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von Achim Deing
Ich habe lange überlegt,
ob ich diesen Bericht schreiben soll, aber letztendlich haben mich doch ein
paar Leute überredet es zu tun. Hier soll aber auf keinen Fall der Eindruck enstehen, dass einer zeigen will, er hätte das Karpfenageln erfunden, oder
er hätte einen höheren Status als andere. Ich habe das Glück gehabt, diese
schönen Anfangsjahre zu erleben, genau das möchte ich vermitteln. Ich möchte
einmal beschreiben, wie wir das Karpfenangeln erlernt haben. Es war im Jahr
1980, als ich endlich den Angelschein machte und einem Angelverein beitrat.
Dieser kleine Verein hatte als Gewässer nur einen sehr kleinen See, ja
eigentlich einen Teich, direkt bei mir am Wohnort und ein kleines
Fließgewässer, das ich aber kaum mit dem Fahrrad erreichen konnte.
Also beschloss ich, mich
hauptsächlich dem Teich zu widmen, der mit Zandern, Rotaugen, Schleien,
Karauschen, Rotfedern und vor allem mit Karpfen besetzt war. Schon in den
ersten Tagen lernte ich einen „Karpfenopa“ kennen, der den Karpfen mit
Flocke, Teig, Kartoffeln und im Sommer vor allem mit Schwimmbrot nachstellte
(für mich immer noch die allerschönste Methode überhaupt) und mit seinem
Wissen nicht geizte.
Da ich noch kein
geeignetes Tackle besaß, besuchte ich mit meinem Freund, der Wettfischer
war, einen Angelladen und besorgte mir eine 3,30 m Tele von Balzer, eine
Black-Fibrex, sowie eine für damalige Verhältnisse teure Rolle, die
Shakespeare- Sigma 040, plus den anderen Kleinkram. Mit riesigen
vorbebleiten Buldoposen und Teig, fing ich unter Schwierigkeiten, aber mit
Super-Anleitung des Opas (werd' ich ihm nie vergessen) meine ersten Karpfen.
Als ich dann im Sommer
die ersten Karpfen mit Schwimmbrot fing, war es endgültig um mich geschehen.
Wenn man im Sommer der Erste oder Einzige am Teich war und man sich äußerst
leise anschlich, konnte man die Karpfen beim ufernahen Gründeln beobachten,
dann mit etwas Geschick, mit Flocke oder Schwimmbrot direkt vor den Füssen
fangen. Dieses Geschmatze werde ich nicht mehr vergessen. Die Fische waren
seinerzeit alle so um 45-60 cm groß und wurden von mir im Sommer zu 70% auf
Sicht gefangen, den Rest auf Teig mit Freeline oder mit Pose. 1981 hörte ich
von meinem Wettfischerfreund von irgendwelchen Steckruten aus England, die
besser beim Werfen und beim Drillen seien. Wir begutachteten diese in einem
Geschäft in Bocholt, dessen Ladenlokal in einem Keller war, der
Tackle-Dealer war oder ist mittlerweile der grösste in Deutschland und wir
waren von den Ruten begeistert , nur nicht von deren Preis (350,-- DM).
Kurzum wünschte ich sie mir zu Weihnachten und bekam sie auch, da ich damals
auch schon ein lieber Junge war.
Es war eine dreigeteilte
Hardy, Fred J.Taylor Trotter, 3,43 m lang, für heutige Verhältnisse
superweich, aber für meine Bedürfnisse genau richtig. Ich muss noch dazu
sagen, dass es damals absolut nicht normal war, überhaupt eine 350,-- DM
teure handgebaute, englische Steckrute zu besitzen, schon gar nicht ein
Jugendlicher! Schon ein Jahr später bekam ich, wieder zu Weihnachten, meine
erste reinrassige Karpfenrute, die Hardy-Richard-Walker-Carp Nr. 1, 10 FT 1
5/8 Lbs. Damit war ich ein absoluter Exot in der heimischen Angelszene.
Ich kann mich noch gut
erinnern, als beim Fischen unserem heimischen Tackle-Dealer beim Anblick der
Ruten fast sein Gebiss rausfiel. In diesem Jahr lernte ich dann - oh Wunder
- einen anderen jungen Angler kennen, der auch mit englischen Steckruten
fischte (mit einer Matchrute B&W- Flyer), dass war eine absolute Sensation,
ENDLICH ein Gleichgesinnter! Wir fischten ab da, weil wir uns sehr gut
verstanden, oft zusammen. Er hatte später dann den absoluten Geheimtip für
mich, nämlich ein Angelgeschäft, welches englisches Gerät führte, das zudem
auch noch in unserer Nähe war.
