von Tanja Böckle
B
is vor einem Jahr waren die einzigen Erfahrungen die ich mit Angeln verband, spanische Opis, die ich im Urlaub bei sengender Hitze mit Strohhüten im beruhigten Hafenbecken angeln sah und ein enttäuschendes Erlebnis zu dem mir meine Eltern verhalfen, als sie mich an den Kanalrand setzten und mir ein Stöckchen in die Hand gaben am dessen oberem Ende sie einen Faden gebunden hatten. Wie zu erwarten war, konnte ich mit diesem Gerät keinen Fisch haken. Bis mir vor einem Jahr ein Köder serviert wurde, zu dem ich nicht nein sagen konnte. Den Köder geschluckt und gehakt schaffte mein Hunter es, mich aus meinem trüben Tümpel zu ziehen und auf die Matte zu legen. Auf der Matte liege ich jetzt nicht mehr und den Haken bin ich auch wieder los, nur das mit dem Zurücksetzen hat nicht so ganz geklappt.

Und so fing alles an ...
Schon bei unserem ersten Treffen erzählte er mir von seiner Passion, was es für ihn bedeutet einen Fisch, speziell einen Karpfen, zu haken, ihn drillen, landen und nach dem Wiegen und Fotografieren wieder in sein Element gleiten zu lassen (also kein spanischer Opa, der dem Fisch den Schädel einschlägt). So wirklich konnte ich mir das „andere“ Angeln, besonders das Karpfenfischen mit Bissis die „losbrüllen“, den Übermengen von Adrenalin, die mit diesen Tönen in den Körper gepumpt werden, Boilies und Dips in den seltsamsten Geschmacksrichtungen (z.B. Moschus von Eurobaits), nicht vorstellen.

Bis zu meinem ersten Besuch am See, Thorsten erklärte mir die ganzen technischen Wunderwerke, was ein Rig ist und präsentierte mir ein Boilie. So langsam fand ich die ganze Geschichte mit dem Karpfenfischen irgendwie spannend und meine Besuche am See häuften sich. Zwischen Liebesgeflüster und zärtlichen Küssen erhielt ich Unterricht im Rigs binden, auswerfen und hin und wieder bekam ich auch einen Karpfen zu sehen, bis er mir im Drill seine Rute gab und sagte: „Das ist deiner!“ Wow, mein erster Karpfen, das erste Mal mit der Rute in der Hand am Ufer zu stehen, den Fisch am anderen Ende der Schnur zu spüren und ihn langsam ans Ufer zu führen – einfach genial! „So jetzt nur noch wiegen und in die Kamera halten, dann können wir ihm die Freiheit schenken !“ Na ja, bei den meisten von euch wird diese Prozedur schon routiniert ablaufen, aber für mich war es „das erste Mal.“ Mit Hilfe von Thorsten und der entspannten Gemütslage meines ersten Karpfens hat es doch ganz gut geklappt.

Es war um mich geschehen ! Mit geschwellter Brust verkündete ich meinen ersten Erfolg mit einem wunderschönen 14,5 Pfd. schweren Spiegelkarpfen. Es dauerte nicht mehr lange bis Thorsten mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte mit ihm und einem Kumpel an einen einsamen verträumten See in Frankreich zu fahren, an dem wir die Natur genießen und Karpfen fangen könnten. Die Vorstellung von einem Angelurlaub im Mai bei schönem Wetter zeltend an einem See lies ich mir durch den Kopf gehen und sagte Ja. Allerdings bevor ich wusste, daß die nächste Toilette 10 min. Autofahrt entfernt ist. Also war es nicht nur daran, mehr Erfahrung beim Angeln zu sammeln und einen schönen Urlaub mit meinem Liebsten zu verbringen, sondern auch im Freien zu pinkeln. Mit viel Überwindung hat auch das geklappt bevor es hieß „ab nach France!“. Ich war also vorbereitet auf meinen ersten Trip. Dachte ich!

