von Olav Haverkamp

Endlich war es wieder so weit, es war Mitte März und es schien, als ob die Zeit mit den dauerhaften Minustemperaturen für diesen Winter hinter uns lag.

Das Thermometer erreichte wieder Tagestemperaturen im Plusbereich und die Eisdecken der hiesigen Gewässer schienen für diesen Winter der Vergangenheit anzugehören. Nach wöchentlicher Abstinenz war es uns nun endlich wieder vergönnt, die Gewässer in ihrer für uns so unwiderstehlichen Schönheit zu erleben.

Dies war auch der Grund, das übliche sonntägliche Kaffeetrinken mit meiner Familie bei meinen Eltern ausfallen zu lassen. Statt dessen verbrachte ich den Sonntagnachmittag  damit, einige Gewässer zu inspizieren. Diesen Gedanken verfolgte ich nicht alleine und so ergab es sich, dass ich einen alten Freund von mir mit den gleichen Absichten traf. Georg, mit dem ich das erste Mal am „La Hore“ war, verfolgte die gleiche Absicht und so fügte uns das Schicksal mal wieder zusammen.

Ihr kennt das mit Sicherheit auch - wie es so üblich unter Karpfenanglern ist, kamen wir schnell zum Wesentlichen und es dauerte nicht lange und wir hatten uns zum ersten Angeltrip für dieses Jahr verabredet. Mitte April hatten wir beide Zeit uns für ein paar Tage abzuseilen. Nun mussten wir uns nur noch das passende Gewässer aussuchen, an dem wir die Saison 2003 eröffnen wollten. Nach langem hin und her beschlossen wir, vier Nächte an der Weser unser Glück zu versuchen, immerhin waren die letzten Nächte frostfrei geblieben und der Wetterbericht für die nächsten Tage sah auch sehr vielversprechend aus. Um uns einen Eindruck von der Weser zu machen und gegebenenfalls eine geeignete Angelstelle ausfindig zu machen, fuhren wir einige Tage nach unserem ersten Treffen Richtung Minden. Georg hatte sich zuvor einige interessante Informationen und Tipps aus dem Internet besorgt, mit deren Hilfe wir uns nun auf den Weg machten. Bis auf einen Kurztrip, der mich vor zwei Jahren an die Weser führte, war das Gewässer für uns bis dato noch Neuland gewesen. In Minden angekommen begutachteten wir einige Stellen und je mehr wir durch die Gegend fuhren, um eine passende Location für unseren Trip auszusuchen, um so unschlüssiger wurden wir. Letztendlich entschlossen wir uns für eine Stelle nahe Wietersheim. Der Vorteil des ausgesuchten Angelplatzes lag darin, dass man mit dem Auto direkt bis ans Wasser fahren konnte, und da es sich um das erste Angeln in diesem Jahr handelte, waren wir von dieser Begebenheit auch recht angetan. Da wir nun schon mal in Minden waren, beschlossen wir, uns gleich die nötigen Papiere zu besorgen, um die Woche darauf direkt ans Wasser fahren zu können. Ein Angelladen war auch schnell gefunden und der Inhaber erzählte uns, dass es in direkter Nähe an der Stelle wo wir fischen wollten einen Zufluss zu einem Baggersee geben würde und die Stelle schon so einige gute Fische gebracht hatte. Den  Baggersee hatten wir zwar gesehen, doch den besagten Zufluss leider nicht. Also ließen wir uns genau beschreiben, wie wir diese Stelle erreichen konnten. Da sie angeblich auch leicht mit dem Wagen zu erreichen war, beschlossen wir unser Glück dort zu versuchen. Wenige Tage später belud ich meinen Wagen zum ersten Mal in diesem Jahr mit meinen Angelsachen und die Vorfreude auf ein paar schöne Tage am Wasser lies ein breites Grinsen über mein Gesicht wandern. Da wir mit dem Wagen angeblich fast bis ans Wasser fahren konnten, lies ich meinen Trollie zu Hause, ein Fehler, den wir noch gründlich bereuen sollten.

Um 11 Uhr traf ich mich mit Georg, um gemeinsam Richtung Minden zu fahren. Auch ihm sah man die Freude deutlich an, dass es endlich wieder zum Fischen ging. Nach gut 1,5stündiger Fahrt erreichten wir unser Ziel; den Baggersee und stellten fest, dass der Zufahrtsweg zum Wasser durch einen aufgeschütteten Erdwall versperrt war. Mit dem Wagen kamen wir hier auf keinem Fall weiter. Also ließen wir unser Tackle erst einmal im Wagen und suchten die Stelle, wo die Weser eine Verbindung zum  Baggersee hatte. Nach 15-minütigem Fußmarsch hatten wir die Stelle dann auch gefunden. In unseren Augen war es ein perfekter Platz, wäre der lange Fußweg nicht gewesen. Also stiefelten wir zum Wagen zurück und versuchten von der anderen Seite an die Stelle zu kommen, doch der Weg erschien uns noch länger. Also, wieder zurück zur Ausgangsposition und frisch ans Werk.