Es war Jirsak & Simmes
in Greven-Westfalen, für manche bestimmt noch ein Begriff, für uns ab da der
absolute Kult-Laden. Es gab dort eine grosse Auswahl an Steckruten,
vernünftige Rollen, endlich brauchbare Bleie, Posenkisten aus Holz,
vernünftige Posen, Futterale, Haken, Banksticks , Kescher, Waagen, usw.
Viele werden es nicht nachvollziehen können, wie jämmerlich es damals um den
Deutschen Gerätemarkt bestellt war. UNBESCHREIBLICH traurig. In diesem
Geschäft gab es endlich auch Bücher über das Karpfenfischen, unter anderem
auch aus England, WAHNSINN! Ich fand ein Buch, das hieß: „Jim Gibbinson -
Der Karpfen“, blätterte darin, war sofort begeistert und kaufte es mir
natürlich. Dieses Buch haben wir zu Hause verschlungen, ich weiß nicht wie
oft...! So etwas hatte man bis dahin noch nicht gesehen. Bis heute habe ich
es unzählige Male gelesen, es ist heute für mich noch meine persönliche
Bibel mit Kultstatus, es hat uns in unserer Fischerei weitergebracht. An
unserem Vereinsgewässer waren wir inzwischen drei Gleichgesinnte und wurden
durch unsere sehr guten Fänge extrem unbeliebt und man versuchte des öfteren,
uns etwas Unredliches anzuhängen. Weil wir alle Fische zurücksetzen, merkten
wir schnell, dass die Köder auch schnell Ihre Wirkung verloren. Wir mussten
immer neue Köder oder neue Variationen einsetzen, um weiter erfolgreich zu
sein, wir wechselten von Teig auf anderen Teig (Vanille und Anis waren das
Nonplusultra) sowie auf Mais, auf schwebende Brotkruste, Schwimmbrot mit
Nutella und vor allem: Mit Leberwurst (nicht wahr Middy?).
Super war dann ein
Bericht im Sonderheft vom Blinker“ Der Karpfen“, in dem das
Oberflächenfischen mit Katzenfutter als der Hammer angepriesen wurde. Nach
einwöchigem Anfüttern im Sommer, war es äusserst erstaunlich, wie verrückt
und handzahm die Karpfen wurden. Es war aber schwierig anzuködern, ich
benutzte dafür einen 12er Haken (jaja ich weiss, warum hab ich nicht mit
Hair gefischt). Vor allen aber war es schwer, ohne Gewicht auszuwerfen. Mit
diesen völlig unbekannten und neuen Ködern, die alles vorher Dagewesene
übertrafen, flogen wir fast aus dem Verein. Das Katzenfutter wurde aus
fadenscheinigen Gründen verboten, weil die anderen rein gar nichts mehr
fingen. Mittlerweile gab es in der „Fisch und Fang“ des öfteren Berichte von
einem gewissen Kay Synwoldt, der uns schon ein ganzes Stück voraus war und
von einer Specimen-Hunting-Group-Dortmund, die sich auch der spezialisierten
englischen Fischerei verschrieben hatte. Diese Gruppe brachte auch ein Buch
heraus, das ich sofort haben musste und es mir auch besorgte. Dieses Buch
brachte uns noch ein Stück weiter, insbesondere die Berichte über das
nächtliche Kanalfischen, oder der supergeile Specimenteig, und weil es auf
deutsche Verhältnisse abgestimmt war. Dies brachte uns auf die Idee, es
einmal nachts am Kanal zu versuchen. Nach ein paar Vorbereitungen ging es
dann los zum Dortmund-Ems-Kanal, aber nicht mit Vaters Auto, sondern mit dem
Fahrrad, für mich immerhin ca. 23 km mit vollem Tackle, das hieß damals ein
BW-Rucksack, Army-Schlafsack, Isomatte, zwei unmontierte Steckruten, vier
Banksticks, Verpflegung usw.
Wir suchten uns eine
Stelle aus, die man mit dem Auto nicht erreichen konnte, also sehr wenig
befischt war. Wir fischten mit einer Rute: Freeline mit Teig, die andere mit
Laufblei und Mais. Wir fütterten jeder eine Dose Mais (war damals sehr
viel!!) und ein paar Teigkugeln an. Wir legten uns auf die Isomatten, direkt
in die Böschung neben den Ruten. Unsere Rollen waren kleine Daiwa Gold
Serie GS 13 und Black Diamond, 10er bis 13er Grösse, mit einer für heutige
Verhältnisse lächerlichen Schnurfassung von 230 Metern 22er Schnur. Abends
kam noch ein anderer Angler vorbei, der beim besten Willen nicht verstehen
konnte, dass man Nachts Karpfen fangen könne, seiner Meinung nach könne man
Nachts nur Aal und Zander fangen und so komische Ruten hatter er auch noch
nie gesehen. Er fragte ein paar Mal nach, ob denn solche seltsamen
Steckruten nicht beim Drill durchbrechen würden, er würde uns am nächsten
Morgen auch mal zeigen, wie man Karpfen fängt. „Abwarten", dachten wir uns.
