Es ist ein wunderschöner Morgen! Die Sonne steigt langsam über den Baumwipfeln empor, die Vögel zwitschern ihr Lied und die Enten schnattern im Chor dazu. Genüsslich schlürfe ich meinen Kaffee, der fast so gut schmeckt wie in der Werbung versprochen wurde. Aber auch der schönste Sonnenaufgang und der beste Kaffee können nicht darüber hinwegtäuschen:  Dies war die 26. Nacht in Folge ohne Biss! Wie zur Bestätigung spinnt gerade eine Spinne ihr Netz zwischen meinen beiden Rutenspitzen zu Ende. Meine Gedanken rutschen ab in die Zeit  Mitte der 80er Jahre, als alles noch so einfach war! 4-5 Karpfen an einem Nachmittag waren die Regel. Ich habe starke Zweifel, ob ich es im gesamten Jahr 2003 überhaupt auf fünf Karpfen im Neckar bringen werde.

Ach, wie unkompliziert das damals alles war! Matchrute, Kescher, Rutenhalter, Stuhl und einen Eimer gekochter Partikel. Mehr brauchte es damals nicht! Diese Ausrüstung konnte ganz bequem mit dem Mofa direkt ans Ufer gefahren werden. Was fahre ich dazu im Vergleich heute für „Gerümpel“ in meinem VW Bus herum, und schleppe es dann in schweißtreibender Arbeit zum Angelplatz. Was war das doch damals für eine kurzweilige Fischerei, wenn die Karpfen einmal nicht wollten, so hatte man seinen Spaß mit den Brassen, Rotaugen, Döbeln und Barben. Als Überraschung gab es auch mal eine Schleie. Aber die Krönung war der Kampf mit einem direkt am Ufer gehakten Karpfen an dem relativ leichten Gerät. Selbst ein 15 Pfünder ließ einem das Adrenalin in die Adern schießen. Ein Fisch, über den meine 3,5 LBS Sportex heute nur müde grinsen würde, wenn sie mal wieder die Gelegenheit dazu hätte.

Die Spinne hatte ihr Werk vollendet und für mich war es Zeit zum Aufbrechen. Meine Gedanken aber bewegten sich immer noch in der „guten alten Zeit“. Eine Sehnsucht kam in mir auf. Ich wollte wieder fischen wie früher - kombiniert mit dem Wissen von heute. Wenigstens zwischen den „großen Specimen Hunting Trips“ wollte ich wieder eine Pose abtauchen sehen. Morgens vor der Arbeit oder mittags nach der Arbeit, je nach Schicht. Der Entschluss war gefasst! Doch  bereits bei den Vorbereitungen stellte ich fest, dass es auch damals nicht ganz so einfach war, wie es mir die Erinnerung vorgaukelte. Trotzdem habe ich es durchgezogen, und über meine Vorgehensweise möchte ich hier nun berichten.

Alles fängt wie immer mit der Platzwahl an. Da sich diese Art zu fischen auf den direkten Uferbereich beschränkt konzentriert sich die Location auch hier drauf. Die alte Regel gilt auch hier, im Herbst und Winter tief (4-8 m), im Frühjahr flach (1-3 m) und im Sommer sauerstoffreich. Typische Fressplätze sind z. B. Seerosenfelder, an deren äußeren Rand ich die Pose platziere, die erste Kante zur Schifffahrtsrinne, Flussbiegungen, Muschelbänke, Bach- und Rohreinleitungen und viele andere mehr. Man sollte darauf achten, dass sich keine Hindernisse in direkter Umgebung befinden, da man die erste Flucht eines Karpfens mit der Matchrute kaum stoppen kann. Von Vorteil kann es sein, wenn der Angler am Ufer einige Meter im Drill mitlaufen kann. Zum einen, um den Abstand zwischen Fisch und Angler zu verringern, zum anderen um den Karpfen vom Platz wegzuführen und einige Meter stromab zu keschern. Dies sorgt für erheblich mehr Ruhe am Angelplatz. 

