Achim Seiter:
Heute werde ich mich mit Michael Flosdorf unterhalten. Auch er gehört, (wie schon ein paar Ausgaben vorher - Kay Synwoldt) zu den „Urgesteinen“ des deutschen Karpfenangelns. Michael ist 1966 in Euskirchen geboren und kam schon sehr früh zum Fischen. Dies geschah damals eher zufällig, als er mit seinem Vater einen Urlaub im Hunsrück machte, um Versteinerungen zu sammeln. Dem Hotel war eine Teichanlage angeschlossen. Als damals kleiner Junge war Michael nach dem Fang einer Forelle auf einen Spinnköder sofort Feuer und Flamme. Das nächste Geburtstagsgeschenk bestand dann auch aus einer Vollglasrute und einer Stationärrolle. Nach anfänglichen Trockenwurfübungen ging es zunächst einige Male zum Üben an den Forellensee, bevor dann der Eintritt in den örtlichen Fischereiverein folgte. Dort waren es zunächst die vereinsinternen Wettkämpfe, die Michael beschäftigten. Bis zur Landesmeisterschaft hat er es damals gebracht, dann stieg das Interesse, sich auf eine Fischart zu spezialisieren. Anfänglich waren es mehr die Brassen, bevor das Interesse an den Karpfen 1984 durch die Lektüre englischer Literatur geweckt wurde. Aber fragen wir ihn selbst!

Hallo Michael, schön dich mal wieder zu sehen! Es wurde ja in den letzten Monaten recht ruhig um dich. Du hast dich etwas aus dem „Rampenlicht“ genommen, hast bei dem Rotary-Letter für längere Zeit ausgesetzt und auch Berichte von dir sind eher selten geworden. Hast du dein Hobby Karpfenangeln an den Nagel gehängt?

Michael:
Hallo Achim, endlich haben wir mal etwas Zeit gefunden, uns zusammen- zusetzen. Nein, mein Hobby habe ich selbstverständlich nicht an den Nagel gehängt, das mache ich erst, wenn ich bei einem Anbiss keinen Adrenalinschub mehr bekomme! Aber natürlich hast du recht, es ist etwas ruhiger geworden bei mir. Dies ist einmal durch meinen Job bedingt, zum anderen widme ich auch viel Zeit meiner Freundin und ich habe nicht mehr das unbedingte Verlangen, jede freie Minute am Wasser zu verbringen. Dazu kommen einige negative Erfahrungen mit anderen karpfenangelnden „Kollegen“, die einem das Leben schwer machen. Das braucht natürlich kein Mensch! Wenn ich am Wasser bin, möchte ich mich mit dem Fischen beschäftigen und nicht mit irgendwelchen Idioten oder Chaoten, die durch Neid und Missgunst oder üble Nachrede einen dunklen Schleier über das Ganze ziehen. Auch das ganze Gerede über andere Karpfenangler (haste schon gehört...) oder das oberflächliche „Fachsimpeln“ über das neueste Gerät mag ich nicht. Stundenlange Belagerungszustände vor meinem Zelteingang, wobei eigentlich nur Mindersinn produziert wird, mag ich ebenfalls nicht. Ich bin am Wasser, um Fische zu fangen und auf meine Art und Weise zu relaxen. An vielen Gewässern, die mich fischereilich reizen, kann ich aus den oben erwähnten Gründen nicht mehr fischen. Deshalb suche ich mir in letzter Zeit Gewässer, die von anderen Anglern nicht so stark frequentiert werden. Dies verbinde ich mit dem Befischen lokaler Gewässer in einem Umkreis von 100 km von meinem Wohnort. So kann ich Beziehung, Beruf und Hobby einigermaßen unter einen Hut bekommen.

Achim:
Ja Mann, man wird älter, nicht wahr?

