Autsch, verdammte Sch...., diese Haken von dem japanischen Hersteller (man will ja keine Schleichwerbung machen) sind aber verdammt scharf. Pieeeep, das musste jetzt ja kommen, ist doch immer das Gleiche, zuerst passiert gar nichts und dann alles auf einmal. Wenige Augenblicke später gebe ich auch schon alles und ich gewinne Meter um Meter von dieser Schnur für mich.

Klack, mit diesem metallischen Geräusch schlägt der Freilaufhebel nach einer halben Umdrehung der Kurbel zurück und ich setze den Anschlag - hängt! Gerade noch saß ich in meinem Stuhl, die Beine weit von mir gestreckt, als sich recht unvermittelt mein Bissanzeiger meldete. In Gedanken war ich bei den vielen Sessions, die ich hier zuletzt verbrachte. Meistens waren sie recht kurz, begannen abends um 20.00 Uhr und endeten morgens um 5.30 Uhr, damit ich noch rechtzeitig ins Büro kam. Die Ausbeute war sehr bescheiden, dennoch wollte ich die Zeit in der freien Natur nicht missen, kann man hier doch viel besser vom stressigen Alltag abschalten. Doch zurück zum Geschehen!

Was für ein Kampf, ich hänge mich mit aller Kraft hinein, um noch mehr Schnur zu gewinnen. Eigentlich wollte ich heute doch nur ein paar Kugeln schlabbern und den Tag genießen, und jetzt dies. Aber ich muss zugeben, es macht mir langsam Spaß, beim Drill alles zu geben, damit dieses Ereignis seine besondere „Qualität“ erhält. Nicht nur mit brachialer Gewalt mein Gegenüber zu schocken sondern auch mit dem einen oder anderen Trick ihn zu überlisten.

Man, gibt der Gas! Obwohl ich die Bremse recht stark eingestellt habe gelingt es dem Kämpfer am anderen Ende der Schnur ein paar Meter zu gewinnen. Ich öffne die Bremse ein klein wenig, um ihm im Freiwasser die Möglichkeit zu geben, sich auszutoben. Jetzt zieht er vom linken Ufer, wo er sich gehakt hat, quer über den See in Richtung rechtes Ufer. Doch im nächsten Augenblick ändert er die Richtung und schwimmt direkt auf mich zu.

Man könnte meinen, er hat einen 40 PS Außenborder auf dem Rücken, denn ich komme mit dem Einholen der Schnur kaum nach. Und schon wieder ändert er die Richtung, jetzt schwimmt er wieder nach links. Just in diesem Moment erklingt mein zweiter Bissanzeiger. Zuerst denke ich an einen Doppelrun, doch dann wird mir klar, der Kollege da draußen ist durch meine Schnur geschwommen. Schnell laufe ich die wenigen Meter zum Rod Pod zurück, um meine Rute unter der anderen durchzuführen und die Schnüre wieder zu entwirren.

Genau das habe ich gemeint mit den Tricks. Mann muss die Jungs da oben an ihren Ruten immer etwas bieten, damit ihr Adrenalin auch richtig zum Kochen kommt. Jetzt ist er erst einmal beschäftigt, und wenn ich mich beeile, komme ich noch bis rüber zu dem versunkenen Baum!

So, jetzt hat er es aber übertrieben, denke ich mir, mache die Bremse zu und halte voll dagegen, bevor er es auch noch schafft sich in den Ästen des versunkenen Baumes festzusetzen. Langsam, aber ohne den Kontakt zu verlieren, pumpe ich ihn Meter für Meter in meine Richtung. Doch er scheint noch kein bisschen müde zu sein, denn schon wieder zieht er an der gespannten Schnur zur anderen Seeseite.

Wow, jetzt hat er mich aber in voller Fahrt abgestoppt. Na warte, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, auf der anderen Seite, nah am Ufer gibt es noch das Seerosenfeld, wenn ich es bis dahin schaffe, hat er keine Chance mehr. Da schwimme ich im Zick-Zack bis zur Mitte, mache mich so richtig schwer, presse meinen Körper fest auf den Boden und versuche dann in Ruhe diesen verdammten Haken loszuwerden.

Ich stehe mit meinen Stiefeln schon im Wasser und mein Kescher liegt griffbereit in der Nähe, als ich bemerke, dass der Kämpfer geradlinig auf das Seerosenfeld zusteuert. Das hast du dir so gedacht. Ich erhöhe vorsichtig den Druck und halte nun voll dagegen. Eigentlich bin ich immer recht cool, wenn ich beim Drillen bin, doch dieses Mal komme ich doch etwas ins Schwitzen, denn ich bin mir sicher, das da draußen ist ein größeres Exemplar und den will ich nicht verlieren.

