von Sascha Kral

Während der letzten 20 Jahre habe ich bei meinem Angeln auf Karpfen schon so einiges an Rigs in vielen Magazinen und am Wasser gesehen. Im vorletzten Rotary Letter waren Rigs auch mal wieder thematisiert, und nachdem mich Achim angesprochen hatte, entschied ich mich kurzfristig dazu, mein Statement vom Rotary noch einmal auszuweiten. Und jetzt sitze ich hier und mache etwas, wogegen ich mich die letzten Jahre immer gewehrt habe… ICH SCHREIBE ÜBER RIGS…

Ich möchte mich hier und heute aber nicht über die Funktions- und Arbeitsweise eines High End Rigs der Neuzeit auslassen sondern vielmehr die grundlegende Funktionalität heutiger Rigs mit den Montagen der „Steinzeit des modernen Karpfenangelns“ gegenüberstellen. Im Rotary Letter (und natürlich auch hier) vertrete ich die Meinung, dass unsere heutigen Montagen immer noch nach dem gleichen steinzeitlichen Prinzip arbeiten wie vor 20 Jahren. Sicher gibt es heute ein Vielfaches mehr an Rigs als damals. Von den vielen unzähligen Rig-Komponenten einmal ganz zu schweigen. So ziemlich jede halbwegs große Company bietet auch ein breites Angebot an Haken, Vorfächern, Bleien, div. Beads und sonstigem Kleinkram an. Viele dieser Dinge haben auch eine gewisse Daseinsberechtigung, allerdings sind sehr viele Rig-Komponenten meiner Meinung nach an den Haaren herbeigezogen und fangen mit Sicherheit eher die zahlende Kundschaft als einen Karpfen. So ziemlich in jeder Ausgabe einer Fachzeitschrift für Karpfenangler (egal ob Deutschland oder sonst wo…) wird mindestens einmal über eine neue Rigvariante berichtet. Jedes ach so neue Rig wird mit vielen unbestreitbaren Vorteilen hoch gelobt. Noch bessere Hakeigenschaften, verbesserter Spielraum des Hakenköders am Haar, noch verhedderungsfreier und noch dies und noch das. Normalerweise müssten die Carps ja schon dran hängen bleiben, wenn sie unseren Köder nur schief anschauen.

Standart Rig von heute! Das sog. 360°Grad Rig - viele bewegliche Teile sollen dafür sorgen,
dass sich der Haken sicher in die Lippe dreht!

Ich möchte hier auf keinen Fall den Anschein erheben, dass diese neuen Montagen nicht funktionieren, sondern vielmehr einen Denkanstoß geben, dass so ziemlich alle Montagen, neue wie alte, zu 95 % nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Kurz gesagt….: Festbleie, Vorfach zwischen 20 und 30 Zentimeter und ein Hakenköder mit etwa einem Zentimeter Spiel zum scharfen Haken. Fertig ist das Hexenwerk. Die Kunst der Autoren besteht jetzt darin, den Leser von den Vorteilen der jeweils beschriebenen Variante zu überzeugen. Gekonnt werden viele verschiedene Komponenten namhafter Hersteller genannt. Jeder einzelne Arbeitsschritt wird ausführlich erklärt und mit vielen Fachausdrücken umschrieben. „Hier noch ein Stück Schlauch“, die Vorteile und Arbeitsweise direkt hinterher. Da noch ‘ne besondere Bleiform mit Hinweis auf die besonders gute Bodenhaftung. Ein fantasievoller Name und ein paar Bilder mit möglichst dicken Fischen runden das ganze Paket ab und fertig ist das neue Wunderrig. Der nächste bitte… 

