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Achim Seiter:
Heute werde ich mich mit Michael Flosdorf unterhalten. Auch er gehört,
(wie schon ein paar Ausgaben vorher - Kay Synwoldt) zu den „Urgesteinen“
des deutschen Karpfenangelns. Michael ist 1966 in Euskirchen geboren und
kam schon sehr früh zum Fischen. Dies geschah damals eher zufällig, als er
mit seinem Vater einen Urlaub im Hunsrück machte, um Versteinerungen zu
sammeln. Dem Hotel war eine Teichanlage angeschlossen. Als damals kleiner
Junge war Michael nach dem Fang einer Forelle auf einen Spinnköder sofort
Feuer und Flamme. Das nächste Geburtstagsgeschenk bestand dann auch aus
einer Vollglasrute und einer Stationärrolle. Nach anfänglichen
Trockenwurfübungen ging es zunächst einige Male zum Üben an den
Forellensee, bevor dann der Eintritt in den örtlichen Fischereiverein
folgte. Dort waren es zunächst die vereinsinternen Wettkämpfe, die Michael
beschäftigten. Bis zur Landesmeisterschaft hat er es damals gebracht, dann
stieg das Interesse, sich auf eine Fischart zu spezialisieren. Anfänglich
waren es mehr die Brassen, bevor das Interesse an den Karpfen 1984 durch
die Lektüre englischer Literatur geweckt wurde. Aber fragen wir ihn
selbst!
Hallo Michael, schön dich mal wieder zu sehen! Es wurde ja in den letzten
Monaten recht ruhig um dich. Du hast dich etwas aus dem „Rampenlicht“
genommen, hast bei dem Rotary-Letter für längere Zeit ausgesetzt und auch
Berichte von dir sind eher selten geworden. Hast du dein Hobby
Karpfenangeln an den Nagel gehängt?
Michael:
Hallo Achim, endlich haben wir mal etwas Zeit gefunden, uns zusammen-
zusetzen. Nein, mein Hobby habe ich selbstverständlich nicht an den Nagel
gehängt, das mache ich erst, wenn ich bei einem Anbiss keinen
Adrenalinschub mehr bekomme! Aber natürlich hast du recht, es ist etwas
ruhiger geworden bei mir. Dies ist einmal durch meinen Job bedingt, zum
anderen widme ich auch viel Zeit meiner Freundin und ich habe nicht mehr
das unbedingte Verlangen, jede freie Minute am Wasser zu verbringen. Dazu
kommen einige negative Erfahrungen mit anderen karpfenangelnden
„Kollegen“, die einem das Leben schwer machen. Das braucht natürlich kein
Mensch! Wenn ich am Wasser bin, möchte ich mich mit dem Fischen
beschäftigen und nicht mit irgendwelchen Idioten oder Chaoten, die durch
Neid und Missgunst oder üble Nachrede einen dunklen Schleier über das
Ganze ziehen. Auch das ganze Gerede über andere Karpfenangler (haste schon
gehört...) oder das oberflächliche „Fachsimpeln“ über das neueste Gerät
mag ich nicht. Stundenlange Belagerungszustände vor meinem Zelteingang,
wobei eigentlich nur Mindersinn produziert wird, mag ich ebenfalls nicht.
Ich bin am Wasser, um Fische zu fangen und auf meine Art und Weise zu
relaxen. An vielen Gewässern, die mich fischereilich reizen, kann ich aus
den oben erwähnten Gründen nicht mehr fischen. Deshalb suche ich mir in
letzter Zeit Gewässer, die von anderen Anglern nicht so stark frequentiert
werden. Dies verbinde ich mit dem Befischen lokaler Gewässer in einem
Umkreis von 100 km von meinem Wohnort. So kann ich Beziehung, Beruf und
Hobby einigermaßen unter einen Hut bekommen.
Achim:
Ja Mann, man wird älter, nicht wahr?
