mit Jürgen Meyer von Heinz Kersten

Samstag, 26. August 2001. Ich sitze im Auto und fahre in Richtung Bremen. Draußen ist es sehr heiß. Immer wieder gehen mir die Fragen durch den Kopf, die ich in kürze Jürgen Meyer von der Firma M&M Baits stellen werde. Jürgen Meyer, diesen Name hat sicherlich jeder von uns schon einmal gelesen oder zumindest gehört. M&M Baits, dieser Name steht für Qualität und Zuverlässigkeit. In mir verspüre ich eine geringe Anspannung. Wie wird sich Jürgen beim Interview verhalten. Wir kennen seine Produkte. Boilie-Mixe, Zutaten, Flavor, Fertigboilies u. v. m., doch den Macher selbst kennt fast keiner. Noch wenige Meter und ich bin am Ziel. Jürgen empfing mich mit einer Tasse Kaffee. Wir sprachen über Gott und die Welt. Doch dann wurde es ernst und wir zogen uns zurück. Das Interview begann.

  1. Seit wann angelst Du?
    Ich fische seit 1979, erst auf Hecht / Raubfisch, aber der Karpfen hat mich schon immer interessiert. Ich habe schon früh angefangen, mit verschiedenen Teigködern zu angeln.
     
  1. Wie bist Du zum Karpfenangel gekommen?
    Das Karpfenangeln war schon immer ein Mythos für mich. Ab 1983 / 1984 interessierte mich der Karpfen immer mehr. 1986 hat dann den Ausschlag gegeben. Ich las einen Bericht im Blinker „Boilies auf die harte Tour“. Der hat den Schlüssel gegeben, dass man ausschließlich auf Karpfen angeln konnte. Seit dieser Zeit habe ich fast ausschließlich auf Karpfen geangelt; 1986 habe ich 7-8 Wochen intensiv auf Karpfen geangelt und von da an wurde es von Jahr zu Jahr mehr.
     

  1. Seit wann gibt es M+M Baits?
    Seit 1992
     
  1. Was hat Dich damals veranlasst, mit eigenen Produkten auf dem hiesigen Markt zu erscheinen?
    Eigentlich das Problem, dass man keine vernünftigen Zutaten auf dem Markt kaufen konnte bzw. keine Qualität bekam oder diese dann immer sehr unterschiedlich war.
     

  1. Seit dem letzten Jahr hast Du auch einen kleinen Angelshop. Beim stöbern viel mir auf, dass Du sehr viele exklusive Firmen im Programm hast. Kann man in Zukunft damit rechnen, dass Du auch mit Deinem Shop online gehst?
    Ich bin dabei, es zu planen. Ich denke, dass in der nächsten Zeit was kommen wird, weiß aber noch nicht in welchem Umfang und wann das erscheinen wird. Es werden hier und da einige Kleinteile reinkommen, aber ich da jetzt einen großen Shop draus mache, weiß ich jetzt noch nicht.  

  1. Wie viele Leute stehen hinter den Namen M+M Baits?
    Früher waren es mal zwei, aber seit Herbst 1993 mache ich das alleine mit meiner Frau. Ich habe noch zwei Freunde, Peter und Mirko, die mir helfen, aber hinter dem Namen stehe ich eigentlich alleine mit der Hilfe meiner Frau.
     

  1. Wie wir wissen, hast Du eine Frau und zwei sehr nette Kinder. Bleibt das Familienleben nicht ein wenig auf der Strecke?
    Ja, teilweise schon. Ich danke meiner Frau, dass sie das alles mitmacht und mir hilft. Da habe ich wirklich Glück!
    Nimmst Du Deine Kinder mit zum fischen?
    Ja, den Nils, mein Jüngster, nehme ich mit, seit er vier Jahre alt ist. Das ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte. Er durfte erst mit mir zum angeln kommen, wo er nicht mehr in die Hose machte. Kevin ist, nachdem Nils das erste Mal mit war, auch mitgekommen, so nach dem Motto, wenn das mein kleiner Bruder macht, muss ich das auch, obwohl er etwas Angst vorm fischen hat. Das ist jedoch meine Schuld. Er hat als 1,5 Jähriger einen 30 Pfund Karpfen in einem schwarzen Karpfensack auf der Matte gesehen, der dann einen kräftigen Schlag machte und der schwarze Sack hochging. Seit dem hatte er Angst und ich habe einige Jahre gebraucht, bis er wieder mitwollte, geschweige denn einen Fisch anfasste.
     