Michael:
Daher habe ich mich auch vom Rotary-Letter etwas abgenabelt, werde aber in nächster Zukunft da auch noch mal meinen Senf dazu abgeben. Berichte schreiben? - Momentan habe ich keinen Drang, etwas zu schreiben, obwohl ich gefragt wurde, für ein belgisches Buch meinen Beitrag zu leisten und ich muss sagen, ich habe mich doch sehr geehrt gefühlt. Ansonsten habe ich aber keine Ambitionen, aber das kann sich beim Fischen schnell ändern, wenn ich feststelle, dass ein bestimmtes Problem mit meinen Lösungsvorschlägen auch die Allgemeinheit interessieren könnte. Aber meine Freundin ist nicht besonders begeistert, mich als Computerleiche zu Hause sitzen zu haben, die Abende mit Angelberichte schreibend zu verbringen und ich muss sagen, ich gebe ihr Recht: da geh' ich lieber fischen...

Achim:
Bevor wir nun zu weiteren aktuellen Themen kommen, lass uns doch kurz zu deinen Anfängen im Karpfenangeln kommen. Wie war das damals, mit was für Material hast du damals angefangen, welche Köder hast du benutzt und wie waren die Erfolge damit?

Michael:
Ha ha, das war damals noch ein richtiges Abenteuer, an ordentliches Gerät heranzukommen! Mein Vater hat mir zum Abitur eine Reise nach London geschenkt und wir haben zusammen die tackle shops durchforstet. Während hier in Deutschland die Angelgerätehersteller mit ihrem Kram noch in den Kinderschuhen steckten und mit dem Trömmelchen und Teleskoprute um den Weihnachtsbaum liefen, gab's auf der Insel schon lange hochspezielles Gerät und mir quollen bei dem London-Besuch die Augen über. Begonnen habe ich mit ein paar alten Optonic’s, die noch keinen eigenen Speaker besaßen, sondern an eine externe Box angeschlossen wurden. Um diese Box lauter zu bekommen, musste man den Deckel öffnen, hehe, unvorstellbar heute! Meine Ruten waren nach den ersten Fehlkäufen ein paar K.M. Dual Taper 2 (12 Fuss 1 3/4 lbs.). Dazu gab's die damals einzig wahre und mit 160,-DM unwahrscheinlich teure ABU Cardinal 55, der Rolls Royce unter den Rollen. Meine ersten selbst gedrehten Boilies waren aus einem Fischmehl-Fertigmix in Kombination mit einem fruchtigen Flavour von Hutchinson (glaube, es war Wild Cherry) zusammengestellt, aus Unwissenheit... Später sollte diese Kombination mal in Mode kommen, du siehst, schon damals war ich meiner Zeit weit voraus...

Danach habe ich eine Zeit lang mit Fertigboilies (Tutti Frutti von Ritchworth) gefischt, die gab es damals in Belgien tiefgefroren zu kaufen, war eine tolle Sache, übelst fängig auf jungfräuliche Fische, aber auf Dauer zu teuer. Daher bin ich schnell wieder zum Selberrollen zurückgekehrt. Ich habe dann sehr viel mit Mixes und Flavours herumexperimentiert, viele Stunden umsonst am Wasser verbracht, also viel Lehrgeld bezahlt. Es gab kaum jemanden in Deutschland, mit dem man sich hätte austauschen können. Die Leute, die genauso herumgedoktort haben, kannten sich nicht, schnelle Medien wie Handy und Internet gab’s schließlich auch noch nicht. Alles war noch recht mühselig. Später habe ich dann sehr gerne mit einem neutralen Milch-proteinmix zusammen mit dem Hutchy-Flavour Scopex und jede Menge Süßstoff gefischt, sehr gut war das! Damals wusste ich lediglich, dass dieses Zeug extrem fängig war, aber ich wusste nicht, warum. Aus heutiger Sicht ein echter Volltreffer, aus der Erfahrung der Praxis geboren, ohne theoretischen Background. Die damals völlig unbefangenen Fische haben das Zeug wirklich geliebt, vor allem wegen der hohen Süßstoffdosierung. Ach ja, schöne alte Zeit, ich erinnere mich noch heute spontan an bestimmte Situationen, wenn ich einen bestimmten Flavour rieche. So zum Beispiel Pink Zing von Geoff Kemp, das Zeug bringt in mir die Erinnerung an die Kurzsessions Ende der Achtziger zurück, man ist nachmittags los, hat 5-6 Std. gefischt und ist dann hochmotiviert mit ein bis drei Bissen wieder nach Hause gefahren. Das konnte man 2-3mal pro Woche machen, nach dem Fischen fürs nächste Mal füttern und am Wochenende ein anderes Gewässer befischen. Das war effektive Fischerei!