Michael:
Daher habe ich mich auch vom Rotary-Letter etwas abgenabelt, werde aber in
nächster Zukunft da auch noch mal meinen Senf dazu abgeben. Berichte
schreiben? - Momentan habe ich keinen Drang, etwas zu schreiben, obwohl
ich gefragt wurde, für ein belgisches Buch meinen Beitrag zu leisten und
ich muss sagen, ich habe mich doch sehr geehrt gefühlt. Ansonsten habe ich
aber keine Ambitionen, aber das kann sich beim Fischen schnell ändern,
wenn ich feststelle, dass ein bestimmtes Problem mit meinen
Lösungsvorschlägen auch die Allgemeinheit interessieren könnte. Aber meine
Freundin ist nicht besonders begeistert, mich als Computerleiche zu Hause
sitzen zu haben, die Abende mit Angelberichte schreibend zu verbringen und
ich muss sagen, ich gebe ihr Recht: da geh' ich lieber fischen...
Achim:
Bevor wir nun zu weiteren aktuellen Themen kommen, lass uns doch kurz zu
deinen Anfängen im Karpfenangeln kommen. Wie war das damals, mit was für
Material hast du damals angefangen, welche Köder hast du benutzt und wie
waren die Erfolge damit?
Michael:
Ha ha, das war damals noch ein richtiges Abenteuer, an ordentliches Gerät
heranzukommen! Mein Vater hat mir zum Abitur eine Reise nach London
geschenkt und wir haben zusammen die tackle shops durchforstet. Während
hier in Deutschland die Angelgerätehersteller mit ihrem Kram noch in den
Kinderschuhen steckten und mit dem Trömmelchen und Teleskoprute um den
Weihnachtsbaum liefen, gab's auf der Insel schon lange hochspezie lles
Gerät und mir quollen bei dem London-Besuch die Augen über. Begonnen habe
ich mit ein paar alten Optonic’s, die noch keinen eigenen Speaker besaßen,
sondern an eine externe Box angeschlossen wurden. Um diese Box lauter zu
bekommen, musste man den Deckel öffnen, hehe, unvorstellbar heute! Meine
Ruten waren nach den ersten Fehlkäufen ein paar K.M. Dual Taper 2 (12 Fuss
1 3/4 lbs.). Dazu gab's die damals einzig wahre und mit 160,-DM
unwahrscheinlich teure ABU Cardinal 55, der Rolls Royce unter den Rollen.
Meine ersten selbst gedrehten Boilies waren aus einem Fischmehl-Fertigmix
in Kombination mit einem fruchtigen Flavour von Hutchinson (glaube, es war
Wild Cherry) zusammengestellt, aus Unwissenheit... Später sollte diese
Kombination mal in Mode kommen, du siehst, schon damals war ich meiner
Zeit weit voraus...
Danach habe ich eine Zeit lang mit
Fertigboilies (Tutti Frutti von Ritchworth) gefischt, die gab es damals in
Belgien tiefgefroren zu kaufen, war eine tolle Sache, übelst fängig auf
jungfräuliche Fische, aber auf Dauer zu teuer. Daher bin ich schnell
wieder zum Selberrollen zurückgekehrt. Ich habe dann sehr viel mit Mixes
und Flavours herumexperimentiert, viele Stunden umsonst am Wasser
verbracht, also viel Lehrgeld bezahlt. Es gab kaum jemanden in
Deutschland, mit dem man sich hätte austauschen können. Die Leute, die
genauso herumgedoktort haben, kannten sich nicht, schnelle Medien wie
Handy und Internet gab’s schließlich auch noch nicht. Alles war noch recht
mühselig. Später habe ich dann sehr gerne mit einem neutralen
Milch-proteinmix zusammen mit dem Hutchy-Flavour Scopex und jede Menge
Süßstoff gefischt, sehr gut war das! Damals wusste ich lediglich, dass
dieses Zeug extrem fängig war, aber ich wusste nicht, warum. Aus heutiger
Sicht ein echter Volltreffer, aus der Erfahrung der Praxis geboren, ohne
theoretischen Background. Die damals völlig unbefangenen Fische haben das
Zeug wirklich geliebt, vor allem wegen der hohen Süßstoffdosierung. Ach
ja, schöne alte Zeit, ich erinnere mich noch heute spontan an bestimmte
Situationen, wenn ich einen bestimmten Flavour rieche. So zum Beispiel
Pink Zing von Geoff Kemp, das Zeug bringt in mir die Erinnerung an die
Kurzsessions Ende der Achtziger zurück, man ist nachmittags los, hat 5-6
Std. gefischt und ist dann hochmotiviert mit ein bis drei Bissen wieder
nach Hause gefahren. Das konnte man 2-3mal pro Woche machen, nach dem
Fischen fürs nächste Mal füttern und am Wochenende ein anderes Gewässer
befischen. Das war effektive Fischerei!
