von Heinz Kersten & Matthias Claus

Keine 300 km und wir waren am Ziel. Angesagt war ein Gewässer in der Region Utrecht. Ein „kleiner“ See mit 42 ha … ein wirklich kleiner See, wenn man folgende Hintergrundinfomationen kennt. Der Plashuis ist ein See von unzähligen Seen des  Nieuwkoopse plassen. Der Nieuwkoopse plassen ist 45 km lang und allein die Wasserfläche beträgt über 1500 ha. Wenn man jetzt noch die ganzen Schilfinseln und Wälder mit einbezieht, schnellt die Größe des Nieuwkoopse plassen schnell auf über 2000 ha. Sogar von Satteliten ist der Nieuwkoopse plassen sehr gut zu erkennen. Unzählige Grachten und Kanäle laufen sternförmig zusammen, denn vor vielen 100 Jahren wurde hier Torf abgebaut. Entwässerungsgräben wurden in mühseliger Handarbeit ausgehoben. Viele Menschen verloren ihr Leben, denn ganz ungefährlich war der Nieuwkoopse noch nie. Wer sich mit dem Boot in das unüberschaubare Gebiet des Nieuwkoopse wagt, sollte entweder einen Einheimischen und/oder eine detaillierte Karte mit sich führen, denn es gibt keine Hinweisschilder.


Endlich am Ziel

Da hatte jeder seine Brocken zu schleppen

Wie schon erwähnt, liegt der Plashuis am Nieuwkoopse plassen, in der Nähe von der Provinz Metropole Utrecht, ca. 15 Autominuten von Amsterdam entfernt. Am späten Vormittag erreichten wir den Plashuis und wurden angenehm überrascht. Sicher macht sich jeder so seine geistige Vorstellung, wie das neue Gewässer wohl aussieht und Holland ist ja für das flache Land mehr als bekannt. Vor uns stand ein mit Ried bedecktes Fachwerkhaus. Ein handgeschmiedetes Schild schaukelte quietschend im leichten Wind. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und die Sonne schien vom Himmel. Mein Kollege Matthias und ich gingen durch ein großes Tor. Unter unseren Schuhsohlen knirschte weißer Kies. Da lag er nun in seiner vollen Pracht, der Plashuis. Wir standen am Ufer des Sees, als sich von hinten Schritte nahten und ein freundliches „Willkommen am Plashuis“ die Stille unterbrach. Der Direktor, Andre Minkema, empfing uns freundlichst und ab diesem Augenblick sollte unser Urlaub beginnen. Ein Angelurlaub der besonderen Art, denn wie immer, hatten wir nur eines im Kopf. Wo ist unsere Stelle und wie kommen wir am schnellsten dort hin. Doch Fehlanzeige, denn nach kurzer Unterhaltung lud uns Andre zum Kaffee in das alte Fachwerkhaus. Nun gut, eben noch ein Kaffee in den Kopf hauen und dann aber los … so dachten wir, aber es sollte alles ganz anders kommen.


Nieuwkoopse plassen

Het Plashuis

Wir gingen in das „alte Haus“. In der Mitte der Gaststätte saßen ein paar Angler, die ihren Kaffee tranken und uns herzlich willkommen hießen. An den Wänden hingen schwarz weiß Aufnahmen von 1949. Hallo?! Da präsentieren zwei junge Männer einen Karpfen vor der Kamera um eine Erinnerung an den 19 Pfünder zu haben, bevor sie den schönen Spiegler in den Plashuis zurücksetzen.  Der Direktor Andre Minkema führte uns durch das „alte Haus“ und er fing an zu erzählen. Eine Geschichte, die 1932 begann. 1932 gründete Le Roy den ersten Catch & Release Club in Holland. Nur wenige „gut Betuchte“, konnten sich diesen Club leisten. Aber dies soll sich nun ändern. In Zusammenarbeit mit dem belgischen Unternehmen „Fishermans Holidays“ und der Direktion des Plashuis, soll das Fischen in diesem exklusive Club für jedermann ermöglicht werden. Der Vorstand und die Mitglieder des Clubs waren sich sofort einig, dass man ab sofort auswärtigen Gästen das Fischen am Plashuis ermöglichen möchte. Das größte Hindernis war das Nachtangelverbot, welches in fast ganz Holland gesetzlich geregelt ist. Doch auch dieses Hindernis wurde erfolgreich gemeistert. Matthias und ich waren mit die ersten Karpfenangler, die am Plashuis offiziell durchfischen durften. Die Zeit verrann wie im Fluge und so bepackten wir erst nach dem traditionellen Mittagessen die vorhandenen Boote, denn seit nun mehr als 72 Jahren wird das Mittagessen durch eine alte Glocke angekündigt. Alle sich auf dem Wasser befindenden Angler fahren zum „Club Haus“. Bei einem Aperitif werden alle Neuigkeiten erzählt. Wer fängt wo und wie und kaum zu glauben, aber kein Mitglied ließ uns im nassen stehen. Das folgende drei Gänge Menü lässt keine Wünsche übrig. Der guten Küche aus dem Hause Plashuis, habe ich weitere Kilos an meinem Astralkörper zu verdanken. Da halfen auch die unzähligen Drills leider nicht!


