Von Michael Flosdorf Teil II

Im letzten Teil des Artikels hatten wir uns mit den Möglichkeiten einer Avonrute befasst, die, ganz kurz gesagt, als universelle Flussrute sowohl zum Grundangeln als auch zur Posenfischerei eingesetzt werden kann. Diesmal möchte ich Ihnen eine spezielle Methode der Flussfischerei vorstellen, das sogenannte „Trotting“, was soviel bedeutet wie: am Ufer entlang schlendern. Bei dieser Methode wird der im Fließgewässer stehende Fisch aktiv gesucht. Die einzelnen Flussabschnitte werden mit der Pose abgefischt. Dabei wird eine Centrepin Rolle verwendet, die es zulässt, den Köder mit der Strömung oder leicht verzögert zu führen. Diese Rollen lassen sich nicht sehr weit auswerfen, daher ist die Fischerei auf das eigene Ufer beschränkt. Durch den seidenweichen Lauf der Rollen kann der Köder jedoch sehr weit flussabwärts gefischt werden. Man sollte je nach Strömungsgeschwindigkeit allerdings darauf achten, die Pose verzögert zu führen und gleichzeitig etwas tiefer zu fischen als die Wassertiefe beträgt. Dadurch wird eine natürliche Köderpräsentation erreicht, denn am Flussgrund ist die Strömungsgeschwindigkeit etwas langsamer als in den darüberliegenden Schichten. In Kombination mit dieser Technik wendet man eine Fütterungstaktik an, die sich mit dem Satz: „wenig, aber oft“ sehr gut beschreiben lässt. Die Objekte der Begierde sind hier vor allem Döbel  und Barben. Rotaugen, Rotfedern und Brassen lassen sich mit dieser Methode ebenfalls hervorragend befischen. Aber auch Barsche und Aale lassen sich damit gezielt beangeln.

Vorteil dieser Methode gegenüber dem konventionellen stationären Fischen ist, dass man eine große Strecke befischen kann und den Fisch dadurch aktiv sucht. Hat man eine erfolgreiche Stelle gefunden, so sollte man die Gunst der Stunde nutzen und diesen Bereich intensiv abfischen. Lassen die Bisse nach, so zieht man weiter zum nächsten Abschnitt. Man sollte diese Stelle aber für einen späteren Besuch im Auge behalten und eventuell für den Rückweg mit etwas Futter präparieren. Der enorme Vorteil dieser Angelart ist die absolut natürliche Präsentation des angebotenen Köders im Fließwasser. Der Instinkt des Fisches sofort die Gelegenheit zu nutzen und zuzugreifen, wird gereizt und ausgenutzt. Auch der Neid innerhalb einer Schule von Fischen wird hier angeregt und verleitet zum Anbiss. Vor allem beißfaule Fische können hiermit überlistet werden. Besonders effek-iv zeigt sich diese Methode im Sommer, wenn die Fische etwas träger werden und  die Fischerei mit dem Bodenblei versagt. Dazu benötigt man allerdings eine Strömungspose, die der Fließgeschwindigkeit des Gewässers angepasst ist und außerdem genügend Auftriebskraft hat, den Köder auch auf längeren Fliesstrecken zu führen. Idealerweise benutzt man die dickbauchigen englischen Posenmodelle Avon oder Loafer, sie verfügen über eine der Strömung angepasste Form.

Die Bebleiung erfolgt punktuell in einem Abstand von 40 -70 Zentimeter vor dem Haken, der direkt an die dünne Hauptschnur gebunden wird. Je nach Strömungsdruck kann zwischen Haken und Hauptbebleiung noch ein Bleischrot angebracht werden. Diese Methode erfordert eine ganz besondere Gerätezusammenstellung. Daher möchte ich Ihnen hier die verschiedenen Trotter-Ruten und deren Abwandlungen zeigen und erklären, wie man diese Technik mit welchem Gerät anwendet. Klassisch wird die Trottingmethode mit einer Centrepin- oder Nottinghamrolle ausgeführt. Beides sind Achsrollen, die durch ihren weichen Lauf in der Lage sind, die Schnur entsprechend der Strömung freizugeben. Einziger Unterschied: Nottinghamrollen sind aus Holz, moderne Centrepins meist aus Alu. Heute noch erhältliche Modelle sind die Dave Swallow- oder die Adcock Stanton Centrepin sowie die J.W. Youngs „The Purist“ Rolle.

Auswerfen kann man mit diesen Rollen, indem man einige Schnurschlaufen in die linke Hand nimmt und beim Auswurf entsprechend wieder freigibt. Zugegeben: etwas Übung erfordert dieser Wurfstil schon, aber nach etwas Training macht diese Angelart richtig Spaß. Beim Fischen in der Strömung verzögert man die Schnurfreigabe durch leichtes Abbremsen der Spule mit dem Zeigefinger. Erfolgt ein Biss, so blockiert man mit dem Finger die Spule und schlägt an. Die richtige Trotter-Rute muss eine feine Spitze zum Posenfischen haben und über eine gewisse Länge verfügen, um die Pose stromab führen zu können.