Achim:
Welche Vorbilder hast du gehabt und vor allem, welche Informationen? Hast
du deine eigenen Ideen verwirklicht oder hast du etwas auf die Insel im
Norden geschaut, um zu sehen, was die da so treiben?
Michael:
Ja natürlich hatte ich Vorbilder, diese hießen zunächst Kevin Maddocks und
Rod Hutchinson. Die Bücher der beiden haben mich total auf den Trip
gebracht und ich habe schon oft darüber nachgedacht, die beiden noch heute
deshalb zu verklagen! Wie ein Verrückter habe ich die beiden Bücher ‘The
Carp Strikes Back’ und „Carp Fever“ verschlungen, immer und immer wieder
gelesen und die darin erwähnten Methoden ausprobiert. Es war so eine Flut
an für mich damals neuen Informationen, dass ich vor lauter Bäumen den
Wald nicht mehr gesehen habe. Da denke ich immer über die Leute nach, die
das Karpfenangeln in den letzten Jahren begonnen haben, die müssen sich am
Anfang ähnlich fühlen. Für mich waren die oben erwähnten Bücher die
Bibeln, damit war ich lange beschäftigt. Relativ schnell fand ich jedoch
heraus, dass nicht alles Gold war und einfach so übernommen werden konnte.
Unsere Gewässer hatten doch einen recht unterschiedlichen Charakter im
Gegensatz zu den idyllischen Kleingewässern, die die Engländer damals
hauptsächlich befischten. Bestimmte Methoden und Strategien brachten
einfach nicht den gewünschten Erfolg. Das adaptierte Wissen reichte
einfach nicht aus. Das war der Beginn der Pionierarbeit, die schönste Zeit
für mich im Rückblick. Später gab es weniger Vorbilder für mich, dafür
Angler wie z. B. Jim Gibbinson, die ich sehr geschätzt habe, da er immer
versucht hat, eine Problemlösung mit Logik anzugehen und mit einer Theorie
zu untermauern. Mein größtes anglerisches Vorbild ist Luc de Baets, der
beste Angler, den ich kenne und ich bin froh, ihn als einen meiner besten
Freunde bezeich-nen zu dürfen. Was dieser Mann anglerisch auf die Beine
stellt, hat Hand und Fuß. Er arbeitet wie ein Besessener für seine Ziele,
alles ist perfekt geplant, Situationen am Wasser werden von ihm meist
richtig ge-deutet. Er hat den richtigen Riecher, was die Engländer
treffend als „watercraft“ bezeichnen, in Kombination mit seiner logischen
Denkweise eine sehr effektive Mischung! Von diesem Mann habe ich einiges
lernen können und das hat sich bis heute nicht geändert, auch wenn er seit
Jahren nicht mehr auf Karpfen fischt, sondern statt dessen das
Wettkampfangeln zu seiner Passion gemacht hat.
Achim:
Du hast sehr viele und große Fische in den Jahren landen können. Gab es
einen besonderen, an den du dich immer erinnern wirst?