Traditionell: Das Mittagessen

Jeden Tag etwas anderes

Voll bepackt und guter Dinge, fuhren wir mit den Booten zu unserer Stelle. Ein wahres Paradies, denn man saß auf einer „einsamen“ Insel. Routiniert bauten wir unser Lager auf und der erste Fisch ließ auch nicht lange auf sich warten. Ein Schuppenkarpfen mit 11,4 kg konnte meinem FU5 Boilie nicht widerstehen. Doch es blieb bei dem einen Karpfen und sofort wurden nach dem reichhaltigen Frühstück im Plashuis (minder genau so gut und mächtig wie das Mittagessen), neue Spods gelotet. Andre wollte uns sofort die in der Reservierung versprochenen 2 kg Mainline Boilies pro Angler zukommen lassen. Wir lehnten jedoch dankend ab, denn wir hatten ja schließlich die Geheimwaffe, neue Geheimrezeptur der Watersportcentrale Genk, im Gepäck. Ein Mix, der sich überwiegend an stark befischten Gewässern durchsetzen soll. Eines nehme ich Euch jetzt vorweg. Wir fingen sehr gut und wir haben es auch geschafft, den unbezwungenen Andre Minkema, an seinem „Hausgewässer“ zu bezwingen. Na gut, beim Stalken hat er uns gezeigt, wo unsere Grenzen waren, aber es lag halt einfach nur daran, dass wir zum Stalken einfach nicht ausgerüstet waren. ;o) Eine Geschichte hat uns ganz besonders berührt, aber dazu schreibt Matthias:


Andre im Drill

Hier passte einfach alles

„Hol’s Bleichen!“
Können Karpfen apportieren wie Hunde? Eine Fragestellung, für die mich jeder Leser für verrückt erklären wird. Oder? Aber wartet ab! Wir waren tagsüber in der brennenden Hitze Hollands - kein Witz, wir hatten 30°C - mit der Pose auf Karpfen unterwegs gewesen. Systematisch hatten wir die See- und Teichrosenfelder beangelt: Posenangeln mit Mais und Brotflocke. Eine Angelart, die ich leider schon ewig nicht mehr betrieben hatte. Der Plashuis war wie dafür geschaffen mit seinen kleinen Grachten und Kanälen. Schon als wir mit dem Boot unterwegs gewesen waren, Tage zuvor, hatten wir einige Karpfenschulen entdeckt, wie sie genau an den HotSpots fraßen. Mittlerweile wurde es langsam dunkel und ein Gewitter näherte sich gemächlich. In den sternenklaren Nächten davor liefen die Ruten erst gegen Mitternacht ab, aber heute Abend sollte alles ganz  anders werden. Wir hatten gerade die fünfte von sechs Ruten im Wasser, da bekamen wir auf der ersten Rute auch schon einen Run. Super, dachten wir uns, die Gewitterluft animierte also zum frühen Fressen. Kaum war der Gedanke ausgesprochen, liefen kurz hintereinander noch zwei weitere Ruten ab. Es dauerte nicht lange, und wir hatten nur noch zwei der fünf Ruten im Wasser. Noch bevor wir die abgelaufenen Ruten überhaupt wieder auslegen konnten, lief schon jeweils eine weitere ab.