Er angelte dann selber 200 m weiter abends auf Karpfen mit Kartoffeln, mit
Schnur über Bremse. Wir hatten sehr viel Stress mit der Strömung, da wir
Freeline fischten, mit offenem Bügel und als Bissanzeiger
Silberpapier-Rollen auf Stricknadeln geschoben.
Trotzdem fing mein
Freund Peter unsern ersten und für uns sehr grossen Kanalkarpfen von 11
Pfund, die damals als unfangbar galten. Wir setzten ihn in einen für
damalige Verhälnisse langen Setzkescher, der 2,50 m lang war, um ihn morgens
zu fotografieren. Um ca. 23 Uhr nahmen wir die Ruten raus und legten uns
oben auf dem Damm schlafen. Morgens um 4 Uhr klingelte unser Wecker und wir
fischten weiter, ich fing dann noch einen Karpfen von 8 Pfund. Der Angler
vom Vortag, kam zufällig beim Wiegen und Fotografieren der Fische vorbei und
fiel bei dem Anblick aus allen Wolken, konnte es überhaupt nicht fassen,
auch nicht die Grösse der Fische und schon gar nicht, daß wir Sie schonend
zurücksetzten. Kurzum, es war ein voller Erfolg, der uns einen enormen Schub
gab. Wir waren dann noch öfters am Kanal und hatten unter anderem einen
Ansitz mit insgesamt 54 Pfund Karpfen, aus vier Fischen bestehend.
Das war damals schon
fast Wahnsinn für uns! Vor allen, weil wir auch noch Bisse verschlagen
hatten und Fische wegen des schwachen Geräts im Kraut verloren hatten. Im
Jahr 1983 lernte ich dann noch drei Schulkollegen von Peter kennen, die
ungefähr den gleichen Weg wie wir beschritten hatten, aber gerätetechnisch
noch nicht so weit waren. Sie bauten sich dann aber schöne Ruten selber, aus
Fibatubeblanks, die sie sich bei Rutenbau Fauser beschafften, (für uns auch
ein paar Jahre ein Kult-Laden), denn er war rutentechnisch für den deutschen
Markt schon sehr weit entwickelt. Im Jahr 1984 besuchten meine Freunde unser
persönliches Mekka: The House of Hardy, London / England, um sich dort ein
paar Ruten zu kaufen. Meine Freunde kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus,
da das Angebot in England, an Tackle mit dem deutschen nicht zu vergleichen
war und sie sich wie „Alice im Wunderland „ fühlten. 1985 gründeten wir dann
die Carp-Hunting-Group Münster (das Gerippe davon existiert heute in loser
Form immer noch). Unser Problem bestand immer öfter darin, dass unsere 10 ft
Ruten den wechselnden Einsatzgebieten nicht mehr gerecht wurden, weil Sie
einfach zu kurz waren. Die einzige Möglichkeit sahen wir darin,
Lachsfliegenblanks als Karpfenruten aufzubauen, die es auch schon in 11 ft
und 12 ft gab. Irgendwie haben wir es dann doch nicht gemacht, aber Bekannte
aus Bocholt waren damit bestens zufrieden und mit den Ruten absolute
Marsmännchen. Man muß dazu sagen, dass es in England schon Ende der 60er
Jahre zweiteilige 12 ft-Glasruten gab, während wir hier angeltechnisch Mitte
der 80er immer noch im Mittelalter lebten. Durch unsere häufigen Besuche bei
Jirsak & Simmes hörte man immer öfter von irgendwelchen harten
Protein-Kugeln aus England. Wie sollte das denn gehen? - Die Karpfen fressen
doch nur weiche Köder! Und wie anködern? Trotzdem waren wir im Jahre 1986
endlich soweit, wir hatten ein paar Tüten Maddocks Cream RM 30 Fertigmurmeln
besorgt, um damit endlich diese vollkommen neue Methode auszuprobieren. Wir
fischeten Bügel auf, Sidehooking, 40 g Blei und einem langen Hair um den
Haken gewickelt, selbstgemachte Climber auf VA-Schweissdrähten, die in den
Boden gesteckt wurden. Am Ende des Jahres, wir konnten es nicht glauben, kam
ein elektrischer Bissanzeiger mit dem Namen BJ auf den Markt, den wir uns
direkt aus England bestellten. Auch unser nächtlicher Komfort wurde besser,
es wurde jetzt auf einer Gartenliege unter einem 2,20 er Schirm geschlafen.