Michael:
Zum Glück gibt es da viele Fische, an die ich mich gerne zurück erinnere,
sei es, weil ich sie unter besonderen Umständen gefangen habe oder weil es
ein toller Fang zusammen mit einem Freund war. Besonders erinnern kann ich
mich z. B. an den Fang meines Freundes Kay, ich glaube, es war 1987. Wir
haben zur damaligen Zeit am Twente-Kanal gefischt und er hatte einen sehr
interessanten Kanalabschnitt in einem Waldstück ausfindig gemacht. Die
Stelle zeichnete sich durch eine flache Sandbank an der gegenüberliegenden
Seite aus und wir hofften, dass die Karpfen diese Stelle Mitte Mai bei
warmem Wetter öfter frequentie ren würden. So war es auch, schon nach
kurzer Wartezeit bekam Kay den ersten Biss und nach einem angemessenen
Drill konnte ich das Netz unter einen wunderschönen Zeilenkarpfen gleiten
lassen. Während ich einen nassen Karpfensack besorgte, war Kay damit
beschäftigt, den Haken zu lösen. ,,Das gibt's doch gar nicht“, vernahm ich
plötzlich. Ich wendete mich zu Kay und er sagte mir, ich solle bitte
einmal in das Maul des Fisches schauen. Ich traute meinen Augen nicht:
sein Haken hing mit der Spitze in dem Öhr eines anderen Hakens, dessen
Vorfach vor nicht allzu langer Zeit abgerissen war. Wir schauten uns beide
ungläubig an und Kay wollte den Fisch für sich schon nicht werten, aber
der Fisch hatte seinen Köder ganz offensichtlich aufgenommen, denn beide
Haken befanden sich im Innenbereich des Mauls. Solch ein Zufall passiert
nicht alle Tage! Eine andere schöne Begebenheit werde ich auch niemals
vergessen: ich hatte meinen Freund Markus auf meine Stelle gesetzt, die
ich vorher schon öfter befischt hatte und mich eine Stelle weiter gesetzt.
Wir wollten eine Woche an diesem Spot fischen, und da Markus mein Gast
war, hatte ich ihn an die vermeintlich bessere Stelle positioniert. Es
kam, wie es kommen musste: Markus fing in der zweiten Nacht einen schönen
Motivationsfisch und danach rein gar nichts mehr. Dafür durfte er bei mir
einen Fisch nach dem anderen keschern und fotografieren. Nach einer Woche
hatte ich einen Sack voller guter Fische und die Peinlichkeit auf meiner
Seite, dass mein Freund nichts gefangen hatte. Hier zeigte sich wahre
Freundschaft, die heutzutage selten ist: er hat sein Schicksal brav
ertragen, die Stimmung hat nicht unter dem sehr einseitigen Fangergebnis
gelitten und wir hatten jede Menge Spaß miteinander. Der arme Kerl hatte
wirklich einiges zu ertragen mit mir, ich fing damals meinen ersten
Schuppenkarpfen über 20 Kilo und einen Tag später durfte er dann noch
einen Schuppi von 22,4 Kilo ablichten, aber er hat sich richtig Mühe
ge-eben beim Fotografieren und sich mit mir über die Fänge gefreut, sehr
schön! Marcuse, du bist einer der letzten Mohikaner...
Achim:
Wenn du heute angeln gehst, wie sieht das aus? Eher kurze Trips oder doch
längere Sessions?
Michael:
Nun, wie jeder berufstätige Mensch bin ich auf die Wochenenden und die
paar jämmerlichen Urlaubstage angewiesen. Die Zeiten, in denen ich in der
Woche noch 2-3 Nächte gefischt habe, sind, glaube ich, vorbei. Das Fieber
könnte mich höchstens packen, wenn es mal an einem Gewässer zu einem
bestimmten Zeitpunkt außergewöhnlich gut läuft und ich die Gunst der
Stunde nutzen möchte, weil ich (im positiven Sinne) fischgeil werde. Somit
habe ich eine Mischung von kürzeren 1-3 Tage Trips zu Hause und den
Urlaubstagen, die ich bis jetzt noch nicht verplant habe, da ich
mittlerweile nun wirklich nicht mehr weiß, wo ich noch hinfahren soll.
Denn, wie die meisten Karpfenangler, habe auch ich den Anspruch, einen
schönen, möglichst ruhigen, stressfreien Urlaub zu verleben, mit der
Option auf einen wirklich großen Fisch. Da gibt es aber leider nicht
unbegrenzte Möglichkeiten, so dass man sich zwangsläufig auf die Füße
tritt. Aber ich werde schon noch etwas Schönes finden.
Achim:
Was sind deine bevorzugten Gewässer (Fluss, Kanal, Seen) und warum?
