Bis 1985 hatte man in der Region Münster noch nichts vom Boilieangeln gehört, abgesehen von einigen aufmerksamen Lesern der Angelzeitschrift "BLINKER", die in zweien ihrer Artikel schon über die Haarmethode und das in England populäre Angeln mit gekochten Hochproteinködern berichtet hatte. Zu diesem Zeitpunkt dachte noch niemand von uns daran, mit nicht direkt am Haken befestigten Ködern zu angeln, ganz davon zu schweigen, daß das Karpfenangeln hier keine große Popularität genoss. Abgesehen von einigen eingefleischten Karpfenspezialisten - an dieser Stelle möchte ich Ludwig Liedtke erwähnen -, die unserem Lieblingsfisch mit Teig, Brotflocke oder Kartoffel nachstellten, gab es fast ausschließlich Wettfischer oder Raubfischangler. Große Karpfen durften, bis auf wenige Ausnahmen, in unseren Breitengraden wohl mehr als Zufallsfänge betrachtet werden, als daß sie denn das Ergebnis einer geplanten Angelaktion waren. Das oben angegebene Jahr 1985 änderte dies gewaltig. Im Münsterschen Aasee begannen zwei Angehörige der britischen Streitkräfte sowie drei weitere Angelkollegen, intensiv Karpfen zu befischen; erst mit Mais und großen Teigködern, danach auch mit Boilies. Die Resultate waren erstaunlich gut. Rainer Homann fing mit einer golfballgroßen Teigkugel einen Spiegelkarpfen im Gewicht von 30,5 Pfd. (81 cm), ich konnte einen nur 2 cm kürzeren Spiegelkarpfen, den ich leider nicht wiegen konnte, mit einer Kartoffel überlisten. Einer der zwei Briten, die im alten Aasee angelten, hakte einen Schuppenkarpfen, den er nach fast zweistündigem Drill in der Landephase aushakte.

Glaubhaften Aussagen zufolge wog dieser Fisch zwischen 35 und 40 Pfd. bei etwa einem Meter Länge. Doch damit nicht genug; in der Folgezeit, in der auch ca. zwei Dutzend weitere Angler anfingen, Karpfen mit Boilies zu beangeln, fingen wir alle eine große Anzahl von zweistelligen Karpfen. Zwei bis drei Fische pro Ansitz von mehr als 10 Pfd. waren normal, obwohl wir damals noch mit verhältnismäßig einfachem Gerät angelten. In demselben Jahr begannen wir auch, den Kanal und die Werse zu befischen - mit ähnlichem Erfolg wie am Aasee. Zwar war gerade am Kanal nicht eine solche Stückzahl an Karpfen wie am Aasee zu fangen, doch wogen die dortigen Fische durchschnittlich 2 bis 3 Pfd. mehr als an anderen Gewässern. Den unseres Wissens größten Fisch fing 1985 Andreas Richter. Es handelte sich um eine Spiegelkarpfen, den er - das erste Mal mit Boilies angelnd - mit einem geborgten Köder fing. Der Fisch wog 32 Pfd. 300 g und maß 84 cm (Aasee).