In den Anfangszeiten des modernen Karpfenangelns war nur ein winzig kleiner Teil des Zubehörs von heute zu bekommen. Birnenbleie mit Wirbel, sogenannte Arsley Bombs bzw. die teilweise noch heute verwendeten Zipp Bleie waren der Stand der Dinge. Safety Bolt Clips gab es noch nicht, das Blei wurde entweder direkt, mit einer Link Ledger  Bead oder eines normalen Wirbels auf der Hauptschnur angebracht. Eine Perle und ein Stopperknoten mit etwas Abstand sorgten für den Selbsthakeffekt, nachdem der Fisch etwas Schnur genommen hatte. Der Abstand des Stopperknotens wurde immer weiter verkürzt bis das Blei schließlich ganz festgestellt war…… das Bolt Rig!!! Beim Vorfach kam das damals revolutionäre „Dacron“ zum Einsatz. Es war wesentlich weicher als ein monofiles Vorfach und die Karpfen sollten es bei der Köderaufnahme nicht mehr so leicht spüren wie die Mono. Soweit die Theorie. Heutzutage gibt es eine Vielzahl an verschiedenen Vorfachsorten. Monos, Dacron, geflochtenes Material in verschiedenen Farben sinkend und auftreibend, Fluocarbon, Kombilinks und Leadcore. Hab’ ich was vergessen…???

Und so ziemlich jedes Material ist schon einmal in irgendeinem Rig erwähnt worden. Und alle Rigs fangen Fische. Auf der einen Seite die Befürworter der Stiff Rigs. Sie argumentieren damit, dass durch die Steifheit des Materials ein Ausblasen des Rigs für den Karpfen erschwert wird. Auf der anderen Seite die Fürsprecher der ultrabewegungsfreundlichen Rigs. Hier noch ein Wirbel und da noch ein Stainless Steel Ring. Argumentiert wird damit, dass der Haken durch die große Flexibilität besonders leicht im Maul fasst. Ja was denn nun? Beide Varianten fangen Fische. Aber wer hat Recht? Hätten in den jeweiligen Situationen die anderen Rigs nicht funktioniert? Oder vielleicht etwa noch besser?

Alt gegen Neu - dazwischen liegen ca. 20 Jahre Entwicklung

Stellen wir uns doch einmal folgende Situation vor. Wir fischen an zwei verschiedenen Spots mit zwei verschiedenen Rigs. Mit einem Rig fangen wir die ganze Zeit Fische, mit dem anderen nicht. Klare Sache. Das eine Rig muss besser sein als das andere. Oder besteht die Möglichkeit, dass einfach der eine Spot besser war als der andere? Es liegt womöglich gar nicht am Rig. Wer weiß, ob wir mit dem besagten erfolglosen Rig an anderer Stelle noch mehr Erfolg gehabt hätten. Worin besteht denn jetzt der genaue Unterschied? In der Beschaffenheit des Vorfachs, dessen Weichheit oder Steifigkeit? Oder vielleicht in der Form des Hakens? Gerade Spitze oder doch besser nach innen gebogen und geschränkt??? Und nicht zu vergessen natürlich die Bleiform wegen der besseren Bodenhaftung...! Oder war nicht doch einfach der Spot ausschlaggebend und wir hätten alle Aktionen auch mit einem sogenannten Standard Rig gefangen?

In diesem Punkt liegt meiner Meinung nach der Hase begraben. Das Wichtigste, um überhaupt einen Fisch zu fangen, ist nun mal, dass man da angelt, wo sich Fische aufhalten bzw. fressen. Und genau hier sollten wir uns dann vielleicht mal anschauen, wie unsere Rigs überhaupt funktionieren. Jeder kennt mit Sicherheit die „FINGER-PRÜFMETHODE“, um zu checken, ob der Haken auch gut in der Lippe fassen kann. Das fertige Rig wird über den gestreckten Zeigefinger gezogen, der Haken berührt mit dem Öhr den Finger und dreht sich, die Hakenspitze greift und der Fisch wäre in diesem Fall gehakt. Die gleiche Situation unter Wasser würde bedeuten, dass ein fressender Karpfen unseren Köder akzeptiert und aufgenommen hat, wegschwimmt, das Vorfach strafft sich und der Haken zieht sich in die Unterlippe oder  in den Maulwinkel. So weit so gut. Mit dieser Funktion kann ich mich anfreunden bzw. bin mir ziemlich sicher, dass es so passiert.