Michael:
Früher hat mich das Kanalangeln total fasziniert; die Herausforderung, ein
solch monotones Gewässer verstehen und „Lesen“ zu lernen, war für mich
enorm interessant. Da bin ich aber schon ein paar Jahre ab von. Nicht,
weil es mir nicht mehr gefällt oder zu stressig ist, sondern weil ich
einfach genug davon habe. In letzter Zeit habe ich 95% meiner Angelzeit an
stehenden Gewässern unterschiedlichster Größe verbracht, die restlichen 5%
am Bach auf der Jagd nach Bachforellen...
Sehr beeindruckt bin ich von wirklich
großen Gewässern, ich denke da z. B. an den Chiemsee im Süden Deutschlands
oder das Steinhuder Meer im Norden. Diese unendliche Weite auf dem Wasser
hat etwas Mystisches und du weißt genau, du wirst in deinem kleinen
Menschenleben dieses Gewässer nie ganz genau kennen lernen können. Ich
könnte mir vorstellen, ein solches Gewässer über Jahre hinweg als
„Urlaubsgewässer“ zu bearbeiten. Aber auch die heimischen Kleingewässer
üben ihren besonderen Reiz auf mich aus, da ich sie über Jahre
vernachlässigt habe und z. T. noch ein paar Überraschungen für mich bereit
halte. Würdest du mich vor die Wahl eines bestimmten Gewässertyps stellen,
ich könnte mich wahrscheinlich kaum entscheiden. Ich mag Wasser in
jeglicher Form, sogar morgens kalt aus dem Duschkopf...
Achim:
Erzähl doch unseren Lesern, welche Montagen du verwendest!
Michael:
Grundsätzlich bin ich ein Minimalist, d.h. ich benutze nur Montagen, die
ich für sinnvoll, notwendig und gleichzeitig ausreichend halte. Wenn ich
keinerlei Besonderheiten in einem Gewässer vorfinde, fische ich gerne mit
einem 15 lb. Silkworm Vorfach mit einem Line-Aligner. Die Vorfachlänge
variiert je nach Bodenbeschaffenheit. Bei hartem Boden benutze ich etwa 18
cm lange Vorfächer, eine Länge, die sich in der Praxis bewährt hat. Ist
der Boden schlammig, versuche ich die Vorfachlänge der Einsinktiefe + 10
cm azupassen. In Kombination mit dem Line Aligner gebrauche ich Haarlängen
von etwa 8 mm, gemessen als Abstand zwischen Oberkante des Köders und
Hakenbogen. Als Haken bei dieser Methode verwende ich ganz gerne den Drennan Boilie Hook. Ich kann jetzt aber schlecht mein gesamtes Repertoire
an Rigs hier nennen, das wäre eine mehr als abendfüllende Angelegenheit.
Aber eines kann ich den Lesern mit auf den Weg geben: seid ein wenig
selbstbewusster und verlasst euch nicht auf alles, was geschrieben wird,
denn viele Ideen sind unter ganz spezifischen Umständen am Wasser
entstanden und müssen nicht zwingend auf andere Gewässertypen übertragbar
sein. Andere Montagen wiederum sind, so scheint es mir, doch eher am
Schreibtisch von einem technisch interessierten, eventuell auch versierten
Menschen entwickelt worden. Hübsch anzusehen, aber jeglicher Logik
entbehrend sind diese Hightech Versionen, für die man am Wasser eine halbe
Ewigkeit braucht, das Ganze zusammenzubauen. Ich glaube, die Leute, die
solche Fantasy-Rigs entwerfen, waren früher fanatische
Überraschungsei-Bastler in ihrer Kindheit. Genug davon. Heutzutage gibt es
so viel Literatur über die verschiedenen Montagen, da muss ich nicht auch
noch meinen Beitrag zu beisteuern, oder? Nur soviel: man sollte sich immer
Gedanken über das WARUM beim Verwenden einer bestimmten Montage machen und
jeder einzelne Bestandteil des Rigs sollte seine Berechtigung haben, dann
ist es ein guter Rig.
Achim:
Welche Köder bevorzugst du?
Michael:
Den Köder, der sich einfach und schnell, sowie preiswert zubereiten lässt!