Bei der Futtermenge richte ich mich nach der Wassertemperatur. Über 12°C verwende ich ca. fünf Kilo, darunter ca. zweieinhalb Kilo Partikel täglich. Dies sind grobe Richtwerte, die je nach Beißverhalten, Strömung und Schifffahrt angepasst werden. Als Köder kommen im Sommer/ Herbst ein Mix aus je einem Drittel  Hartmais, Kichererbsen und Maples zum Einsatz. Im Winter/Frühjahr favorisiere ich eine Mischung zu je gleichen Teilen aus Dosenmais, Hanf, Weizen und Rosinen. Die Rosinen werden gezuckert und mit Rum und Wasser 24 Stunden eingeweicht. Bei der Zubereitung der Partikel darf ich auf den hervorragenden Bericht von Sven Gegusch im Carp Mirror Heft 5/2001 verweisen. Als Flavour benutze ich Pelzer Big Orange, Vanilla S. oder Bun Spice. Als Süßstoff kommt Pelzer Liquid Sweet Enhancer zum Einsatz. Aber auch einfacher Zimt und Zucker haben mir schon jede Menge Fische gebracht.

Alle genannten Futtermaterialien, außer Hanf und Weizen, werden auch als Hakenköder benutzt. Die Hakengröße richtet sich hierbei nach dem verwendeten Korn. Am liebsten verwende ich von der Firma Patridge den K. M. Z12 Outbarb, von dem ich noch hohe Restbestände aus alten Zeiten habe - ich habe also keine Ahnung, ob dieser Haken überhaupt noch käuflich zu erwerben ist. Alternativ benutze ich auch den Pelzer Mako S. F. Serie 1 in der Größe 6 oder 8. Alle Köder werden so auf den Haken gesteckt, dass die Spitze frei bleibt, und somit ein korrektes Haken des Fisches gewährleistet ist. Hair Rigs haben sich nicht bewährt, da auf Grund des fehlenden „Festbleies“ ein zu tiefes Schlucken des Köders nicht sicher verhindert werden kann. Man sollte also zum Wohle des Karpfens hierauf ausnahmsweise mal verzichten.

Als Ruten dienen kräftige Matchruten über vier Meter Länge, bestückt mit einer Rolle mit einwandfrei funktionierender Bremse und bespult mit mindestens 0,22 mm starker qualitativ hochwertiger Monofilschnur. Bei mir kommt die gute alte Abu Cardinal C 4 X, welche auf einer Sportex Topaz Match (5,25 m, 5 bis 25 gr. Wg.) sitzt, zum Einsatz. Die Posen haben Tragegewichte zwischen 3 und 15 Gramm - je nach Strömung. Ist das Wasser ruhig, benutze ich leichte, schlanke Modelle mit langer Antenne, bei starker Strömung greife ich zu den gedrungeneren, eiförmigen Strömungsposen mit kurzen Antennen.

Die Schwimmer werden per  Punktbebleiung perfekt austariert, was mit einem einzelnen Bleischroth oder einer Bleiolive geschieht. Versuche mit verteilten Bleigewichten brachten im Fließwasser keine Verbesserung der Bisserkennung. Im Stillwasser fehlt mir hierfür die Erfahrung. Das Blei liegt auf dem Gewässergrund auf. Den Haken binde ich direkt an die Hauptschnur, um Schwachstellen an der eh schon recht dünnen Schnur zu vermeiden. Die Bebleiung sitzt im Abstand von 10 bis 50 cm zum Haken. Je vorsichtiger die Bisse kommen desto mehr verringert sich der Abstand zum Haken. Nachdem der bevorzugte Platz nun mindestens drei Tage angefüttert wurde, nähert man sich an den Angeltagen vorsichtig dem Ufer.  Und wenn ich vorsichtig sage, dann meine ich auch vorsichtig! Denn meiner Meinung nach ist es einer der größten Nachteile, den das Boiliezeitalter mit sich gebracht hat, dass viele Leute einfach verlernt haben wie man sich am Wasser richtig verhält. Hätte ich zu meiner „Karpfenanglerlehrzeit“ so einen Radau gemacht, wie heute so manch selbst ernannter  „Karpfenprofi“ (ich hasse dieses Wort!), hätten mich meine damaligen Lehrmeister mit einem gewaltigen Arschtritt (Pardon!) vom Angelplatz befördert! Danke Günter! Danke Fred!