Ah, jetzt bekommt er es mit der Angst, er hat wohl bemerkt was ich vorhabe. Verdammt, jetzt werde ich immer mehr Richtung Ufer gezogen - ich hätte mich dieses Jahr doch ein wenig mehr bewegen sollen und meine Schwanzflosse einem Krafttraining unterziehen müssen! Langsam komme ich doch in die Jahre, der „Ranzen“ wird immer dicker und der Elan ist dahin. Was soll’s, irgendwie nimmt man alles gelassener.

Jetzt scheint er aufzugeben, die Gegenwehr ist nicht mehr so groß und im nächsten Augenblick sehe ich ihn zum ersten Mal die Wasseroberfläche durchbrechen. Das ist ja ein ganz ordentliches Kerlchen, denke ich mir, und lasse ihm nun keine Chance mehr.

Erschöpft kommt er mir da auf der Seite liegend entgegen und es gelingt mir, ihn beim ersten Versuch zu keschern. Behutsam trage ich ihn zu meiner Abhakmatte.

Mittlerweile weiß ich ja, dass es für die Jungs ein ganz besonderes Ereignis ist, wenn es ihnen gelingt, einen von uns zu überlisten und ihn auf ihrer Abhakmatte zu bewundern und ihn anschließend zu fotografieren. Meistens sind sie ja total hip und führen sich auf, als wenn sie nicht ganz koscher im Gehirn wären.

Dann schreien sie „Yeah, ich hab ihn“ und laufen wie verrückt hin und her. Aber trotz dieser Gefühlsausbrüche behandeln sie uns recht ordentlich, nur manchmal stecken sie uns in solche Säcke, um uns bis zum Morgen darin im See schwimmen zu lassen. Ich mag das überhaupt nicht und kapiere nicht, was das soll - das sollte man mal mit ihnen machen, aber sonst sind sie recht fürsorglich.

Obwohl, ich habe auch schon gehört, dass es welche gibt... jeder Bissen soll ihnen im Hals stecken bleiben!

Mir erging es bisher immer sehr gut und die bunten Kugeln, die sie uns zum Fressen hinwerfen, sind manchmal sogar richtig lecker.

Ich entferne den Haken, gieße et-was Wasser über den schönen Fisch und decke ihn zu, damit er ruhig bleibt. Mit dem Funkgerät rufe ich einen Bekannten, der nicht weit weg an einer anderen Stelle des Sees angelt, damit er zum fotografieren rüber kommt.

Bis Jörg da ist, suche ich mir schon einmal eine geeignete Stelle und bringe den Fisch dorthin, natürlich nicht, ohne ihn vorher gewogen zu haben - man will ja schließlich wissen, wie schwer der Junge da ist. Dennoch ist das für mich nicht ausschlaggebend, ob ein Fisch „gut“ oder „schlecht“ ist. Für mich ist jeder Fisch ein „Guter“ und jeder bekommt die gleiche Zuwendung zu spüren, egal ob er vier Pfund oder vierzig Pfund wiegt. Natürlich freut man sich über einen Gewichtigen etwas mehr, aber die Sorgfalt ist die Gleiche.

Nachdem wir die Fotos gemacht haben, bin ich froh, dass ich mich im benachbarten Ausland befinde und den Fisch mit ruhigem Gewissen seinem Element zurückführen kann.

Ich bin ja öfters hier und würde mich sehr freuen, wenn ich diesen erlebten Kampf mit diesem ausdauernden Kämpfer noch ein paar Mal wiederholen könnte.

Man, war das ein Erlebnis - Ich habe mich glatt zehn Jahre jünger gefühlt, als ich da mit Bärenkräften an der Schnur gezogen habe. Gut, nachher ging mir doch die Luft aus, aber Spaß hat es trotzdem gemacht und der Kerl hat mich auch anschließend recht gut behandelt. Hat mich schön nass gehalten und mich zuerst einmal auf der Abhakmatte erholen lassen. Als er mich zum Fotografieren hochgehoben hat, war es schon ein wenig komisch - ich bin doch nicht schwindelfrei - und da habe ich mich auch ein wenig gewehrt, was aber auch nichts nützte und bevor ich runterfalle, habe ich dann doch in die Kamera gelächelt - ich glaube, er hatte auch ein breites Grinsen im Gesicht - warum nur? Er sah auch nicht besser aus als ich und sein Bauch war bestimmt dicker.

Jetzt bin ich aber trotzdem froh, wieder in meiner gewohnten Umgebung zu sein und dazu habe ich noch eine tolle Story, die ich meinen Enkeln erzählen kann. Aber eigentlich freue ich mich schon wieder darauf, einmal einen von denen so zu ärgern!

Schöne spannende Drills wünschen

Carp & Achim

Anmerkung: Die im Bericht veröffentlichten Bilder stehen mit dem Text in keiner Verbindung!
 

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