Seitdem hat sich die Zahl der Karpfenangler sicherlich verzehnfacht, das Gerät wird immer umfangreicher und besser, doch hat es nach wie vor niemand geschafft, diese Marke in unseren Gewässern zu durchbrechen. Mittlerweile ist nahezu jedes Gewässer in unserer Gegend schon intensiv auf Karpfen befischt worden, und in jedem dieser Gewässer sind gute Fische gefangen worden, seien es nun Ems, Werse, Aasee, Sandruper See, Hobelingscher Altarm oder Kanal. Sicherlich schwimmen in diesen Gewässern auch noch größere Fische umher, doch um diese zu fangen, benötigt man nicht nur viel, viel Zeit, Geduld, Gewässerkenntnis, eine den Umständen entsprechende Ausrüstung und den unerläßlichen Enthusiasmus, nein, was man am allermeisten braucht, das ist eine gehörige Portion Glück, um einen der ganz großen Fische zu überlisten. Der größte Fisch, von dem wir gehört haben, wurde angeblich 1987 in der Alten Fahrt zu Senden gefangen, wog 40 Pfd. und biss an der Rute eines Aalanglers auf Krebsschwanz. Doch nach diesem Exkurs in die Sensationshascherei wollen wir zum eigentlichen Thema zurückkehren: der Entwicklung des Karpfenangelns. Der Fehler, den fast alle von uns direkt zu Beginn machten, sollte sich in den folgenden Jahren bemerkbar machen. In Großbritannien, der Heimat des modernen Karpfenangelns, hatte man noch zusätzliche Generationen durchlaufen, die - aufeinander aufbauend - immer raffiniertere Angeltechniken und Köder hervorbrachten. Dort begann man, die großen Karpfen mit Brotködern oder auch Lebendködern wie Würmern und Maden zu befischen. Es folgten Köder wie Mais, Hanf und Weizen, Vogelfutter, und erst Anfang der 80er Jahre wurde erstmals mit HNV-Ködern (Köder mit hohem Nährwert), die schon boilieähnlich waren, gefischt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch erstmals die Haarmontage eingesetzt. Wir wollten alle besonders schlau sein und ignorierten diese Entwicklung. Haarmontage, festsitzendes Blei (Fix Lead bzw. Bolt Rig) und Boilie waren für jeden Einsteiger gleich ein Muß. Dieses Verhalten war dem Beschuß eines Spatzen mit einer 20 mm Flak gleichzusetzen, denn unsere Karpfen waren ja noch ziemlich unbeangelt. Ein Jahr später zeigten sich beim Aaseeangeln auch schon die ersten Wirkungen. Die Montagen mussten immer ausgeklügelter werden, um die Fische zu überlisten - und das, obwohl uns immer besseres Gerät zur Verfügung stand (Haken, elektrische Bißanzeiger, etc.). Dieser Zeitpunkt war am Kanal erst 1990 erreicht, was mit dem geringeren Angeldruck zusammenhängt. Seitdem ist es immer schwieriger geworden, Karpfen zu fangen. Das soll nicht heißen, daß keine Karpfen mehr gefangen werden, es soll nur heißen, daß eine langsamere Entwicklung den guten Fangmöglichkeiten nicht so schnell Abbruch getan hätte. Wir sind aus diesem Grund ständig darum bemüht, neue Köder zu testen oder auch neue Angelstellen zu erkunden - mit Erfolg. Wir möchten damit sagen, daß jeder Angler, der Karpfen fangen möchte, sich diese Konstellation genau durch den Kopf gehen lassen sollte. Er sollte sich genau das Gewässer und die Stelle an dem Gewässer, welches er befischen möchte, aussuchen. Er sollte sich auch genauestens überlegen, welchen Köder er verwendet und bei welchen Witterungsbedingungen und Tageszeiten er die dortigen Karpfen beangeln möchte, welches Gerät und welche Angelpraktiken er anwendet und wie er die Stelle vorbereitet. All dies ist nicht einfach und kostet viel Zeit.

Wir verbringen z. B. mehr Zeit mit der Stellenwahl und -vorbereitung, Gewässerbeobachtung und Ködervorbereitung, als mit dem Angeln selbst. Deshalb bitten wir auch um Verständnis für die ärgerliche Reaktion von Karpfenanglern, die an "ihrer" Stelle einen anderen Angler, der ebenfalls Karpfen befischt, vorfinden. Es gibt viele Angler, die nicht so handeln, die umfangreiches und hochqualitatives Angelgerät besitzen und denen es auch ab und an gelungen ist, einen recht großen Karpfen zu fangen. Viele dieser Leute schimpfen sich selbstüberheblich "Karpfenspezialisten". Doch dazu gehören auch die o. g. Eigenschaften und Vorbereitungen sowie Achtung vor der Kreatur Fisch, insbesondere der Karpfen. Zwei Dinge möchten wir an dieser Stelle loswerden. Nicht verachtenswert ist es, einen Karpfen dem Gewässer zu entnehmen, wenn er dann auch einer sinnvollen Verwertung zugeführt wird. Verachtenswert dagegen ist, nicht rekordverdächtige Fische abschätzig und ungebührend wie ein Stück Abfall zu behandeln. Darüber sollten viele der sogenannten "Karpfenspezialisten" einmal nachdenken, bevor sie das nächste Mal zum Wasser gehen.

Wer auch in Zukunft Karpfen fangen möchte, der sollte sich das oben geschriebene zu Herzen nehmen und es vielleicht auch wieder einmal mit konventionellen Ködern versuchen.

 

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