auch der extrem schmale Endgriff. Sein Material ist dermaßen griffig, dass ein Wegrutschen eigentlich ausgeschlossen ist. Meine anfänglichen Zweifel wurden mehr als ausgeräumt. Vielleicht machen wir uns auch viel zu viel Gedanken darum, denn beim Werfen bildet die Hand an der Rolle die Ankerposition, die Hand am Endgriff beschleunigt, also zieht ja eigentlich nur und sowieso lenkt sie, mehr nicht.

Mouseover


Aber wie das mit neuem Tackle nun mal so ist, bis ich den ersten Fisch mit der Platinum drillen konnte, dauerte schier unendlich lange. Überall Bisse, nur nicht auf meiner Testrute. Plötzlich war es endlich soweit – und dann auch noch bei Tageslicht. Ein äußerst kraftvoller Schuppmann bewies mir, welche Kraftreserven diese Rute im Stande ist, zu entfalten. Schnell nimmt sie den Kontakt zum Fisch auf und bei Bedarf  kann ich den Zug erhöhen. Obwohl er recht schnell im satten Kraut festsitzt und nur nach und nach wieder gelöst werden kann, habe ich zu keiner Zeit den Eindruck, dass ich einen „Prügel“ in der Hand habe. Obwohl ich nur 4er Haken fische, sitzt dieser bombenfest und sicher im Unterkiefer. Und da bleibt er auch – kein Lockern und Loseiern, obwohl ich ganz schön „gemäht“ haben muss.

Später im Uferbereich zeigt die Rute ihren wahren Spaßfaktor: Obwohl 3 lbs kann ich die kleinsten Bewegungen des Fisches nachvollziehen, ja fast antizipieren. Ich merke deutlich, wie er sich dreht, klopft oder mit dem Kopf nach unten abtauchen will. So ist es relativ leicht mit der Rute die entsprechenden Gegenbewegungen auszuführen. Ein Umstand, der nicht nur deutlich mehr Spaß macht, sondern auch den einen oder anderen Fisch sicher über den Kescher führen kann. Auch in der Endphase, beim Liften des Fisches, zeigt sie Größe. Sanft, aber mit deutlicher Kraft ist sie in der Lage, Fische über 30 Pfund mit viel Gefühl vom Grund hoch zu führen und sein Maul zum Luftschnappen über die Wasseroberfläche zu bugsieren. Das finale Keschern ist dann meist nur noch Formsache.

Den Einsatz auf große Distanz habe ich dann in Bayern an einem großen Stausee erprobt. Mit dem Boot wurden Distanzen auf 250 Meter geschleppt. 6 Unzen schwere Bleie sollten ein Wegrutschen der Montagen verhindern. Geflochtene Hauptschnüre ließen auch eine deutliche Bißerkennung zu. Hier hat mich erstaunt, wie schnell die Platinum den direkten Kontakt zum Fisch herstellt. Wieder schaffte sie es zum einen die nötige Kraft auf diese große Distanz zu entwickeln und andererseits später im Boot in der Endphase feinnervig genug zu sein, um den Fisch sicher zu führen und zu keschern.

Der letzte Test sollte dann ein Gewässer im Westen Europas sein. Viele Fische bis über 30 Pfund bei Wurfweiten von ca. 100 Metern, möglichst mit PVA-Stringer waren angesagt. Nun, auch dieses Einsatzgebiet hat sie gemeistert, obwohl ich hier das Blei bis auf 2 ½  Unzen herunterschrauben musste. Allein für diesen Einsatz wäre eine Version mit 3 ½ lbs wohl die bessere Wahl gewesen. Mag sein, dass ich nicht mutig genug war, um kräftiger durchzuziehen. Ich bin auch nicht der geborene Gewaltwerfer, aber zum Schluss fehlte mir die Sicherheit bei der Zielgenauigkeit – und das ist in Verbindung mit PVA tödlich.

Dieser Umstand stimmte mich aber keineswegs traurig, zumal ich davon überzeugt bin, dass ich eine echte High-End-Waffe mit einer erfreulich breiten Einsatzfähigkeit gefischt habe. Eine Rute, die sowieso ein Highlight fürs Auge ist: Dieses herrliche mattgrün, wie es in der Sonne schimmert, man erfreut sich regelrecht an diesen Wellen im Inneren des Blanks, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel einfällt. Diese fast filigranen G-Lite Ultralite SIC Ringe – nein sie sind nicht zu fein, sie sind äußerst leicht und kraftvoll zugleich. Die vorderen drei Führungsringe sind übrigens Einstegringe, das reicht völlig aus. Ein 40er Startring ist wohl dimensioniert, obwohl sowohl für die X-Flite als auch für die Platinum mittlerweile ein 50er Startring zur Verfügung steht. Dann das Handteil, welches mit einer Kreuzwicklung überzogen ist und last but not least die Griffe selbst. Zum einen der Metallrollenhalter, einfach nur edel und funktional zugleich. Mit einem zu jeder Rute mitgelieferten Schlüssel wird der Rollenfuß bombenfest verschraubt. Bitte den Schlüssel nicht zu Hause liegen lassen, falls man mal die Rolle am Wasser wechseln muss. Übrigens ist es ein Irrglaube, dass das Gewinde bei Minusgraden zu kalt für die Hände sei, es erwärmt sich genauso schnell und angenehm wie ein Kunststoffgewinde. Ja und dann dieser ultraschlanke Endgriff – ein wahrer Hingucker. Hinter dem Rodpod zu sitzen und über die Rute zu schauen, macht einfach nur Spaß.

Was soll ich zur Verarbeitung sagen? Kann man eine solche Rute noch perfekter ausstatten? Kann man den Lack, sowohl bei den Ringen als auch bei den anderen Anbauteilen noch besser auftragen? Ich glaube nicht. Den Rutenbauern der Firma Greys, die ja nun mittlerweile seit dem Jahre 2000 wieder unter dem jetzigen Namen „Hardy & Greys Ltd“ firmieren, ist nach vierjähriger Entwicklungszeit eine absolute High-End-Karpfenrute geglückt. Mit dem Wissen darum statten sie die Platinum mit einer lebenslangen Garantie aus. Aber das ist man bei Greys ja mittlerweile gewohnt.

Bleibt da noch der Preis – Aber wer redet bei Bentley, Ferrari oder Rolls Royce über Preise? OK, 489,95€ beträgt die Preisempfehlung für dieses Schmuckstück. Ich weiß nicht, ob eine Karpfenrute soviel kosten muss. Ich hab auch nicht die geringste Ahnung, wie hoch die echten Herstellungskosten für solch eine Traumrute sind, aber ich meine zu wissen, dass vergleichbare Topruten mit solchen Ausstattungemerkmalen durchaus noch höher am Markt gehandelt werden. Auf der Suche nach Angeboten bin ich auch schon auf deutlich niedrigere Preise gestoßen. Ich für mich könnte mir vorstellen, dass ich nächstes Jahr wieder mit der Platinum im Gepäck am Wasser mein Unwesen treiben werde, dann aber mit meinen „eigenen“ Waffen.












 

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