Achim:
Welche Vorbilder hast du gehabt und vor allem, welche Informationen? Hast du deine eigenen Ideen verwirklicht oder hast du etwas auf die Insel im Norden geschaut, um zu sehen, was die da so treiben?

Michael:
Ja natürlich hatte ich Vorbilder, diese hießen zunächst Kevin Maddocks und Rod Hutchinson. Die Bücher der beiden haben mich total auf den Trip gebracht und ich habe schon oft darüber nachgedacht, die beiden noch heute deshalb zu verklagen! Wie ein Verrückter habe ich die beiden Bücher ‘The Carp Strikes Back’ und „Carp Fever“ verschlungen, immer und immer wieder gelesen und die darin erwähnten Methoden ausprobiert. Es war so eine Flut an für mich damals neuen Informationen, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen habe. Da denke ich immer über die Leute nach, die das Karpfenangeln in den letzten Jahren begonnen haben, die müssen sich am Anfang ähnlich fühlen. Für mich waren die oben erwähnten Bücher die Bibeln, damit war ich lange beschäftigt. Relativ schnell fand ich jedoch heraus, dass nicht alles Gold war und einfach so übernommen werden konnte. Unsere Gewässer hatten doch einen recht unterschiedlichen Charakter im Gegensatz zu den idyllischen Kleingewässern, die die Engländer damals hauptsächlich befischten. Bestimmte Methoden und Strategien brachten einfach nicht den gewünschten Erfolg. Das adaptierte Wissen reichte einfach nicht aus. Das war der Beginn der Pionierarbeit, die schönste Zeit für mich im Rückblick. Später gab es weniger Vorbilder für mich, dafür Angler wie z. B. Jim Gibbinson, die ich sehr geschätzt habe, da er immer versucht hat, eine Problemlösung mit Logik anzugehen und mit einer Theorie zu untermauern. Mein größtes anglerisches Vorbild ist Luc de Baets, der beste Angler, den ich kenne und ich bin froh, ihn als einen meiner besten Freunde bezeich-nen zu dürfen. Was dieser Mann anglerisch auf die Beine stellt, hat Hand und Fuß. Er arbeitet wie ein Besessener für seine Ziele, alles ist perfekt geplant, Situationen am Wasser werden von ihm meist richtig ge-deutet. Er hat den richtigen Riecher, was die Engländer treffend als „watercraft“ bezeichnen, in Kombination mit seiner logischen Denkweise eine sehr effektive Mischung! Von diesem Mann habe ich einiges lernen können und das hat sich bis heute nicht geändert, auch wenn er seit Jahren nicht mehr auf Karpfen fischt, sondern statt dessen das Wettkampfangeln zu seiner Passion gemacht hat.

Achim:
Du hast sehr viele und große Fische in den Jahren landen können. Gab es einen besonderen, an den du dich immer erinnern wirst?

