Es ist wieder Freitag. Die Arbeit der Woche ist getan und mit dem letzten flüchtigen Gedanken im Kopf freut man sich auf das kurze, aber erholsame Wochenende. Es dauert noch eine Weile, bis alle Aufgaben erledigt sind und bis dieses unruhige Gefühl den Körper durchdringt. Ein Gefühl, das man noch kennt, wie wenn man als kleiner Junge an seinem Geburtstagsmorgen das Wohnzimmer betritt. Vorfreude, Spannung und diese Ungewißheit darüber, was einen erwartet. Fast schlagartig spitzt sich alles zu: Alles wird schnellstens gepackt und verstaut. Hab´ ich auch nichts vergessen? Hab´ ich die Köder dabei? Einen flüchtigen Gruß an die Hinterbliebenen und man befindet sich schon hinter dem Lenkrad seines vollgepackten Autos. Im Radio laufen die Nachrichten über die Geschehnisse des Tages. Klick! Der Finger drückt ein paar Tasten, bis die passende Musik vom Band läuft. Alles hinter sich lassen; keinen Gedanken mehr an das Vorherige, mit nur das eine Ziel vor Augen. Das Wasser!

Das Auto wird am Seitenstreifen geparkt und man schleicht voller Erwartung zum Ufer. Die Sonne bricht sich auf der Wasseroberfläche und blendet die flüchtigen Blicke, die auf der Suche nach Fischen sind. Noch ein kurzer Atemzug dieser herrlichen Frühlingsluft und man verfällt wieder in Hektik. Das Futteral auf der Schulter, der Rucksack auf dem Rücken und die Liege in der Hand. Die Tüte mit den vorbereiteten Ködern wird vorsichtig von den Zähnen gehalten. Als erstes werden die Ruten zusammengesteckt; jede mit einem anderen Köder in verschiedenen Variationen. Wohin werfe ich sie bloß? Nah ans’ Ufer, oder doch mehr zur Mitte? Aber da war doch die kleine Sandbank, der überhängende Busch, die Muschelkante an den Ufersteinen. Und schon liegen alle Montagen perfekt platziert, wartend auf den Fisch, der ihnen nicht widerstehen kann. Der Schirm wird leise aufgebaut und das Lager für die nächsten Stunden errichtet. Alles penibel an seinen dafür bestimmten Platz. Die Ruten werden nochmals überprüft, um sich zu vergewissern, dass auch alles glatt läuft, wenn es darauf ankommt.

Der Kreislauf beruhigt sich langsam und man beginnt die kleinen Dinge um sich herum wahrzunehmen. Ein kleiner dunkler Käfer kämpft sich seinen Weg durch das aufgewärmte Gras, auf der Suche nach Nahrung. Inzwischen steht die Sonne schon hinter dem kleinen Wäldchen und die Bäume werfen die ersten Schatten auf das Wasser. Man beginnt die Abläufe der Natur zu verstehen und wird ein Teil von ihnen. Wie man da so sitzt, in voller Hoffnung, verliert man immer und immer mehr das angestrebte Ziel - den Fisch - aus den Augen. Alles um einen herum wird interessanter und die müden Augen kreisen durch diese wundervolle Landschaft. Das Rascheln einer Maus zwischen den fast vermoderten Herbstblättern ist das letzte wahrgenommene Geräusch, bevor man vom Schlaf überwältigt wird.

Die Dunkelheit hat sich über das Wasser gelegt und nur der Schrei des Käuzchens durchbricht die Stille der Nacht. Piep...Piep...Piiiieeeeep !

Adrenalin pur schießt durch die Adern. Der Reißverschluss des Schlafsackes schnellt auf und die Zelttür wirbelt durch die Luft. Ein kräftiger Griff zur Rute und dann der erste Kontakt zum Fisch. Die Schuhe stehen in Reih´ und Glied vor der Liege, aber wen interessiert das jetzt noch? Die Finger spielen mit der Bremse, um die Fluchten des Tieres abzuwehren. Auf dem Wasser tanzende Nebelschwaden werden von der Leine wie Butter durchtrennt. Ein kurzer Blick zum Kescher: Ist er in erreichbarer Nähe? Erleichtert und mit dem Netz zwischen den Beinen wird der Fisch langsam müde. Noch eine leichte Flucht und der Fang wird über den Kescher geführt. Neben dem Zelt angekommen präsentiert sich der majestätische Fisch in seinen schönsten Farben. Das Herz rast und die Knie zittern vor Aufregung. Schnell wird die Waage eingehängt und zur Erinnerung gibt es ein Foto mit dem Selbstauslöser. Kurz darauf schwimmt das Tier wieder in seinem natürlichen Element. Noch völlig verwirrt, rettet er sich mit zwei kräftigen Schlägen seiner Schwanzflosse in die Tiefe. Ein letzter Blick. Kurze Zeit später liegt die Rute wieder frisch beködert im Wasser und mit einer halbleeren Tasse Kaffee in der Hand kommt auch der Schlaf zurück.
Das Schnattern zweier Enten stört die süßen Träume und um das Zelt herum ist das Leben schon wieder in vollem Gange. Die Freiheit, die man an einem solchen Ort verspürt, ist tief in unseren Seelen verankert und verbindet jeden von uns miteinander. Auch wenn jeder Angler diese Momente unterschiedlich erlebt, sind es dennoch dieselben Eindrücke, die auf uns einwirken. Nicht ein großer Fisch oder viele Fische machen solche Stunden zu etwas Besonderem, sondern inwieweit man die Stimmen der Natur hören kann.
„Denn wenn ich so allein im Zwielicht der Natur stehe, dann scheint alle Existenz in einem Wesen, mit meiner Seele, mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen, mit den Klängen des Flusses. Und ich hoffe, dass der Fisch beißt. Am Ende fließen alle Dinge ineinander und aus der Mitte entspringt ein Fluss. Der Fluss wurde bei der großen Überschwemmung der Welt begraben. Er fließt aus den Kellern der Zeit über Steine. Auf einigen Steinen befinden sich zeitlose Regentropfen. Unter den Steinen sind die Wörter. Doch einige Worte wird man nie verstehen.

 

"Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen.“     
(Aus: „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ )

Viel Glück,

Euer Thorsten Becker

 

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