Was nun begann, war das bisher Schlimmste, was ich in meiner langjährigen Angelkarriere erlebt hatte. Da Georg auch davon ausgegangen war, dass wir mit dem Wagen relativ nah bis ans Wasser fahren konnten, hatte er seinen Trolli auch zu Hause gelassen, und so mussten  wir das gesamte Tackle zur Angelstelle tragen. Im ersten Moment hört sich das auch nicht weiter schlimm an, doch wenn man einmal davon ausgeht, dass es schon 15 Minuten ohne Ausrüstung gedauert hat, bis wir die Stelle erreicht hatten, kann man sich jetzt wohl vorstellen, was für ein Kraftakt vor uns lag. Wir beschlossen als erstes unsere gesamte Ausrüstung bis zum Weserufer und dann Stück für Stück weiter bis zum Angelplatz zu tragen. Theoretisch hört sich das auch ziemlich einfach an, doch alleine das Tackle bis zum Weserufer zu schleppen, war schon ein Kraftakt. Als wir nun das gesamte Tackle am Weserufer liegen hatten, begannen wir es, wie besprochen, Stück für Stück bis zum Angelplatz zu tragen. Anfangs lief es auch recht gut und wir liefen teilweise drei bis vierhundert Meter mit den einzelnen Ausrüstungsgegenständen, um dann zurück zu laufen und das nächste Material zu holen. Je öfter wir nun so das Tackle vom Weserufer in Richtung Angelstelle trugen, um so kürzer wurden die Wege. Aus anfangs drei- bis vierhundert Meterabschnitten wurden 50- bis 100 Meterabschnitte. Die Ausrüstung schien uns tonnenschwer und ein Schäfer, der uns bei unserem Unterfangen beobachtete, war sichtlich amüsiert. Das Futteral schnitt sich in die Schulter oder die Ruckbox schlug bei jedem Schritt in die Nieren. Waren wir anfangs noch zu Späßen aufgelegt, so wich unser anfängliches Grinsen einer ernsten Mine, einer sehr ernsten Mine. Den Gesichtausdruck von Georg, wie er mit einem 20 kg Sack Forelli auf den Schultern an mir vorbei ging, werde ich so schnell nicht vergessen. Zu diesem Zeitpunkt zweifelte ich an meinem Verstand. Welcher Mensch nimmt freiwillig solche Strapazen auf sich, nur um ein paar Tage fischen zu gehen? Es war schon verrückt. Nach 2,5stündiger Schwerstarbeit war es endlich vollbracht und das Tackle war an seinem Platz. Sichtlich abgekämpft bauten wir unser Camp auf. An diesem Abend schmeckte noch nicht einmal das Bier und wir gingen relativ früh schlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von einem sonnigen Tag begrüßt und die Strapazen des letzten Tages waren vergessen. Ab nun genossen wir die Tage am Wasser und Petrus schien uns für unsere Mühen mit einem Traumwetter zu belohnen. Am dritten Tag hatten wir auch endlich Fischkontakt, doch leider verlor Georg direkt nach dem Anschlag den Fisch in der Steinpackung. Schade, ich hätte es ihm wirklich gegönnt! Bis auf diese Aktion blieben die Bissanzeiger stumm. Wir verbrachten die Zeit am Wasser damit, unser Tackle für die bevorstehende Saison zu überprüfen und einige Rigs zu basteln. Am Morgen des vierten Tages mussten wir leider diesen doch sehr schönen Angelplatz verlassen und wieder Richtung Heimat fahren. Da wir am Vortag schon einiges von unserer Ausrüstung zum Wagen gebracht hatten, gestaltete sich das Verlassen des Angelplatzes als nicht so dramatisch, wie das vorhergegangene Beziehen der Angelstelle.

Leider war es uns nicht gegönnt, einen Karpfen zu fangen, doch bleibt mir diese „Tour der Leiden“ mit Sicherheit unvergessen, auch ohne Fisch hatten wir beide Spaß an unserem Trip und wir werden die Weser jetzt wohl öfter besuchen. Ich hoffe, Euch hat der Bericht gefallen, auch wenn es diesmal nicht um den Fang eines oder mehrere Großkarpfen ging. Der Alltag am Wasser ist nicht immer vom Erfolg gekrönt und es gehört einfach zu unserem Hobby, auch einmal blank nach Hause zu fahren. Es ist auch nicht immer wichtig, einen Fisch zu fangen. Mal wieder ein paar schöne Stunden draußen in der Natur zu verbringen sind für mich Belohnung genug und mit dem richtigen Angelpartner sind solche Touren für mich immer ein Erfolg. In diesem Sinne ...

Olav Haverkamp und Georg Schulze-Hillert

 

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