Michael:
Zum Glück gibt es da viele Fische, an die ich mich gerne zurück erinnere, sei es, weil ich sie unter besonderen Umständen gefangen habe oder weil es ein toller Fang zusammen mit einem Freund war. Besonders erinnern kann ich mich z. B. an den Fang meines Freundes Kay, ich glaube, es war 1987. Wir haben zur damaligen Zeit am Twente-Kanal gefischt und er hatte einen sehr interessanten Kanalabschnitt in einem Waldstück ausfindig gemacht. Die Stelle zeichnete sich durch eine flache Sandbank an der gegenüberliegenden Seite aus und wir hofften, dass die Karpfen diese Stelle Mitte Mai bei warmem Wetter öfter frequentieren würden. So war es auch, schon nach kurzer Wartezeit bekam Kay den ersten Biss und nach einem angemessenen Drill konnte ich das Netz unter einen wunderschönen Zeilenkarpfen gleiten lassen. Während ich einen nassen Karpfensack besorgte, war Kay damit beschäftigt, den Haken zu lösen. ,,Das gibt's doch gar nicht“, vernahm ich plötzlich. Ich wendete mich zu Kay und er sagte mir, ich solle bitte einmal in das Maul des Fisches schauen. Ich traute meinen Augen nicht: sein Haken hing mit der Spitze in dem Öhr eines anderen Hakens, dessen Vorfach vor nicht allzu langer Zeit abgerissen war. Wir schauten uns beide ungläubig an und Kay wollte den Fisch für sich schon nicht werten, aber der Fisch hatte seinen Köder ganz offensichtlich aufgenommen, denn beide Haken befanden sich im Innenbereich des Mauls. Solch ein Zufall passiert nicht alle Tage! Eine andere schöne Begebenheit werde ich auch niemals vergessen: ich hatte meinen Freund Markus auf meine Stelle gesetzt, die ich vorher schon öfter befischt hatte und mich eine Stelle weiter gesetzt. Wir wollten eine Woche an diesem Spot fischen, und da Markus mein Gast war, hatte ich ihn an die vermeintlich bessere Stelle positioniert. Es kam, wie es kommen musste: Markus fing in der zweiten Nacht einen schönen Motivationsfisch und danach rein gar nichts mehr. Dafür durfte er bei mir einen Fisch nach dem anderen keschern und fotografieren. Nach einer Woche hatte ich einen Sack voller guter Fische und die Peinlichkeit auf meiner Seite, dass mein Freund nichts gefangen hatte. Hier zeigte sich wahre Freundschaft, die heutzutage selten ist: er hat sein Schicksal brav ertragen, die Stimmung hat nicht unter dem sehr einseitigen Fangergebnis gelitten und wir hatten jede Menge Spaß miteinander. Der arme Kerl hatte wirklich einiges zu ertragen mit mir, ich fing damals meinen ersten Schuppenkarpfen über 20 Kilo und einen Tag später durfte er dann noch einen Schuppi von 22,4 Kilo ablichten, aber er hat sich richtig Mühe ge-eben beim Fotografieren und sich mit mir über die Fänge gefreut, sehr schön! Marcuse, du bist einer der letzten Mohikaner...

Achim:
Wenn du heute angeln gehst, wie sieht das aus? Eher kurze Trips oder doch längere Sessions?

Michael:
Nun, wie jeder berufstätige Mensch bin ich auf die Wochenenden und die paar jämmerlichen Urlaubstage angewiesen. Die Zeiten, in denen ich in der Woche noch 2-3 Nächte gefischt habe, sind, glaube ich, vorbei. Das Fieber könnte mich höchstens packen, wenn es mal an einem Gewässer zu einem bestimmten Zeitpunkt außergewöhnlich gut läuft und ich die Gunst der Stunde nutzen möchte, weil ich (im positiven Sinne) fischgeil werde. Somit habe ich eine Mischung von kürzeren 1-3 Tage Trips zu Hause und den Urlaubstagen, die ich bis jetzt noch nicht verplant habe, da ich mittlerweile nun wirklich nicht mehr weiß, wo ich noch hinfahren soll. Denn, wie die meisten Karpfenangler, habe auch ich den Anspruch, einen schönen, möglichst ruhigen, stressfreien Urlaub zu verleben, mit der Option auf einen wirklich großen Fisch. Da gibt es aber leider nicht unbegrenzte Möglichkeiten, so dass man sich zwangsläufig auf die Füße tritt. Aber ich werde schon noch etwas Schönes finden.

Achim:
Was sind deine bevorzugten Gewässer (Fluss, Kanal, Seen) und warum?