Samstag 5.00 Uhr: Unser Wecker bittet um Gehör. Jetzt noch schnell Duschen, kurz Kaffee kochen, etwas zu Essen mitnehmen und dann nichts wie los! Nach 6 langen Stunden Fahrt kamen wir (Jonas, Thorsten und meine Wenigkeit) endlich ans Ziel. Als wir im Büro des Seewärters standen, um den Schlüssel für die Einfahrt abzuholen meinte dieser ganz beiläufig, wie ungünstig es wäre den Elektrozaun nach der Einfahrt nicht zu schließen. ELEKTROZAUN ? In mir wuchsen die schlimmsten Befürchtungen,  doch ich wurde gleich wieder von Thorsten beruhigt – es seinen ja NUR Wildschweine. Die nächsten 10 min. dachte ich angestrengt darüber nach, wie ich die Jungs zur Rückreise überreden könnte. No Way ! Aber mein Schatz versprach mir, mich immer zu begleiten wenn es dunkel ist. Gut – am See angekommen, Sonnenschein, ca. 35 Grad und Kein Schatten! Jetzt Auto ausräumen und aufbauen. Geschenkte Übung ! Ganz so einfach war es dann doch nicht, hatte ich bis dato noch nie ein Zelt aufgebaut. Na ja, dann haben eben die Männer die schweißtreibenden Tätigkeiten übernommen und ich habe mich auf das Einrichten der Küche und meines Kleiderschranks beschränkt.

Drei schweißtreibende Stunden später war fast alles aufgebaut, der See nach befischbaren Stellen durchkämmt und die fertigen Montagen mit der Nussschale abgelegt. Zum ersten Mal seit der Ankunft konnten wir die Aussicht, den See, die Ruhe und Schönheit dieses kleinen Paradieses genießen. Wir drei inmitten der geballten Kraft satter Natur. Überwältigend! Nach kurzer Kaffeepause gingen Thorsten und Jonas abwechselnd los, um Köderfische für die 2 Ruten zu fangen, die sie in der Nacht auf Wels auslegen wollten. Der ca. 10 ha große See ist sicher in ein Naturschutzgebiet eingebettet und war bis zu unserer Ankunft nahezu unberührt. Er darf laut der französischen Naturschützer nur in einem Drittel befischt werden – es sollte also nicht zu einfach werden in dem hindernisreichen Gewässer einige Karpfen zu überlisten.

Thorstens Futterstrategie war einleuchtend, da die Karpfen keine Köder gewohnt waren, nicht zu viel zu füttern, eher punktuell auf die Montagen und Particles als Beschäftigung. Köderfische waren mittlerweile auch beschafft und die Ruten auf Waller ausgelegt. Gut, alles war erledigt. Frisch gestärkt erwarteten wir die Nacht. Die Sonne verlor an Höhe und als sie die Wipfel  der Bäume am anderen Ende des Sees berührte, verglühte sie langsam mit einem atemberaubenden Lichtspiel und verschwand. Die erste Nacht war angebrochen, der Vollmond hatte alle Wolken beiseite geschoben und erhellte die Dunkelheit mit seinem silbernen Glanz. Die Müdigkeit schlich sich langsam in jeden meiner Muskeln und lies mich schlapp und kraftlos werden. Ein letztes Aufbäumen noch, dann machte ich es mir auf der Liege bequem und wünschte von einem Beeep geweckt zu werden. Nach neun Stunden Tiefschlaf öffnete ich die Augen, die Sonne erwärmte schon lange den See und unser Zelt, flüchteten Thorsten und ich aus der Hitze im Zelt und genossen unseren ersten Kaffee und den See. Thorsten fragte mich, ob ich gut geschlafen hatte. Ich antwortete mit Freude „Ja, wie ein Stein!“. „Das haben wir gemerkt, du hast den Waller verpennt!“. „Na toll“, dachte ich, welch eine Blamage! Das war allerdings nicht der Grund, warum mein Schatze sich so viele Gedanken machte. Es waren Fragen wie: War es zu warm, die falschen spots oder der Vollmond, weshalb kein Karpfen beißen wollte? Fragen über Fragen in seinem Kopf, die er nur mir stellen konnte, da Jonas es vorzog um 12.00 Uhr immer noch zu schlafen.

