Von Michael Flosdorf Teil 1
 

England wird nicht umsonst als das Mutterland des Angelns bezeichnet. Hier war und ist das Fischen ein Volkssport, der sich ungebremster Popularität erfreut. Kein Wunder also, dass dadurch auch ausgefeilte Methoden schon in frühester Zeit entstanden, als hier auf dem Kontinent noch anglerische Steinzeit herrschte. Und nicht nur im Bereich des „game fishing“, die noble Fischerei auf so genannte Edelfische, auch das „coarse fishing“  (engl.: coarse = grob), die Fischerei auf Weißfische, und somit der Sport des kleinen Mannes, wurde im Lauf der Jahre perfektioniert und verfeinert.

Schon in den dreißiger Jahren spezialisierten sich englische Angler auf das Befischen einer bestimmten Fischart und versuchten, durch die richtige Köderwahl, Auffinden der Fressplätze und geeignetes Gerät, möglichst selektiv zu fischen. Einer, der dieses sogenannte „Specimen Hunting“ (engl.: heißt soviel wie: die Jagd nach besonders großen Exemplaren einer Spezies) in den 50er und 60er Jahren perfektioniert hat, ist der legendäre englische Angler Richard Walker. Er  muss ein besonders begnadeter Angler gewesen sein, der es sehr gut verstanden hat, ein Gewässer zu „lesen“, Verhaltensweisen der Fische zu studieren und richtig zu deuten, um daraus resultierend entsprechende Methoden zu entwickeln.

Der wirtschaftliche Aufschwung in der Nachkriegszeit und die für damalige Verhältnisse rasante Entwicklung in der chemischen Industrie wirkte sich auch vorteilhaft auf die Angelindustrie aus. Neue, künstlich hergestellte Materialien ersetzten langsam die bisher verwendeten Naturmaterialien. So wurde die gute alte Seidenschnur vom Nylon abgelöst und die gespliesste Bambusrute wich dem neuen Wundermaterial Glasfaser. Walker verstand es auf einzigartige Weise, die neuen Materialien sinnvoll zu nutzen und vereinte sein praktisches Wissen mit den technischen Möglichkeiten der Zeit. In Kooperation mit berühmten Firmen wie B. James & Son (spätere Fa. Bruce & Walker) oder auch Hardy, entstanden interessante Ruten, die auf bestimmte Einsatzbereiche hin konzipiert wurden.

Durch Dick Walkers Initiative gründeten sich mit der Zeit in ganz England sogenannte Specimen Hunting Groups, die gemeinsam durch gezielten Erfahrungsaustausch bestimmte Fischarten in einer bis dahin nicht gekannten, effizienten Art und Weise befischten. Dadurch wurden immer effektivere Angelmethoden gefunden, die auch in der restlichen Anglerschaft breiten Anklang fanden. Die neuen Angeltechniken benötigten spezielles Gerät, so entstanden u. a. auch spezielle Ruten für die entsprechenden Methoden. Es wurden Ruten entwickelt, die auf die Anforderungen beim Befischen bestimmter englischer Flüsse hin angepasst waren ( z. B. Avon- oder Kennet-Ruten), oder aber zur Anwendung bestimmter Angelmethoden dienten (z. B. Trotter, Feeder- und Swingtip- Ruten). Eine dieser Ruten ist die Avon-Rute, die ich Ihnen hier vorstellen möchte. Diese Rute hat einen breiten Anwendungsbereich und sie wurde schon in den frühen vierziger Jahren gebaut, damals unter dem Namen eines berühmt gewordenen Avon-Anglers, F.W.K. Wallis. 

Seitdem hat sich das Bild der klassischen Avon natürlich gewandelt. War es früher noch eine dreiteilige, meist 11 Fuß lange (d. h. 3,35 m) Bambus-rute, deren Spitzen- und Mittelteil gespliesst war, so wurden später meist zweiteilige 10 Fuß-Modelle (d. h. 3,05 m) gebaut. Diese Rute ist eine sehr universelle Rute, die zum Flussfischen konzipiert wurde. Zum Befischen des Avon-Flusses wurde eine Rute benötigt, die nicht zu lang und somit unhandlich war, aber dennoch nicht zu kurz, um weitere Würfe zu ermöglichen. Die Rute hat meist eine durchgehende Aktion, die größere Wurfweiten zwar gestattet, aber dennoch in der Lage ist, einen harten Anschlag auf weitere Entfernung zu absorbieren, gleichzeitig aber durch ihre Länge und Schnelligkeit die an der Wasseroberfläche haftende Schnur vom Wasser zu heben vermag. Ein langer Korkgriff mit verschiebbarem Rollenhalter ermöglicht ein individuelles Einstellen der Rolle auf dem Handteil,  um die Rute perfekt führen zu können und eventuell auszubalancieren. Damit die Schnur bei nassem Wetter nicht am Blank kleben bleibt, ist sie mit hochstehenden Ringen („Spinnenbeinringe“) versehen. Die Ringanzahl, bezogen auf ein 10 Fuß-Modell, beträgt 10 + 1, wobei der Spitzen- und Führungsring aufgrund möglicherweise starker Beanspruchung früher eine Achateinlage hatte. Die Zwischenringe sind hartverchromt.