Michael:
Früher hat mich das Kanalangeln total fasziniert; die Herausforderung, ein solch monotones Gewässer verstehen und „Lesen“ zu lernen, war für mich enorm interessant. Da bin ich aber schon ein paar Jahre ab von. Nicht, weil es mir nicht mehr gefällt oder zu stressig ist, sondern weil ich einfach genug davon habe. In letzter Zeit habe ich 95% meiner Angelzeit an stehenden Gewässern unterschiedlichster Größe verbracht, die restlichen 5% am Bach auf der Jagd nach Bachforellen...

Sehr beeindruckt bin ich von wirklich großen Gewässern, ich denke da z. B. an den Chiemsee im Süden Deutschlands oder das Steinhuder Meer im Norden. Diese unendliche Weite auf dem Wasser hat etwas Mystisches und du weißt genau, du wirst in deinem kleinen Menschenleben dieses Gewässer nie ganz genau kennen lernen können. Ich könnte mir vorstellen, ein solches Gewässer über Jahre hinweg als „Urlaubsgewässer“ zu bearbeiten. Aber auch die heimischen Kleingewässer üben ihren besonderen Reiz auf mich aus, da ich sie über Jahre vernachlässigt habe und z. T. noch ein paar Überraschungen für mich bereit halte. Würdest du mich vor die Wahl eines bestimmten Gewässertyps stellen, ich könnte mich wahrscheinlich kaum entscheiden. Ich mag Wasser in jeglicher Form, sogar morgens kalt aus dem Duschkopf...

Achim:
Erzähl doch unseren Lesern, welche Montagen du verwendest!

Michael:
Grundsätzlich bin ich ein Minimalist, d.h. ich benutze nur Montagen, die ich für sinnvoll, notwendig und gleichzeitig ausreichend halte. Wenn ich keinerlei Besonderheiten in einem Gewässer vorfinde, fische ich gerne mit einem 15 lb. Silkworm Vorfach mit einem Line-Aligner. Die Vorfachlänge variiert je nach Bodenbeschaffenheit. Bei hartem Boden benutze ich etwa 18 cm lange Vorfächer, eine Länge, die sich in der Praxis bewährt hat. Ist der Boden schlammig, versuche ich die Vorfachlänge der Einsinktiefe + 10 cm azupassen. In Kombination mit dem Line Aligner gebrauche ich Haarlängen von etwa 8 mm, gemessen als Abstand zwischen Oberkante des Köders und Hakenbogen. Als Haken bei dieser Methode verwende ich ganz gerne den Drennan Boilie Hook. Ich kann jetzt aber schlecht mein gesamtes Repertoire an Rigs hier nennen, das wäre eine mehr als abendfüllende Angelegenheit. Aber eines kann ich den Lesern mit auf den Weg geben: seid ein wenig selbstbewusster und verlasst euch nicht auf alles, was geschrieben wird, denn viele Ideen sind unter ganz spezifischen Umständen am Wasser entstanden und müssen nicht zwingend auf andere Gewässertypen übertragbar sein. Andere Montagen wiederum sind, so scheint es mir, doch eher am Schreibtisch von einem technisch interessierten, eventuell auch versierten Menschen entwickelt worden. Hübsch anzusehen, aber jeglicher Logik entbehrend sind diese Hightech Versionen, für die man am Wasser eine halbe Ewigkeit braucht, das Ganze zusammenzubauen. Ich glaube, die Leute, die solche Fantasy-Rigs entwerfen, waren früher fanatische Überraschungsei-Bastler in ihrer Kindheit. Genug davon. Heutzutage gibt es so viel Literatur über die verschiedenen Montagen, da muss ich nicht auch noch meinen Beitrag zu beisteuern, oder? Nur soviel: man sollte sich immer Gedanken über das WARUM beim Verwenden einer bestimmten Montage machen und jeder einzelne Bestandteil des Rigs sollte seine Berechtigung haben, dann ist es ein guter Rig.

Achim:
Welche Köder bevorzugst du?