  1. Bei der ganzen Arbeit die Du hast, kommst Du da noch zum fischen?
    Ja, denn ich habe mir von Anfang an geschworen, mir einen Tag in der Woche für das Angeln Zeit zu nehmen. Wenn ich die nicht mehr hätte, würde ich mir was anderes überlegen. Denn man darf seine persönliche Sache nicht vergessen; wenn man sieben Tage die Woche arbeitet, macht man sich irgendwann kaputt. Was ich nicht mehr mache, ist das Winterfischen. Die Winterzeit nutze ich, um Sache, die über das Jahr hinweg liegengeblieben sind aufzuarbeiten und um Energie zu tanken. Früher, wo ich die Messen gemacht habe, hatte ich eh schon keine Zeit zum fischen und meiner Meinung nach ist das Winterfischen eh eine Sache für sich. Bei mir fängt das Winterfischen erst bei einer Wassertemperatur unter 8°C an. Ich habe 6 bis 7 Winter gefischt und die Erfahrung gemacht, dass wenn Ostwind ist, die Wassertemperatur stark fällt und ich zu 99,9 % nichts gefangen habe. Wenn ich im Winter spontan angeln gehe, such ich mir das passende Wetter und das passende Gewässer aus. D. h. ich angel da, wo ein relativ hoher Fischbestand ist und dann habe ich meistens auch Erfolg.
     

  1. Welche Gewässer beangelst Du am liebsten, Kanäle, Flüsse, Baggerseen ...usw.?
    Ich habe eigentlich kein festes Gewässer, wo ich regelmäßig angel. Ich angel gerne mal am Kanal, was aber auch Zeitgründe für mich hat. Sonst such ich mir immer ein Gewässer, wo für mich ein interessanter Fisch drin ist. Z. B. der größte Fisch im See, das ist für mich interessant, aber das muß nun nicht ein 40 oder 50 Pfünder sein. Ich lege Wert auf die Natur; dass ich nicht an einem nackten Gewässer sitze, wo andere Angler rechts und links direkt jeden gefangen Fisch von mir mitbekommen, da dann auch die Stelle meistens danach besetzt wird.
     

  1. An welchen Gewässern werden Deine Mixe und Produkte getestet?
    Meine Mixe werden an verschiedenen Gewässern getestet. Ich habe ein Hausgewässer, das ich nun 12 Jahre kenne. Dadurch kann ich am objektivsten begutachten, ob die Fische das gut annehmen. In Kanälen, Stauseen, natürlichen Seen wird aber überall getestet. Ich fische eine bestimmte Zeit damit und fütter auch 2 – 3 Monate auf dem gleichen Platz damit an. Auch die Verdauung bei den Fischen spielt eine große Rolle und in meinem Hausgewässer kann ich auf einer klaren Sandbank sehen, ob da noch Boilies liegen oder nicht, da ich auch extrem helle Boilies herstelle, die sich dann gut vom Grund abheben.
    Von wem werden Deine Boilies gestestet?
    Peter und Mirko, die beiden, die mir helfen testen mit. Ich habe in dem Sinne keine Testangler, die offiziell für mich als Testangler tätig sind. Ich habe noch zwei, die für mich testen und mir dann sagen sollen, ob die Boilies was bringen oder nicht. Wenn ich was Neues habe, frage ich natürlich auch meine Stammkunden, ob sie das mal testen möchten und mir dann sagen, ob das o.k. ist oder nicht. Die Vortesterei übernehme ich natürlich erstmal selbst, denn was mir nicht zusagt, gebe ich auch gar nicht erst weiter. Ich habe mir einen hohen Qualitätsstandard gesetzt, der sich schon teilweise gar nicht auszahlt, denn wenn ich das Material und die Testerei dazurechne, wären diese Sachen schon preislich viel zu hoch.
    Machst Du für Dich alleine denn auch mal eigene Produkte?
    Ja, teilweise schon.
    Erfolgreich?
    Bei manchen schon, bei anderen nicht. Ich habe Produkte, die wirklich gut funktionieren, die sich aber für den Markt nicht realisieren lassen, da das die Boilies um 7 bis 10 DM verteuern würde.
     