Wie dem auch sei, bei dieser Art zu fischen ist äußerste Ruhe die Grundvorraussetzung für den Erfolg. Vor allem sollte man leise auftreten, denn unsere Lieblinge scheinen in erster Linie gegen „Trampler“ allergisch zu sein. Die Kleidung ist unauffällig zu wählen, es muss ja nicht unbedingt der „Natocamouflagekampfanzug“ sein. Da ein Schirm hinderlich beim Anschlag ist hat Wachskleidung bei schlechtem Wetter entscheidende Vorteile, da man darin auch nach stundenlangem Dauerregen immer noch trocken ist. So schön leicht und atmungsaktiv moderne Outdoormaterialien auch sein mögen, irgendwann kommt der Regen halt doch durch. Wer sich wie ich in den oberen „Gewichtsklassen“ bewegt, bekommt übrigens bei der Firma Rowedder in Neumünster (Tel. 0800/7391930) preiswerte Wachsklamotten bis zur Größe 8xl! Nur kein Neid, für Dünne gibt’s dort auch was! Nachdem der Angelplatz nun erreicht ist werden, nachdem man zwei Hände Partikelmischung angefüttert hat, der Stuhl und der Rutenhalter so platziert, dass das Griffstück der Rute zwischen den Beinen des Anglers auf dem Stuhl zum Liegen kommt (Also genau vorm Sa....ups!!).

Der Angelplatz wird leicht überworfen und die Pose driftet in die vermutete Futterspur ein, wo sie dann schließlich verharrt. Um dies zu erreichen wird mittels des teleskopierbaren Rutenhalters der Schnurbogen entsprechend verlängert oder verkürzt.

ACHTUNG!!! Bisse erfolgen oft schon während der Abdriftphase! Überhaupt ist die Bissanzeige und deren „Auswertung“ ein Thema für sich, was sich außerdem in Worten nur schlecht beschreiben lässt. Trotzdem werde ich hier versuchen, die häufigsten Posenanzeigen und die Reaktion darauf zu erklären. Der Gedrückte: Die Pose wird nur leicht unter Wasser „gedrückt“. Der  größte Teil der Antenne schaut noch aus dem Wasser heraus. Hierauf wird sofort mit einem Anhieb reagiert. Der Seitwärtszieher: Die Pose wird langsam schräg unter Wasser gezogen. Diese Posenanzeige ist der Optimalfall, und wird erst dann mit einem Anhieb quittiert wenn die Pose deutlich in eine Richtung abzieht.

Der Reißer: Die Pose wird ohne Vorwarnung regelrecht unter die Wasseroberfläche gerissen. Geschieht oft während der  Abdriftphase, und klingt besser als es ist. Wegen der ungeheueren Geschwindigkeit dieser Bisse ist es sehr schwer darauf zu reagieren. Oft hilft es dann, wenn man den Anschlag verzögert setzt, oder den Abstand zwischen Blei und Haken verlängert. Der „Erfolg“ dieser Maßnahmen ist dann oft ein vorwitziges Rotauge oder ein stürmischer Döbel. Aber man weiß ja nie.....

Der Zitterer: Die Pose zittert ohne dass sie sich dabei vom Platz bewegt. Sehr schwer zu deuten, meistens reagiere ich direkt mit einem Anschlag. Nur wenn dieser mehrfach daneben geht warte ich ab was weiter passiert. Nur meistens passiert dann nix mehr...

Der Brassenhub: Durchaus nicht nur von Brassen, vor allem die größeren Karpfen machen sich so oft bemerkbar! Die Pose steigt und fällt schließlich um. Dies kann sehr schnell oder fast in Zeitlupe geschehen, auf jeden Fall sollte man sofort mit einem kräftigen Anschlag reagieren. Aber trotz aller Vorbereitungen und Blitzreflexe, Fehlbisse gehören beim Posenangeln einfach „zum Geschäft“ dazu. Ist nun ein Karpfen endlich gehakt,  sollte man versuchen, den Fisch vom Fangplatz wegzuführen und einige Meter stromab zu keschern. Fast 90% aller gehakten Karpfen schwimmen sowieso stromab, weshalb man seinen Kescher und seine Abhakmatte bereits entsprechend platzieren kann. Wegen des leichten Gerätes muss entsprechend vorsichtiger gedrillt werden, dennoch ist man in der Lage jeden Karpfen zu landen. Denn im Vergleich zur Grundangelei kommt unsere Schnur wegen der kurzen Angeldistanz, der langen Rute und der Pose, die im Drill als Auftriebskörper dient, kaum mit dem Gewässergrund in Kontakt. Dies ist gerade im Fluss mit seinen Steinen, Muscheln, Kanten und sonstigen Schnurkillern ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Dennoch verlängert sich die Drillzeit um ein paar Minuten, weil der Karpfen einfach nicht so hart gedrillt werden kann wie mit den modernen schweren Karpfenruten.

Werden viele große Weißfische gehakt, ist es nützlich direkt am Platz einen engmaschigen Stippkescher zu haben, um die „Plagegeister“ geräuscharm landen und wieder zurücksetzen zu können. Bei Beißflauten kann ein Köderwechsel manchmal doch noch zum Erfolg führen. Die Palette ist hier grenzenlos und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vor allem lebende Köder, wie Tauwürmer oder Mistwürmer, bringen dann Erfolg. Auch mit Boilie und Forellenteig konnte ich ein paar Fische haken.