Michael:
Den Köder, der sich einfach und schnell, sowie preiswert zubereiten lässt! Die Selektivität und somit Effektivität des Boilies zwingt mich allerdings oft genug, mich mal wieder in die Boilieküche zu stellen und wild drauf loszudrehen. Fertigboilies sind für mich ein moralisches Tabu. Ich muss meine Fische auf meinen eigenen Köder fangen, sonst gilt es nicht. Ist halt so ein Kopfproblem bei mir, aber ich habe in den letzten Jahren auch Readymades benutzt, z. B. wenn ich 4 Wochen am Wasser war und ich mir nicht sicher war, ob der Konservierer das durchhält. Nur sehr bedingt benutze ich Partikelköder, oft genug den guten alten Mais, ab und zu, an den Gewässern, wo es funktioniert, verwende ich auch Tigernüsse. In meinen immer wiederkehrenden kreativen Phasen probiere ich dann manchmal auch exotische Köder, so habe ich letztes Jahr versucht, einen Karpfen auf ein Radieschen zu fangen, ist mir aber noch nicht geglückt.

Achim:
Wie viel Zeit hast du in den letzten Jahren am Wasser verbracht? Nur auf „Karpfenjagd“ oder stellst du auch anderen Fischen nach?

Michael:
Hui, wie viel Zeit ich am Wasser verbracht habe, kann ich dir nun wirklich nicht sagen, aber es war sehr viel Zeit. Zum Teil kann ich mich an einige Begebenheiten schon gar nicht mehr erinnern oder Fische nicht mehr eindeutig zuordnen. Ich habe immer soviel gefischt, wie es mir Spaß gemacht hat. Ich war über einige Jahre in der Lage, so viel und so lange fischen zu gehen, wie ich es für angemessen hielt. Dazu gehört schon fast der offizielle Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft und einen normalen Job kann man dabei sowieso nicht mehr „nebenbei“ erledigen. Die allermeiste Zeit habe ich mich mit dem Karpfenangeln befasst. Habe auch viel Zeit damit verbracht, Gewässer kennen lernen. Nebenbei bin ich ab und zu ganz gerne mal mit der Schwingspitze auf Rotaugen gegangen oder während des Karpfenangelns mit Kunstködern auf Raubfisch. In letzter Zeit fasziniert mich das Barbenangeln und ich hoffe, dieses Jahr die Zeit zu finden, mich damit zu beschäftigen.

Achim:
Wie ja viele wissen, bist du ja eng mit der Wassersportzentrale - de Zutter verbändelt. Welche Funktionen hast du da?

Michael:
Nun, in erster Linie werde ich von der Wassersportcentrale gesponsort. Ich fische mit den WS-Mixen und Flavours und benutze die hauseigenen Produkte. Aber ich gebe auch meine Ideen und Verbesserungsvorschläge weiter, so wie es andere Mitglieder des WS-Angelteams auch tun. Durch die große Anzahl Testfischer ist gewährleistet, dass wir un-sere Produkte ständig verbessern können. Außerdem sind wir gegenüber den ganz großen Firmen viel schneller in der Lage, solche Ideen umzusetzen, da wir keine riesigen Lagerbestände haben, die erst abverkauft werden müssen, bevor ein neues Produkt erscheint. Das Ganze funktioniert mit Rudi de Zutter auf einem freundschaftlichen Verhältnis und es war für mich auch eine Grundvoraussetzung, dieses Sponsoring einzugehen. Mit einer völlig fremden Firma und engen Verpflichtungen hätte ich so etwas niemals gemacht. Aber hier macht es mir Spaß und ich bin mit den Produkten auch sehr zufrieden. Die Fertigmischungen z. B. hat damals Luc de Baets entwickelt, also, was könnte mir Besseres passieren? Auch die unter dem Label Mega erschienenen Flavours haben einen qualitativ hohen Standard erreicht und ich bin froh, dazu auch meinen Teil beigetragen zu haben.

Achim:
Vor zwei Jahren fand das erste „Carp Meeting Rheinland“ - recht erfolgreich - statt. Letztes Jahr musste es ja leider ausfallen, kannst du uns erzählen, welche Gründe es dafür gab?