Ich glaube, wirklich kreative und clevere Antworten hatte ich nicht parat, aber wir entschlossen uns, es mit dieser Methode noch eine Nacht zu versuchen. Nach dem Frühstück die Ruten frisch beködern, nach anderen Hotspots suchen, ein Plateau in der 1,20 m tiefen Badewanne, einen anderen Untergrund finden – irgend etwas musste es doch geben ! Wir stellten einen Teil der Ruten von sinkenden baits auf pop-up und Schneemann um und hofften erfolgreich zu sein. Der Abend rückte näher ohne einen Ton der Bissies. Die Sonne schickte sich an, uns wieder das Schauspiel vom vorigen Abend zu präsentieren, als es geschah: Beeeeep der Bissi brüllte, der Swinger schnellte hoch und die Bremse surrte – genial! Jonas drillte den ersten Karpfen unseres Trips. Jetzt geht’s los – dachten wir! Aber unsere Hoffnung von einer schlaflosen Nacht hatte sich am nächsten Morgen nicht erfüllt. Es blieb bei dem einen Karpfen, der sich an unseren Futterplatz verirrt hatte und einen Hecht um 2.00 Uhr. Es war Montagmorgen, die Sonne blitzte hell durch die wenigen Wolken und bot ein Spiel aus Licht und Schatten. Ich saß auf meinem Stuhl unter unserem gebastelten Schattenspender und trank meinen ersten Kaffee. Thorsten suchte irgendetwas im Zelt, als ich dachte gesehen zu haben, daß sich der Swinger an einer der Karpfenruten bewegt. Mein Blick verharrte bei dem roten Swinger an Jonas` Pond – und da – er bewegt sich schon wieder. Ungläubig rief ich Thorsten- er solle sich das mal anschauen. Er setzte nach kurzer Beobachtung den Anhieb und hatte Kontakt zum Fisch – ein kleiner Schuppi mit 8,5 Pfd. Jonas hatte den Bissanzeiger nichts eingeschaltet, da konnte klar kein piep kommen!

Es stand also bei 2 ausgewerteten Aktionen auf Köderfisch und 2 Karpfen. Das konnte nach fast 48 Stunden an einem Gewässer das so vielversprechend aussah doch nicht die einzige Ausbeute an Karpfen sein. Wir mussten etwas tun! Schließlich blieben uns nur noch 3 Nächte und Thorsten war sehr daran interessiert, mir noch einige Karpfen zu präsentieren, damit ich auch beim nächsten Trip mitkomme. Thorsten und ich fuhren in den nächsten Supermarkt und plünderten dort den Kichererbsen- und Maisvorrat.

Wieder am See abgekommen, mischten wir noch Frolic zur Beute unseres Streifzuges, schütteten die 5 kg Partikelmix mit Frolic in den See und legten einen großen Futterplatz an. Es war mittlerweile schon Nachmittag, die Sonne stand hoch und brachte eine ungeheure Hitze mit sich. Sie erwärmte den See so stark, daß sich Algen vom Grund lösten und sich wie ein Teppich über die Wasseroberfläche legte. Wir konnten einige Karpfen in unserer, von Inseln abgeschirmten Bucht beobachten, die sich träge an der Oberfläche treiben ließen. Sie warteten auf Abkühlung – wie wir auch! Mittlerweile war es dunkel geworden, die Sonne versank und der abnehmende Mond versteckte sich hinter den wenigen Wolken, die der aufkommende Wind über unser Paradies trug. Die Nacht war angenehm mild und so blieben wir etwas länger vor unseren Zelten sitzen. Es muss ca. 2.30 Uhr gewesen sein, als Thorsten und ich uns in unseren Kojen begaben, unsere rituelle Gute Nacht-Zigarette rauchten und von einer schlaflosen Nacht träumten. Gerade die Lampe gelöscht und in den Schlafsack gekuschelt – Piiiieeeeeep! Jonas torkelte aus dem Zelt und riss die Rute bis zur Schnurbruchgrenze hoch. Über dem Kopf drillend versuchte er so wenig wie möglich Schnur im Wasser zu lassen wegen der zahlreichen Hindernisse  im Wasser; doch der Carp bemühte sich, es ihm nicht allzu einfach zu machen. Den Fisch ausgedrillt, gekeschert, Haken gelöst und in die Waage eingehängt – sagenhafte 20 Pfd! – schon einer von den Größeren aus diesem See.