Die Selektivität und somit Effektivität des Boilies zwingt mich allerdings
oft genug, mich mal wieder in die Boilieküche zu stellen und wild drauf
loszudrehen. Fertigboilies sind für mich ein moralisches Tabu. Ich muss
meine Fische auf meinen eigenen Köder fangen, sonst gilt es nicht. Ist
halt so ein Kopfproblem bei mir, aber ich habe in den letzten Jahren auch
Readymades benutzt, z. B. wenn ich 4 Wochen am Wasser war und ich mir
nicht sicher war, ob der Konservierer das durchhält. Nur sehr bedingt
benutze ich Partikelköder, oft genug den guten alten Mais, ab und zu, an
den Gewässern, wo es funktioniert, verwende ich auch Tigernüsse. In meinen
immer wiederkehrenden kreativen Phasen probiere ich dann manchmal auch
exotische Köder, so habe ich letztes Jahr versucht, einen Karpfen auf ein
Radieschen zu fangen, ist mir aber noch nicht geglückt.
Achim:
Wie viel Zeit hast du in den letzten Jahren am Wasser verbracht? Nur auf
„Karpfenjagd“ oder stellst du auch anderen Fischen nach?
Michael:
Hui, wie viel Zeit ich am Wasser verbracht habe, kann ich dir nun wirklich
nicht sagen, aber es war sehr viel Zeit. Zum Teil kann ich mich an einige
Begebenheiten schon gar nicht mehr erinnern oder Fische nicht mehr
eindeutig zuordnen. Ich habe immer soviel gefischt, wie es mir Spaß
gemacht hat. Ich war über einige Jahre in der Lage, so viel und so lange
fischen zu gehen, wie ich es für angemessen hielt. Dazu gehört schon fast
der offizielle Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft und einen
normalen Job kann man dabei sowieso nicht mehr „nebenbei“ erledigen. Die
allermeiste Zeit habe ich mich mit dem Karpfenangeln befasst. Habe auch
viel Zeit damit verbracht, Gewässer kennen lernen. Nebenbei bin ich ab und
zu ganz gerne mal mit der Schwingspitze auf Rotaugen gegangen oder während
des Karpfenangelns mit Kunstködern auf Raubfisch. In letzter Zeit
fasziniert mich das Barbenangeln und ich hoffe, dieses Jahr die Zeit zu
finden, mich damit zu beschäftigen.
Achim:
Wie ja viele wissen, bist du ja eng mit der Wassersportzentrale - de
Zutter verbändelt. Welche Funktionen hast du da?
Michael:
Nun, in erster Linie werde ich von der Wassersportcentrale gesponsort. Ich
fische mit den WS-Mixen und Flavours und benutze die hauseigenen Produkte.
Aber ich gebe auch meine Ideen und Verbesserungsvorschläge weiter, so wie
es andere Mitglieder des WS-Angelteams auch tun. Durch die große Anzahl
Testfischer ist gewährleistet, dass wir un-sere Produkte ständig
verbessern können. Außerdem sind wir gegenüber den ganz großen Firmen viel
schneller in der Lage, solche Ideen umzusetzen, da wir keine riesigen
Lagerbestände haben, die erst abverkauft werden müssen, bevor ein neues
Produkt erscheint. Das Ganze funktioniert mit Rudi de Zutter auf einem
freundschaftlichen Verhältnis und es war für mich auch eine
Grundvoraussetzung, dieses Sponsoring einzugehen. Mit einer völlig fremden
Firma und engen Verpflichtungen hätte ich so etwas niemals gemacht. Aber
hier macht es mir Spaß und ich bin mit den Produkten auch sehr zufrieden.
Die Fertigmischungen z. B. hat damals Luc de Baets entwickelt, also, was
könnte mir Besseres passieren? Auch die unter dem Label Mega erschienenen
Flavours haben einen qualitativ hohen Standard erreicht und ich bin froh,
dazu auch meinen Teil beigetragen zu haben.
Achim:
Vor zwei Jahren fand das erste „Carp Meeting Rheinland“ - recht
erfolgreich - statt. Letztes Jahr musste es ja leider ausfallen, kannst du
uns erzählen, welche Gründe es dafür gab?