Heinz Kersten & Andre Minkema

Matthias Claus & Andre Minkema

In dem Moment, als mein Kollege gerade den dritten Fisch des Abends zurücksetze, bekam er auf seiner linken Rute einen Biss. Ich schlug an und dachte sofort an die Nacht zuvor, in der Heinz den bittersten Abriss seiner Anglerkarriere erlebt hatte. Diese Rute war auf dem gleichen Spot abgelaufen - wir hatten sie an einem der erfolgsversprechenden Corner abgelegt - und kurz nach dem Anschlag brach die Schnur. Nun ist ein Abriss immer bitter, vor allem für den Fisch. Aber an dieser Montage hing auch noch etwas ganz besonderes: nämlich das „Glücksblei“ von Heinz. Ein Blei, das aussah, als wäre es von einem Schmied bearbeitet worden - oder war es sogar unter eine Dampfwalze geraten? Mittlerweile flach und fast ohne Lack, konnte man sich die ehemalige Zigarrenform nur noch denken. Kein Wunder nach dem „Tankerunfall“: im Winter war just dieses Blei am Kanal beim Einholen der Montagen von einer Schiffsschraube touchiert worden. So zerfleddert es nun auch aussah, es hatte alle Touren in diesem Jahr überlebt ...wobei die Touren nach Frankreich oder das Waldangeln am Borovik, schon den ein oder anderen Bleiverlust mit sich brachten. Dieses Glücksblei galt somit als unsinkbar und als heimattreu wie eine Brieftaube (auch wenn eine Taube nach einem Zusammenstoß mit einer Tankerschraube zur Heimattreue sicher nicht mehr in der Lage wäre).


Mathias mit einem Schuppi

Davon gibt es Millionen

Beißzeit

Um nicht einen erneuten Abriss zu riskieren, sprang Heinz an diesem Abend sofort ins Boot und ich übergab ihm die  Rute. Wir lenkten das Tier ins sichere Freiwasser und begannen es auszudrillen. Dieser Fisch machte es uns anfänglich noch einen Tacken schwerer als seine Brüder und Schwestern. Schon die anderen Schuppies waren unheimlich kampfstark gewesen, aber dieser Fisch übte beim Drill auf die Rute noch mehr Widerstand aus. Nur schwer ließ er sich herandrillen. Nach einigen Minuten aber kam auch er ganz langsam an die Oberfläche und legte sich auf die Seite. Schon im Schein der Kopflampe wunderten wir uns: der bisher kleinste Fisch hatte fast das größte Theater gemacht! Als der Widerspenstige im Kescher lag, bemerkten wir plötzlich: „Wieso hat der Fisch zwei Boilies am Maul hängen? Wir haben nur einen Bait aufs Haar aufgezogen!“ Ich lachte laut auf, als ich ein weiteres Blei im Kescher glitzern sah! In diesem Moment sah Heinz den zweiten Haken im Maul des Fisches. Und freute sich, trotz der geringen Größe, so über diesen Karpfen, wie über kaum einen anderen in den letzten Monaten. Denn es war sein verloren geglaubtes Glücksblei, das im Kescher lag!


Und diese Stille

Hier riecht es nach Fisch!

Natürlich stellte sich uns beiden sofort die Frage: „Warum hat sich das Blei nicht gelöst?“ Wir untersuchten die Montage und stellten fest, dass wir den Fisch gestern nicht – wie wir ursprünglich glaubten - am Corner verloren hatten, sondern einige Meter davor. Die Schnur hatte sich beim Run in eine Wurzel geschnitten und sich in dieser festgesetzt. Diese Wurzel hat der Fisch während des ganzen Tages hinter sich hergezogen. Natürlich auch bei unserem zweiten Drill. Ein einziges Hindernis unter Wasser - und wir erwischen es beim Drill. Das ist bitter, aber das ist eben Murphys Law! Tja, genau dieser Murphy, dem wir immer wieder am Wasser oder auch im Leben begegnen. Man stelle sich vor, ein Fisch nimmt innerhalb von 24 Stunden zweimal die gleichen Boilies an der gleichen Stelle! Beim ersten Mal reißt der Fisch ab und - warum auch immer - konnte er den Barbless-Haken nicht ausblasen und bringt beim nächsten Biss sogar das Glücksblei mit in den Kescher. Ein Karpfen, der ein verlorenes Blei apportiert? Hätte mir das jemand vor dieser Tour erklärt, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Wir hakten den Fisch unmittelbar im Wasser ab und nahmen lachend wieder Kurs auf unsere Insel. Diese Nacht brachte uns noch einige große und bezaubernde Fische, aber keiner davon bleibt uns so gut in Erinnerung, wie der kleinste Karpfen dieser Tour. Der, der das Glückblei zurückbrachte.