Die andere Situation und von vielen Fürsprechern der sog. MODERNEN Rigs beschriebene Situation ist folgende: Ein fressender Fisch saugt unser Futter und unseren Köder immer wieder ein und bläst alles immer wieder aus. Die Argumentation geht meist dahin, dass sich der Haken durch die verbesserte Bewegungsfreiheit und den Spielraum des Hakenköders besser im Maul des Fisches festsetzen kann. Wirbel am Haken für eine 360-Grad-Drehung oder extra beschwerte Haken - damit er durch das Gewicht im Maul nach unten gezogen wird  ;-) - sind da nur zwei oft genannte Varianten der Rig-Fetischisten. Von SS-Ringen, mit denen der Hakenköder auf dem Hakenschenkel oder D-Rig gleiten soll, einmal ganz zu schweigen. Funktionieren diese Rigs auch unter Wasser, so wie sie in der Theorie auf dem Papier oder in der Demonstration über Wasser dargestellt werden?

Back to basic ...!!! Für mich gibt es keinen Grund meine Montagen zu ändern!

Ich bin eigentlich ziemlich sicher, dass sie das nicht tun. Als einfache Erklärung kann ich hier nur auf einen Testversuch im Flachwasser hinweisen. Zieht mal bei nächster Gelegenheit zwei grundverschiedene Rigs über den Zeigefinger. Ich bin ziemlich sicher, dass ein einfaches „Standard-Rig“ genauso gut über dem Finger hakt wie ein „Topmodernes“ Rig. Anschließend dann der Field Testing Versuch im Flachwasser. Wenn eine Montage unter Wasser mit der Handfläche „angewedelt“ wird ist der beweglichste Teil immer das Vorfach. Der Haken inklusive Köder wird wild durcheinander gewirbelt und verhält sich als „eine Einheit“. Wenn ein Fisch den Köder ansaugt und wieder ausspuckt wird er deshalb Haken und Köder immer gleichzeitig  verwirbeln. Wenn er sich dann zur Köderaufnahme entschlossen hat wird er ein Stück weiter schwimmen, das Vorfach strafft sich und er sticht sich den Haken in den Maulwinkel. Auf vielen Unterwasservideos ist ja mittlerweile zu sehen, dass sich die Fische beim Fressen nur wenige Zentimeter bewegen. Unter diesen Voraussetzungen kann sich ein Fisch auch in den seltensten Fällen selbst haken. Besonders wenn viel mit kleinen Pellets oder kleinen Partikeln gefüttert wird kann es vorkommen, dass sich die Fische beim Fressen nur wenig bewegen. Abhilfe dazu ist eigentlich nur ein kurzes Vorfach, um den Spielraum bis zum Hakeffekt zu verringern. 

Das Zweitwichtigste nach der Location ist meiner Meinung nach ein guter Köder, den die Fische mögen und gerne fressen. Und erst jetzt an dritter Stelle kommt die jeweils richtige Montage für die jeweilige Situation. Dabei passe ich meine Vorfächer an die jeweilige Situation an. Als Beispiel: Wenn ich Montagen vom Boot auslegen kann verwende ich nur Seitenblei, weil bei einem Inline-Blei beim Abklopfen des Bodens sonst das Vorfach am Wirbel immer Bodenkontakt bekäme und somit geschwächt werden könnte. Außerdem kann ich mit Seitenbleien schneller das Gewicht an die jeweilige Situation anpassen. Schwerer z. B. bei großen Entfernungen, starkem Wind oder UW-Posen.