Die Anfänge mit Boilies waren sehr schwer und von sehr wenig Erfolg gekrönt.
Auch die BJ‘s ließen uns oft im Stich. Sie brummten entweder ohne Biss
einfach los, oder gaben bei einem Biss keinen Ton von sich. Erst ein Jahr
später, als wir die Murmeln selber machten und viel fütterten, (Zutaten
waren äußerst schwer zu bekommen), wurden unsere Fänge im Aasee in Münster
sahnemässig. Wir erlebten wahre Sternstunden und Massenfänge. In diesem Jahr
stand dann auch der erste Bericht über Angeln mit Boilies im Blinker (Angeln
auf die harte Tour)! Am 16.05.1987 fingen wir dann im Aasee unseren ersten
Dreissiger auf Specimen-Teig, wir fielen bei dem Anblick dieses
Monsterfisches fast ins Wasser. Zur Erklärung muss ich sagen, wir haben noch
oft mit einer Rute mit den alten Ködern gefischt, weil wir den Boilies immer
noch nicht vertrauten. Es gab dann endlich 1988 auch einen Rodpod zu kaufen,
den von Gardner, der nicht längenverstellbar war und vorne aus Plastik
gefertigt, das des öfteren kaputt brach. Die anderen bauten sich ein sehr
stabiles Modell selber. Andere Angler und Passanten, die uns damit sahen,
machten Sprüche wie“ Was ist das denn, eine Flak, oder eine
Raketenabschussbasis...?“ Es gab jetzt auch endlich 11 ft Ruten und kurz
danach auch 12 ft Ruten von der Firma North-Western. Ausserdem bekam man
jetzt auch Optonics hier in Deutschland.
Sie
hatten keinen eigenen Lautsprecher, sondern nur ein Kabel für eine
Sounderbox, die man damit laut und leise stellen konnte, indem man diese auf
und zu machte. Sie hatten auch nur eine Leuchtdiode, teilweise besitzen wir
die Dinger immer noch. Heute benutzen wir Sie nicht mehr, sie haben aber
einen Ehrenplatz im Keller. Damit waren wir die Kings und vor allem super
ausgestattet, auch wenn wir mit den Kabeln und Steckern oft Ärger hatten.
Oft war Eigeninitiative gefragt, was wir aber vom Rodpod-, Kescher- und
Ruten- bauen, usw. gewöhnt waren.
Es gab
jetzt auch die ersten Überwürfe von den Firmen Stephens, Tackle-Rite und das
Nash-Canvas zu kaufen. Die Fischerei mit Boilies wurde wie die
Ausrüstung immer besser und wir konnten doch einige
Karpfen über 15 Pfund
fangen, unser damaliges Grosskarpfengewicht. Ach ja, an unsere erste
vernünftige Liege, die Fox-Super de Luxe kann ich mich noch gut erinnern,
weil es ein Quantensprung war, endlich eine Liege mit vernünftiger Matratze
und, was für uns enorm wichtig war, mit verstellbaren Füssen zu besitzen, da
wir uns wieder mehr dem Kanal zuwandten. Ab 1990 wurde es mit der Ausrüstung
alles viel einfacher, weil Boilieangeln einen wahnsinnigen, unaufhaltbaren
Boom ausgelöst hatte! Bis dahin war es ein beschwerlicher Weg, was manch
einer aus eigener Erfahrung auch noch kennen dürfte und heute kaum
nachvollziehbar sein dürfte. Zu unserer Gruppe muss ich sagen, dass auch
heute alle noch fischen, aber nicht mehr so verrückt auf Karpfen. Wir
verstehen und mögen uns immer noch (hoffe ich) und dies ist nicht selbstverständlich, wenn man so lange zusammen fischt. Mein Freund und ich,
beide unheilbar krank, liegen aber immer noch nachts in der Böschung herum,
und versuchen diese komischen Fische zu fangen. Karpfenangeln wird
immer mein ganzes Leben und Denken weiter sehr stark beeinflussen, ich würde
auch so gerne mehr auf andere Fischarten angeln, kann mich der Sucht aber
nicht mehr entziehen!
Ich hoffe, Euch nicht
nur gelangweilt zu haben, sondern besonders den später Eingestiegenen einen
Eindruck vermittelt zu haben aus der Zeit, als die Gewässer noch unbekannte
Riesen vermuten liessen und das Karpfenangeln noch ganz andere Hürden für
den Einzelnen bereit hielt.
Heutzutage machen wir
uns die meisten Hürden selbst...
I salute you, Achim
Deing :-))
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