Eingesetzt wird die Rute, wie gesagt, hauptsächlich im Fluss, um hier auf größere Entfer-nungen mit mittelschweren Posen im langsamen bis mittelschnellen Wasser zu fischen. Ebenso wird die Rute eingesetzt, um die Pose auf längere Distanz flussabwärts treiben zu lassen. Auch beim Fischen mit dem rollenden Blei auf Döbel oder Barben kann die Rute sehr gut eingesetzt werden. Bei dieser Angelmethode wird der im Fluss stehende Fisch aktiv gesucht und größere Flussabschnitte können abgefischt werden. Der sogenannte „Nottingham-Angelstil“ wurde klassischerweise mit einer Avonrute praktiziert. Man benutzt dazu eine Achsrolle (center-pin), bei der die Achse im Gegensatz zur Stationärrolle quer zur Schnurrichtung liegt. Mit diesem hochsensiblen Gerät kann die Pose entsprechend der Strömungsgeschwindigkeit geführt werden. Der Schnurabzug von der Rolle wird von der Strömung bestimmt oder man kann verzögert fischen durch seitlichen Fingerdruck auf die Spule. Später bekamen einige Avon-Modelle einen Spitzenring mit Innengewinde, um eine Quiver- oder Swingtip (Zitter- oder Schwingspitze) montieren zu können, was die Sensibilität der Bisserkennung beim Fischen mit dem Grundblei erheblich steigerte. Ende der vierziger Jahre baute Richard Walker eine gespliesste Karpfenrute, da er der Meinung war, dass es keine geeignete Rute zum Befischen von Karpfen gab. Er baute insgesamt vier Varianten dieser Rute, die er und seine Mitglieder des legendären Londoner Carp Catcher Club nacheinander jeweils eine Saison lang fischten. Die vierte und letzte Version war die Beste, daher wurde die Rute Mark IV genannt. Nach und nach traten befreundete Angler an Dick Walker heran und baten ihn, eine leichtere Version dieser Rute mit der gleichen Aktion und Wurfeigenschaft zum Befischen von Döbeln, Barschen und Schleien zu bauen. Daraufhin war die Mark IV Avon geboren, die im Gegensatz zur dreiteiligen Wallis-Avon 2-teilig ist, um eine durchgehendere Aktion zu ermöglichen. Später gingen diese beiden Modelle unter der Firma B. James & Son in Serie, andere Firmen kopierten diese Ruten.

Ende der sechziger Jahre verdrängte die Glasfaser die gespliessten Ruten. Die Avon-Rute wurde von einigen Herstellern nun als Glasfasermodell in 11 ft., 10 ft. und für spezielle Einsätze, z. B. unter Bäumen sogar in 9 ft. gebaut. In Zusammenarbeit mit der renommierten  Fa. Hardy entstand die 10 Fuß (3,05 m) lange Hardy Richard Walker Avon. Ähnliche Modelle anderer, kleinerer englischer Firmen folgten. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch eine etwas längere splitcane Version in 11’ 6“ (ca. 3,50 m) von B. James gebaut, die Avon Perfektion. Diese Rute ist dreiteilig, etwas länger und somit auch ein wenig sensibler. Sie eignet sich hervorragend zum Flussfischen mit der Pose auf große Distanzen und zum langen Treibenlassen der Posenmontage. Später wurde dieses Modell von der Firma Bruce & Walker (Nachfolger von B. James & Son) auch in Glasfaser gebaut, in den achtziger Jahren dann auch in Kohlefaser. Wer Spaß an diesen Methoden und solchem Gerät hat, ist schon fast gezwungen auf solche Altertümchen zurückzugreifen. Heutzutage gibt es noch 12 Fuß-Varianten der Firmen Harrison und Armalite, die diesen Blank (Rutenrohling) unter dem Namen Avon vertreiben. Die Fa. Conoflex baut meines Wissens auch heute noch Glasfaserblanks in 11ft, mit einer Aktion von 1 1/2 lbs., aus denen sich fantastische Avon-Ruten bauen lassen.

Im nächsten Teil befassen wir uns dann mit der Technik des Trottings, Legering sowie das Fischen mit der Quiver- bzw. Swingtip und stellen entsprechende Geräte vor.

Michael Flosdorf

 

Home