Bei Hindernissen verwende ich Schlagschnurmaterial wegen der besseren Abriebfestigkeit und wenn ich weit werfen muss kommt wegen der Verhedderungsgefahr ein ummanteltes Material zum Einsatz. D-Rigs in abgewandelter Form verwende ich auch manchmal. Allerdings nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass mein Hakenköder besser am Haken arbeitet sondern lediglich nur, weil ich meine Pop-Ups mit Zahnseide anbinde, um eine längere Schwimmfähigkeit zu gewährleisten.

Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass einer unserer deutschen Top-Angler während der letzten Jahre seine außergewöhnlichen Fänge an einem „High-End-Rig“ festgemacht hat. Immer wieder tauchen die Location, gute Baits und einfache Festbleimontagen in deren Erfolgsgeschichten auf.

Warten fällt mir mit Vertrauen in die Location und den
richtigen baits recht leicht!
Deutlich ist die einfache Festbleimontage zu erkennen

Wenn ich z. B. an meine Wettkampfangelzeit denke, kann ich mich nicht daran erinnern, dass plötzliche Beißflauten mit der Änderung der Anköderung meiner Maden beendet wurden. Das Vorfach wurde verkürzt oder verlängert, etwas dünner gewählt oder die Köderführung geändert. Auch ein Köderwechsel brachte manchmal den gewünschten Erfolg. Spinnfischen ist auch ein gutes Beispiel. Da sehe ich die Sache ähnlich. Kunstköder jeder Art sind nur so gut wie derjenige, der sie richtig zu führen und zu präsentieren weiß. Denn was nützt der heißeste Hot Spot und der angeblich beste Kunstköder, wenn er falsch geführt wird? Der Kunstköder ist in so einem Fall absolut unattraktiv für den Räuber und er wird ihn links liegen lassen. Der gleiche Köder richtig geführt wird allerdings schnell zu einer unschlagbaren Waffe.

Ich höre jetzt schon viele sagen... liegt also doch an der Montage...! Nicht ganz. Denn der ausschlaggebende Grund für den Erfolg ist die Attraktivität des Köders an einer Stelle mit Fisch. Die eigentliche Angelart, nämlich in diesem Fall das Spinnfischen und für uns das Festbleifischen, beim Karpfenangeln, bleibt immer noch die gleiche.

Grundlegend denke ich eigentlich, dass in über 99% meiner Fälle ein simples Rig zum Fangen vollkommen ausreichend ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Hype, wie er großteils um Montagen gemacht wird, wirklich notwendig ist. Gerade für Neueinsteiger auf dem Gebiet des modernen Karpfenangelns ist es nahezu unmöglich den undurchdringlichen Dschungel der vielen Rigs und Montagen zu durchschauen und zu verstehen.

Location ist viel wichtiger als das Rig!

Ein Rig muss für mich einfach und funktionell und der jeweiligen Situation angepasst sein. Bleie müssen sich bei Bedarf (Hänger) lösen und ein Vorfach muss resistent gegen mögliche Hindernisse sein. Ein spitzer Haken und darunter ein attraktiver Köder an der richtigen Stelle. Dann klappts auch mit den Fischen. Ich hoffe, dass ich den Rig-Fanatikern unter Euch jetzt nicht die Lust am Experimentieren genommen habe. Vielleicht gelingt ja irgendwann jemandem noch einmal so eine Entdeckung/Entwicklung eines Meilensteins in der Karpfenangelei wie die Entwicklung des Boilies und des Bolt-Rigs. Jeder sollte nach seinen Erfahrungen und Vorlieben handeln und diese Rigs verwenden, zu denen er Vertrauen hat. Aber sind wir doch mal ehrlich. Im Grundprinzip arbeiten unsere Selbsthakmontagen  alle gleich. Ich für meinen Teil werde mal bis zum Jahresende mit meinen Montagen von damals angeln. Bin mal auf das Ergebnis gespannt. Ich wünsche allen Lesern noch eine erfolgreiche Rest-Saison.  

Krale