Einfacher geht es nicht!

Anneke Smit mit 35 Pfund Schuppi

Der See:
Langsam aber sicher kommen wir zum Ende des Berichtes, doch nicht bevor wir noch etwas über den See geschrieben haben. Ich verspreche Euch, dass wenn Ihr es wollt, Ihr Euch auf dem Plashuis verstecken könnt. Große und kleine Inseln, Gräben und Kanäle machen den Plashuis zu einer Herausforderung der besonderen Art. Die Nachtangelplätze sind sehr gut ausgewählt worden und jede Stelle hat unzählige Spods vorzuweisen. Doch wer bleibt schon gerne an solch einem Gewässer eine ganze Woche auf seinem Platz sitzen. Wir haben es nicht geschafft. Wir kauften uns in der kleinen Tackle Box von Andre ein paar Posen und kleinere Haken und los ging es auch schon. Wir hatten unseren E-Motor dabei und schlichen uns durch die Gräben und Kanäle. Hier und da schossen unsere so geliebten Schuppenträger aus dem Schilf. Vor unserem Boot buckelten kleine Karpfen. Vor einer großen Schilfinsel trafen wir Peter. Peter fischte auf große Schleien (Tinca Tinca) und das erfolgreich. Er präsentierte uns ein Prachtstück von Schleie und das schönste war, dass diese auch wieder in den See gesetzt wurde. Welch ein Gefühl … keiner wird hier den Schuppenträgern das Licht auspusten. Nun kann man sich auch sehr gut vorstellen, wie die Fische hier wachsen können.  Interessant war zu beobachten, mit welchen Tricks einige Kollegen dem Fischen nachgingen. Die großen Schilfinseln sind keinesfalls mit dem Seegrund verbunden. Lediglich einige Wurzeln verhindern das Abtreiben der Inseln. Ein bis zu 10 Meter langer Stab wurde mit einer Art Schaufel umgebaut. Auf dieser Schaufel werden Baits und Rig gelegt. Nun wird mit dem langen Stab die Montage unter der auftreibenden Insel abgelegt. Kaum zu glauben, aber diese Art der Köderpräsentation funktioniert wirklich. Karpfen über 20 Kilo und wahre Monster von Hechten bevölkern den Plashuis. Da das Nachtfischen erst seit kurzer Zeit ganzjährig erlaubt ist, ist in den nächsten Monaten mit einigen Großfischen zu rechnen, denn in den letzten 72 Jahren haben die Mitglieder des Plashuis in den eigenen Hotelzimmern genächtigt. Diese sind geschmackvoll eingerichtet und von einigen Zimmern hat man Blick auf den See.

Resümee:
Ein Freund von mir, fragte mich nach dem Besuch am Plashuis, welche Art der Fischerei ich mehr lieben würde. Touren in die „Wildnis“ oder solche, wie die zum Plashuis. Hmm … gute Frage, denn ich liebe die Natur mit all ihren Vor- und Nachteilen. Ich liebe den Kampf wie am Borovik oder Matarraña, aber ich liebe ebenso freundliche Menschen. Egal, wer den Plashuis besuchen wird … Ihr seit herzlich willkommen, denn Gastfreundschaft wird auf diesem Platz der Erde sehr groß geschrieben. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön für die wunderschöne Zeit am Plashuis an
Rianne und Andre Minkema. Weitere Informationen erhaltet Ihr im Internet: www.carpinfo.com oder telefonisch: Fisherman Holidays, Tel: 0032-50-363429 und direkt im Plashuis Tel: 0031 172-408120

 

Eine schöne Zeit wünschen Euch,
Heinz Kersten und Matthias Claus
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