Ich habe nun einige Monate mit der beschriebenen „alten Tour“ gefischt und kann nun eine Zwischenbilanz ziehen. Auf der am Anfang beschriebenen „Heavy Strecke“ habe ich schon recht bald die Lust verloren, weil ich keinen einzigen Biss erhielt. Nicht ein einziges müdes Rotauge interessierte sich für meine liebevoll angebotenen Köder. Ich denke, dass dies auch ein Grund für die derzeitige Erfolglosigkeit der Boilieangler ist. Die Weißfischbestände haben offensichtlich - warum auch immer - drastisch abgenommen. Dazu gibt es inzwischen von der Komoranplage über die Waller bis zur Antibabypille tausend Theorien. Wie dem auch sei, ich denke, dass durch diesen Umstand die Karpfen weniger schnell auf die Futterplätze aufmerksam werden, und vor allem weniger Futterneid verspüren. Es ist ja auch Futter in Hülle und Fülle (nicht nur von Anglern) für die Karpfen vorhanden, da die Konkurrenz durch Weißfischschwärme abgenommen hat. Der Karpfen hat unsere Köder einfach nicht mehr nötig!

Ganz anders dagegen die Situation auf den leichteren Neckarabschnitten! Zunächst erhielt ich Unmengen von Weißfischbissen (meist Brassen), danach folgte oft eine mehrstündige Beißpause, nach der dann der nächste Biss in der Regel ein Karpfen war. Früher einmal sprach man von der Pyramidentheorie! Ich habe nie daran geglaubt, dass ein großer Karpfen einen kleineren Artgenossen vom Futterplatz verdrängt. Aber dass ein Karpfentrupp einen Weißfischschwarm - insbesondere auf kleinen Futterplätzen - verdrängt, daran glaube ich inzwischen schon! Auf jeden Fall habe ich immer dann Karpfen gefangen, wenn vorher Weißfische am Werk waren. Auf jeden Fall konnte ich mit der beschriebenen Methode einige Karpfen landen, und hatte jede Menge Spaß dabei. Diese Art der Fischerei ist irgendwie „direkter“ und weniger „steril“ als das moderne Specimen Hunting. Nur, eine Art Wunderwaffe um besonders heikle Fische in „Heavy“ Gewässern zu fangen ist es ganz sicher nicht!

Das Posenangeln macht auch nur dann Spaß, wenn wirklich „was geht“. Dies war mit ein Grund, warum es mich recht bald in einfachere Gebiete mit hoher Bestandsdichte verschlagen hat. Dementsprechend war natürlich auch mein Durchschnittsgewicht! Bis auf eine Ausnahme wogen alle gefangenen Karpfen zwischen 5 und 22 Pfund. Bei dem Spaß, den man jedoch beim Drill mit der Matchrute hat, vermisst man jedoch kaum etwas! Dass das Ganze nicht nur im Neckar funktioniert konnte ich bei Kurztrips in vier wirklich kleinen Flüssen in Sachsen und Thüringen feststellen. Kleine Flüsse haben außerdem nicht das lästige Schifffahrtsproblem und sind zudem meist jungfräulich. Ich kann mir gut vorstellen, dass man mit der Pose in den Gräben, Tiefs oder Sielen (oder wie immer die Dinger auch heißen mögen!) in Norddeutschland sehr erfolgreich sein kann. In meinem nächsten Urlaub im hohen Norden werde ich dies ganz sicher ausprobieren.

Dies ist übrigens einer der vielen Vorteile dieser Methode: Das bisschen Tackle hat man auch bei „Nichtangel - Familienurlauben“ schnell ins Auto geschmuggelt, und während die Frau oder Freundin noch schläft oder einen Einkaufsbummel erledigt    kann der Angler der Familie vielleicht den einen oder anderen Karpfen fangen, ohne dass viel von der gemeinsamen Zeit verloren geht.

Insgesamt gesehen ist „die alte Tour“ also eine interessante Bereicherung bzw. Alternative zum modernen Specimen Hunting, die am richtigen Gewässer unglaublich viel Spaß macht. Für jemanden, der nur auf Rekorde aus ist und für den ein Karpfen unter 30 Pfund nicht zählt, ist diese Methode allerdings nicht geeignet!

Bis demnächst
Michael Proske