Die klassische Trotter hat eine Länge von 11,4ft., dies entspricht 3,43m. Besonders interessant ist die Teilung der Rute: die Rute ist zwar dreiteilig, aber um die Aktion nicht zu stark zu beeinträchtigen, erfolgt die erste Teilung direkt nach dem Handteil. Auf dem Blank  (Rutenrohling) ist somit nur eine Steckverbindung vorhanden, die in der Gesamtkurve kaum eine Beeinträchtigung zeigt. Die Trotter-Ruten verfügen über hochabstehende Spinnbeinringe, die beim Wurf einen Kontakt mit dem Blank verhindern. Meist haben sie Einlagen in Führungs- und Spitzenring, da diese besonders belastet werden. Die Gesamtringanzahl schwankt zwischen 11 - 13, je nach Blank. Eine auch hier in Deutschland sehr bekannte und beliebte Trotter ist die Fred J. Taylor Trotter von der Firma Hardy.

Die Rute ist nicht nur optisch schön anzuschauen, sie besticht auch durch ihre wunderbare parabolische Aktion, verknüpft mit einer (für Glasfaser) schnelle Spitze. Ein wirkliches Konkurrenzprodukt war damals die Bruce & Walker Trotter. Diese Rute ist etwas dünner im Blankdurchmesser, etwas schneller und filigraner, obwohl man mit ihr auch getrost schwere Barben drillen kann. Vorläufer dieser Glasruten waren gespliesste Ruten, die schon damals in der gleichen Bauart gefertigt wurden. Hier sind vor allem die Modelle der Firmen B. James & Son und Oliver’s of Knebworth zu nennen. Eine hervorragende Trotter-Rute ist auch die von der Firma Chapman in den sechziger Jahren gebaute Fred J, Taylor Roach Rod. Die Rute hat als Rotaugenrute (engl.: roach = Rotauge) eine enorme Kraft und England’s bekannter Angler Chris Yates benutzt sie auch heute noch zum Barbenangeln.

Diese alten gespliessten Ruten sind zwar gegenüber den modernen Kohlefaserruten sehr schwer, aber dieses Naturmaterial hat einen entscheidenden Vorteil: es ist in der Gesamtaktion wesentlich belastbarer, dies bedeutet, dass auch kampfstarke Fische vor dem Kescher keinerlei Problem darstellen. Die im Vergleich zu Kohlefaser doch meist sehr parabolische Aktion vergibt dem Angler kleinere Fehler beim Drill und beim Anschlag. Außerdem ist eine solche Rute eine Augenweide, denn bekanntlich fischt das Auge ja auch mit. Die handwerkliche Kunst, eine solche Rute zu bauen, ist enorm. Jeder, der sich schon einmal mit dem Rutenbau beschäftigt hat, weiss, wie schwer es ist, Zierwicklungen in 1 mm Abstand voneinander mit dünnem Seidenfaden zu wickeln. Ganz zu schweigen vom Aufbau des Rutenrohlings. Dazu wird spezieller Bambus benötigt. Dieser wird begradigt, die Knoten (internodi) beseitigt und das Holz der Länge nach in sechs Teile gespalten. Die im Querschnitt dreieckigen Teile werden nach sorgfältigem Glattschleifen wieder verleimt. Dies erfordert auf eine solche Länge ein absolut exaktes Arbeiten. Im Anschluss daran wird der so entstandene Blank durch Hitzebehandlung gehärtet.

Die Aktion kann dadurch gestaltet werden, dass bestimmte Bereiche länger behandelt werden. Heutzutage gibt es nur noch wenige Hersteller, die Ruten dieses Typs herstellen. Eine dieser Ruten ist die Legermaster von Drennan. Diese Rute ist nach alten Vorgaben unter Verwendung von Kohlefaser aufgebaut und leistet ebenfalls gute Dienste. Vergleichbare Ruten baut der englische Rutenbauer Graham Phillips in etlichen Variationen. Für denjenigen, der eine solche Rute selbst aufbauen möchte, sind die Blanks der Firmen Harrison und Century zu empfehlen.

Ideal geeignet ist die Trottingmethode für kleine bis mittlere Flüsse. Hier kann das eigene Ufer abgefischt werden, interessante Flussabschnitte mit überhängenden Bäumen, aber auch Scharkanten können über lange Strecken abgesucht werden. Wer an seinem Gewässer genaue Aufzeichnungen führt, kann sich durch diese Angelart in recht kurzer Zeit ein gutes Bild von der Strecke machen und wird sicherlich auch einige besonders fängige Stellen ausfindig machen. Man sollte auf jeden Fall darauf achten, nicht zu viel Gepäck mitzunehmen, denn das Wanderangeln wird sonst schnell zur Tortur. Der Reiz liegt nicht nur in der aktiven Art dieser Methode, sondern verbindet mit solchem Gerät auch Nostal-gie und Romantik am Fischwasser. Einen guten Fisch an einer Trotter in Verbindung mit einer Centrepin zu drillen ist etwas Besonderes. Man spürt den Fisch in der Rolle durch den direkten Kontakt ohne eine Bremse zu benutzen. Probieren Sie es einmal aus!

Im nächsten Teil befassen wir uns mit der Methode des Legerings mit der Schwingspitze oder dem Quiver und stellen das dazu benötigte Gerät vor.

Michael Flosdorf

 

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