Michael:
Ehrlich gesagt, ich hab's schon so oft erzählt, dass ich momentan
eigentlich keine Lust dazu habe. Aber lass’ uns die Leser des Carp Mirror
mal aufklären: ich habe letztes Jahr im Frühjahr Kontakt mit der Stadt
Euskirchen aufgenommen bezüglich einer erneuten Anmietung der
Marienschule. Soweit, so gut. Ich habe die Erlaubnis erhalten, ein
Anglersym-posium abzuhalten. Ende August (nachdem der entsprechende
Sachbearbeiter aus seinem Mallorca-Urlaub zurückgekehrt war), erhielt ich
ein Schreiben, dass die Veranstaltungsform „Symposium“ streng einzuhalten
sei und kein Verkauf stattfinden dürfe. Damit war die Sache gestorben,
denn du weißt bestimmt noch ganz genau, dass ich dich ein paar Stunden vor
Druck-legung des Carp Mirror angerufen habe, war mir wirklich sehr
peinlich. Aber ich musste dir meine Werbung für die Messe damals komplett
absagen, denn in so kurzer Zeit war nichts Neues mehr zu organisieren. War
kein netter Zug von der hiesigen Stadtverwaltung, mich über Monate in der
Gewissheit zu lassen, dass die Veranstaltung stattfindet, aber Schwamm
drüber.
Achim:
Wir haben es schon angekündigt, dieses Jahr wird wieder ein „Carp Meeting
Rheinland“, am 17. November in Bonn stattfinden. Kannst du schon mehr
darüber erzählen - welche Aussteller, Redner oder Shows gibt es zu sehen?
Michael:
Ich habe lange nach einer optimalen Halle für dieses Event gesucht und bin
schließlich in Bonn mit der Beethovenhalle fündig geworden. Dies ist eine
Halle mit professionellem Equipment, neu eingerichtet in einem sehr
schönen Ambiente. Zum Teil hat man von der Messehalle direkten Blick auf
den Rhein, das Auditorium umfasst 500 Sitzplätze und ist
amphitheaterähnlich aufgebaut. Die Vortraggeber habe ich noch nicht fest
unter Vertrag, deshalb möchte ich jetzt noch keine Vorankündigungen
machen, die ich später eventuell widerrufen müsste. Aber soviel kann ich
sagen: ich bin selbst sehr an informativen Beiträgen interessiert und du
kannst mir glauben, dass ich die entsprechenden Leute versuche, für einen
Vortag auf diesem Meeting zu gewinnen. Zusätzlich möchte ich eine
Verkaufsmesse organisieren, die dem Besucher ein vielfältiges Warenangebot
präsentiert, d. h. sowohl die preisgünstigen Produkte als auch das
Besondere möchte ich über eine große Anzahl Aussteller anbieten. Die
Resonanz seitens der Händler ist enorm, hätte ich nicht gedacht. Nachdem
das Meeting in Euskirchen letztes Jahr von Seiten der Stadtverwaltung
kurzfristig zum Scheitern verurteilt wurde, haben mich einige Aussteller
regelrecht gedrängt, doch wieder eine Messe zu organisieren. Durch die
Kombination von Verkaufsmesse mit breit gefächertem Angebot und
informativen Vorträgen internationaler Sprecher hoffe ich, allen
interessierten Karpfenanglern eine schöne Veranstaltung organisieren zu
können.
Achim:
SUPER, Michael, dass du dich so engagierst und ich hoffe, dass dies noch
viele Jahre so sein wird. Ich bedanke mich recht herzlich für die Zeit,
die du unseren Lesern und mir gewidmet hast!
Michael:
He, Achim, das Vergnügen war auf meiner Seite, denn ich habe deinen
Whiskey mit großem Genuss dezimiert. Okay, dass du mir damit die Zunge
etwas gelöst und mich hast aus dem Nähkästchen erzählen lassen, sei dir
verziehen. Ich hoffe, auch den Lesern von Carp Mirror macht es Spaß, mal
etwas über die einzelnen Leute zu erfahren, und seid euch einer Sache
gewiss: auch die bekannten Karpfenangler kochen alle nur mit Wasser und
das bleibt auch so! In diesem Sinne wünsche ich allen eine tolle Saison
2001; mögt ihr alle das finden, was ihr in diesem Hobby tief in euren
Herzen sucht.
Cheerio,
Achim Seiter
(Carp Mirror)
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