Michael:
Ehrlich gesagt, ich hab's schon so oft erzählt, dass ich momentan eigentlich keine Lust dazu habe. Aber lass’ uns die Leser des Carp Mirror mal aufklären: ich habe letztes Jahr im Frühjahr Kontakt mit der Stadt Euskirchen aufgenommen bezüglich einer erneuten Anmietung der Marienschule. Soweit, so gut. Ich habe die Erlaubnis erhalten, ein Anglersym-posium abzuhalten. Ende August (nachdem der entsprechende Sachbearbeiter aus seinem Mallorca-Urlaub zurückgekehrt war), erhielt ich ein Schreiben, dass die Veranstaltungsform „Symposium“ streng einzuhalten sei und kein Verkauf stattfinden dürfe. Damit war die Sache gestorben, denn du weißt bestimmt noch ganz genau, dass ich dich ein paar Stunden vor Druck-legung des Carp Mirror angerufen habe, war mir wirklich sehr peinlich. Aber ich musste dir meine Werbung für die Messe damals komplett absagen, denn in so kurzer Zeit war nichts Neues mehr zu organisieren. War kein netter Zug von der hiesigen Stadtverwaltung, mich über Monate in der Gewissheit zu lassen, dass die Veranstaltung stattfindet, aber Schwamm drüber.

Achim:
Wir haben es schon angekündigt, dieses Jahr wird wieder ein „Carp Meeting Rheinland“, am 17. November in Bonn stattfinden. Kannst du schon mehr darüber erzählen - welche Aussteller, Redner oder Shows gibt es zu sehen?

Michael:
Ich habe lange nach einer optimalen Halle für dieses Event gesucht und bin schließlich in Bonn mit der Beethovenhalle fündig geworden. Dies ist eine Halle mit professionellem Equipment, neu eingerichtet in einem sehr schönen Ambiente. Zum Teil hat man von der Messehalle direkten Blick auf den Rhein, das Auditorium umfasst 500 Sitzplätze und ist amphitheaterähnlich aufgebaut. Die Vortraggeber habe ich noch nicht fest unter Vertrag, deshalb möchte ich jetzt noch keine Vorankündigungen machen, die ich später eventuell widerrufen müsste. Aber soviel kann ich sagen: ich bin selbst sehr an informativen Beiträgen interessiert und du kannst mir glauben, dass ich die entsprechenden Leute versuche, für einen Vortag auf diesem Meeting zu gewinnen. Zusätzlich möchte ich eine Verkaufsmesse organisieren, die dem Besucher ein vielfältiges Warenangebot präsentiert, d. h. sowohl die preisgünstigen Produkte als auch das Besondere möchte ich  über eine große Anzahl Aussteller anbieten. Die Resonanz seitens der Händler ist enorm, hätte ich nicht gedacht. Nachdem das Meeting in  Euskirchen letztes Jahr von Seiten der Stadtverwaltung kurzfristig zum Scheitern verurteilt wurde, haben mich einige Aussteller regelrecht gedrängt, doch wieder eine Messe zu organisieren. Durch die Kombination von Verkaufsmesse mit breit gefächertem Angebot und  informativen Vorträgen internationaler Sprecher hoffe ich, allen interessierten Karpfenanglern eine schöne Veranstaltung organisieren zu können.

Achim:
SUPER, Michael, dass du dich so engagierst und ich hoffe, dass dies noch viele Jahre so sein wird. Ich bedanke mich recht herzlich für die Zeit, die du unseren Lesern und mir gewidmet hast!

Michael:
He, Achim, das Vergnügen war auf meiner Seite, denn ich habe deinen Whiskey mit großem Genuss dezimiert. Okay, dass du mir damit die Zunge etwas gelöst und mich hast aus dem Nähkästchen erzählen lassen, sei dir verziehen. Ich hoffe, auch den Lesern von Carp Mirror macht es Spaß, mal etwas über die einzelnen Leute zu erfahren, und seid euch einer Sache gewiss: auch die bekannten Karpfenangler kochen alle nur mit Wasser und das bleibt auch so! In diesem Sinne wünsche ich allen eine tolle Saison 2001; mögt ihr alle das finden, was ihr in diesem Hobby tief in euren Herzen sucht.

Cheerio,
Achim Seiter
(Carp Mirror)

 

Home