  1. Wie hat sich das Thema „BSE“ auf die Herstellung Deiner Produkte ausgewirkt. Wie wir mitbekommen haben hast Du Dein Rindfleischmehl und den Meatmix vom Markt genommen? Sind noch mehr Produkte davon betroffen?
    Auch das Blutmehl ist rausgenommen worden. Ich denke, dass man erst in der nächsten Zeit sehen wird, was noch alles auf einen zukommen wird. Jedenfalls wird es immer schwieriger werden und mehr Probleme aufwerfen, da nun auch die Regierung auf die Angelhändler aufmerksam geworden ist und wir immer strengere Auflagen bekommen. Wir müssen die Auflagen beachten, um nicht Gefahr zu laufen, dass wir Anzeigen bekommen. Für mich ist es nicht so schlimm, da ich schon immer auf gute Qualität geachtet habe, nur die, die das nicht so stark beachtet haben, werden wohl große Probleme bekommen.
    Die staatlichen Stellen werden den Angelbereich stärker kontrollieren, wie schon bei der Futtermittelindustrie, um Qualität sicherzustellen und zu gewährleisten, dass z. B. Fischmehl nicht auf dunklen Wegen verschwindet und an Wiederkäuer verfüttert wird. Es wurde jetzt bereits vorgeschrieben, wie die Etiketten zu deklarieren sind und es wird immer mehr dazukommen.
     

  1. Hast Du die gesamten Boilie Mixe selbst kreiert, oder hattest Du Hilfe dabei?
    Alle habe ich nicht selbst kreiert; die ersten Mixe sind noch von Stefan mit entwickelt worden, aber die anderen sind alle von mir. Ich lasse mich gerne mal von der Szene inspirieren, aber ich versuche nicht, diese dann nachzukupfern.
     
  1. Viele Boiliehersteller berichten darüber, dass sie „Ernährungswissenschaftler, Futtermittelexperten oder auch Fischereibiologen zur Seite haben. Hasst Du ähnlich Hilfe?
    Ja, der Robert, den ich nun schon seit etlichen Jahren kenne, berät mich. Er studiert Fischereibiologie und gibt mir somit auch gute Tipps. Es ist aber nicht so, dass ich nach wissenschaftlicher Vorlage etwas herstelle oder mixe.
    Seit 1988/1989 habe ich selbst angefangen, selbst was herzustellen. Ich bin da durch einen dummen Zufall drauf gekommen, da ich früher ein Aquarium hatte und ich entsprechende Bücher hatte. In diesen stand, welche Kriterien man beachten muss, wenn man selbst Futter herstellen möchte. Da stand z. B., dass die karpfenähnlichen Fische einen optimalen Proteingehalt von 34 – 42 % benötigen. Das hat mir zu denken gegeben, da die Aquariumfische ja davon leben müssen. Mir ist aufgefallen, dass man mehr Wert auf Vitamine legen sollte, da sie für die Verdauung der Fische wichtig sind. So habe ich immer auf vitaminreiche Zutaten Wert gelegt. So z. B. mein Birdfood / Quiko.
    Aus ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten sollte der Fettgehalt lt. Robert immer bestimmt gehalten werden, aber das ist teilweise auch etwas schwierig. Man kann also nicht behaupten, dass ich meine Boilies nach ernährungswissenschaftlichen Kriterien produziere.
    Die B-Vitamine spielen eine wichtige Rolle und ich sehe immer zu, dass ich eine Zutat habe, die den Boilie leicht schwammig macht, damit sich die Stoffe auch auflösen können. Der Boilie sollte ausgewogen sein für eine gute Verdauung der Fische.
    Ich baue meine Mixe so gut es geht. Die Verarbeitung muss gut sein und die Verdauung der Fische muss passen.
    Bei meinen ersten Mixen war die Verarbeitung sehr gut, aber man musste nach ca. 4 Stunden die Ruten kontrollieren, da sich die Boilies schon aufgelöst haben konnten. Jetzt habe ich den goldenen Mittelweg gefunden, d. h. die Verarbeitung ist gut, die Attraktivität und das Preisleistungsverhältnis stimmt.
     