...die Nacht der Nächte: Jonas und Thorsten drillen abwechselnd im Stundentakt. Gerade genug Zeit, den Fisch zurück zu setzen, zu gratulieren, neu auszuwerfen und noch eine Siegesziggo zu rauchen. Es war 9.30 Uhr, wir hatten kaum geschlafen, den letzten Fisch gerade zurückgesetzt und die Fangliste war um 6 Einträge reicher. Wir warteten gespannt bei einer Tasse Kaffee auf den nächsten Run. Es wurde 11.00 Uhr und nichts geschah. Thorsten und Jonas mengten die letzten Mais-, Kichererbsen- und Frolicvorräte untereinander und fütterten, was das Zeug hält. Jetzt kam auch meine Stunde der Wahrheit: Thorsten löste sein Versprechen ein, mir eine Rute zur Verfügung zu stellen, wenn es gut liefe. Also, meine Rute beködert und etwas außerhalb vom Futterplatz ausgelegt wartete ich gespannt auf meinen ersten Run. Es dauerte und dauerte, Thorsten und Jonas konnten vor Einbruch der Dunkelheit noch 2 schöne Karpfen landen, und ich saß immer noch hochkonzentriert, alles schon tausendmal in meinem Kopf durchgespielt, da und nichts.

Thorsten fragte mich gerade zum 500. mal, was ich bei einem Run oder Fallbiss beachten müsse, als der Bissi an meiner Rute losbrüllte, ich alle auswendig gelernten Theorien vom Nachmittag hatte und mit weichen Knien zum Pod stolperte. „Schlag an und dann Rute hoch und keine Schnur geben!“ Wie in Trance folgte ich den Befehlen, die von den hinteren Reihen gebrüllt wurden. Yes ! Der schönste Schuppi des Sees und den hab ich gefangen! Den Körper voller Adrenalin feierte ich meinen bis dato schwersten Fisch. Das andere Geschlecht rottete sich zusammen, gratulierte kurz, um dann meinen etwas unbeholfenen Umgang mit der Rute zu belächeln. Aber jetzt konnte mir nichts die gute Laune verderben und ich wartete weiter gespannt was passiert.

Nicht ganz eine Stunde später, schon wieder piept es und schon wieder an meiner Rute. Hehe- Jungs- geht bei euch nichts mehr? Nach dem Anhieb, der Karpfen wollte es mir nicht zu schwer machen, kam er mit und lies sich ohne Murren keschern. Nach dem Foto bedankte ich mich bei dem kleinen Spiegler fürs Stillhalten uns setzte ihn zurück. Gleich darauf gingen wir in unsere Zelte und schliefen schnell ein. Aus dem Tiefschlaf gerissen- ein erfreuliches Geräusch – Thorsten taumelt schlaftrunken zur Rute und landete nach kurzem Drill einen 14 Pfd. Spiegler. Die Rute wurde wieder platziert und kurz darauf wurden die 3 Rotaugen am Haar an der Wallerrute attackiert. Jon trat in Aktion und konnte nach zwei Fluchten seinen bislang größten Wels mit 17 Pfd. landen. Dies sollte der letzte Fisch unseres Trips sein. Am Morgen, etwas früher als sonst, packten wir zusammen und begaben uns auf den Heimweg.

Dies war mein erster, für alle erfolgreicher Trip auf Karpfen. Darauf folgten bis heute 3 Auslands- und 3 Trips in näherer Umgebung, Meinen P.B. konnte ich im März diesen Jahres bei einem 2-wöchigen Trip nach Frankreich auf 35 Pfd. steigern. In diesem Moment sitze ich mit meinem Schatzel im Zelt und erwarte das Gewitter, das sich mit großen dunklen Wolken und lauten Donnerschlägen über dem Wald hinter dem kleinen See ankündigt und hoffentlich die großen Karpfen an unseren Platz bringt...

 

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