  1. Du hast seit einiger Zeit eine eigene Homepage( www.mm-baits.de ); seit wann bist Du online?
    Seit 1999.
     
  2. Wie wird Deine Seite von den Kunden angenommen?
    So wie ich die Resonanzen sehe, wird sie ganz gut angenommen. Es ist mir immer wichtig gewesen, dass die Seite übersichtlich bleibt. Ich lege keinen Wert darauf, große Fische auf dieser Seite zu präsentieren, sondern auf meine Produkte, die ich ja auch verkaufen möchte.
     

  1. Auf welchen Messen kann man Dich demnächst antreffen?
    Aus Zeitmangel sehr wahrscheinlich erstmal auf keiner. Das hat auch den Grund, dass ich noch anderweitig tätig bin und die Messen auch einen hohen Kosten- und Zeitaufwand für mich bedeuten. Dieses Jahr werde ich die Messen wohl auslassen und evtl. im nächsten Jahr wieder verstärkt antreten.
     

  1. Hast Du für die neue Saison etwas Neues im Programm?
    Ja, es kommen jetzt noch ein Liver-Mino-Mix und Boilie-Dips ins Programm. Bei den Dips habe ich eine Grundsubstanz, die sehr gut ist und diese biete ich in verschiedenen Aromenversionen an. Ich habe sie länger getestet und die Fangerfolge waren sehr gut.
    Wie lange halten diese Dips am Boilie?
    Das hängt von der Dipdauer ab, man sollte sie ca. 3-8 Stunden dippen, länger oder kürzer ergeben keinen Sinn.
    Wie bist Du auf die Dips gekommen?
    Das war mal wieder eine Idee aus dem Bauch heraus.
    Wann kommen diese Dips auf den Markt?
    Man kann sie jetzt (ab Mitte September) bekommen.
    Wie viele Sorten bietest Du an?
    Im Moment sind es sechs Sorten.
     

  1. Wie siehst Du die Zukunft des Karpfenangelns?
    Ich sehe sie zwiespältig. Es wird immer mehr Gegenwind aufkommen, da es genug schwarze Schafe gibt, die uns das Leben schwer machen, als Angler gesehen, nicht als Händler!
    Bei uns im Verein wurde jetzt auch das Boilieverbot ausgesprochen, was meiner Meinung nach eine Fehlentscheidung ist, da sich die Zuständigen nicht richtig mit der Materie befassen. Ich hoffe, dass man irgendwann den Leuten wissenschaftlich klarmachen kann, dass das Boilieangeln nicht schädlich ist. Das sich die Angler irgendwann noch einmal selbst das Angeln verbieten, sehe ich als Problem. Wichtig ist, dass man die Bestimmungen respektiert. Damit meine ich zum Beispiel, dass nicht in einem Bericht steht, dass Nachtangeln verboten ist, und drei Sätze weiter zu lesen ist „und um 1:00 Uhr Nachts hatte ich dann einen Run und habe den Fisch gefangen“.

Auf dem Heimweg dachte ich immer wieder an das Gespräch mit Jürgen. Keine Überheblichkeit, keine Spur von Arroganz. Ganz im Gegenteil. Jürgen Meyer ist ein Perfektionist, überlässt nichts dem Zufall. Kein Wunder, dass der Stoff so fängig ist. Weitere Informationen über M&M Baits erhaltet ihr auf der Homepage von Jürgen Meyer. Die Adresse lautet: www.m&m-baits.de

Dieses Interview und vieles mehr über das Karpfenangeln auf unserer Page: www.cipro.de

Noch einmal ein herzliches Dankeschön an Jürgen, für das sehr umfangreiche Interview.

Heinz Kersten

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