Donnerstagmorgen, im Mai – Vatertag. Seit nun drei Jahren einer unserer traditionellen Termine zum Karpfenfischen. Frühmorgens um halb sieben an unserem Vereinsgewässer angekommen schieben sich die ersten Sonnestrahlen durch die leichte Bewölkung und erwärmen den noch jungen Frühsommertag in den schönsten Farben. Markus hat schon den, am Vortag ausgeloteten, Platz in Besitz genommen und sein Tackle zum größten Teil aufgebaut. Ich schleppe mein Gepäck schwitzend ohne Trolley die 300m vom Parkplatz. Unser Hausgewässer ist ein kleiner ca. 2 Hektar großer See der sich, inmitten eines Waldgebietes unserer niederländischen Nachbarn, unweit der deutschen Grenze erstreckt. Das Gewässer gehört zu einem Komplex von 4 Teichen, wovon die ersten Drei überwiegenden den „Stipp-Profis“ vorbehalten sind, die um diese Zeit die übrigen Gewässer auch schon zahlreich bevölkern. An „unserem“ See, bleiben wir neben zwei weiteren Karpfenanglern, die sich aber getarnt durch eine Biegung unseren Blicken entziehen, zumindest unsere Aussicht betreffend, für den Rest des Tages alleine. 

Der See hat eine geringe Durchschnittstiefe von nur etwa einem Meter und beherbergt einen guten Bestand an Fischen zwischen 12 und 25 Pfund (überwiegend Schuppenkarpfen), vermutet werden aber auch einige Exemplare um die 30 Pfund. Aufgrund der geringen Tiefe und der draus resultierenden schnellen Erwärmung ist der See ein ideales Frühjahrs- und (Früh)sommergewässer. Wir haben uns an diesem Tag entschlossen unser Glück am Westufer zu versuchen. Dort ragen einige Bäume vom Ufer ins Wasser, neben anderen teils versunkenen Exemplaren im Wasser, die sich schemenhaft aus dem noch nebelfeuchten Gewässer Richtung Himmels strecken. 

Wir platzieren jeweils eine unserer Ruten in der Nähe der versunkenen Bäume. Wohl wissend das dieser Hot-Spot ein schnelles Reaktionsvermögen nach dem Anbiss erfordert, um eine Flucht des Fisches in das rettende Gehölz zu vermeiden. Die Köder der beiden anderen Ruten landen, nur einige Meter vom Ufer entfernt, mit einem sanften Schwall am Rand eines kleinen Krautfelds, welches lediglich leicht grünlich, gut handbreit unter der Wasseroberfläche schillert. Nachdem also beide Ruten, bestückt mit Boilies im Fischaroma, an ihrem Platz liegen ist es an der Zeit sich erst mal um das eigene Wohl zu kümmern. Wir machen es uns also mit einem Kaffee und einem zünftigen zweiten Frühstück gemütlich. Hobbykoch Markus hat mal wieder für vorzügliches „Angel-Catering“ gesorgt. Nach einiger zeit wippt der Swinger meiner linken, am Krautfeld platzierten, Rute auf und ab und der Micron sorgte für ein gelegentliches, eher an ein zaghaftes stottern erinnerndes Geräusch.

Das, nach dem Einholen, am Haken baumelende, zarte Krautbündel liefert die Erklärung. Die Schnurbewegungen resultieren von dem sanft in der leichten Strömung hin und her wiegenden Kraut. Der nächste Wurf landet also in einigem Sicherheitsabstand zu der wahrscheinlichen Ausdehnung des, an der Oberfläche noch größtenteils unsichtbaren, Krautfeldes. Dann, so gegen 9:30 ein schriller Dauerton an Markus rechter Rute. Welcher Karpfenangler kennt es nicht, dieses Gefühl: Man sitzt stundenlang am Wasser und wartet nur darauf das der Bissanzeiger die so ersehnte Melodie pfeift. Und dann, wenn es schließlich soweit ist, ist man völlig überrascht und scheint überhaupt nicht damit gerechnet zu haben. Nach kurzem Drill liegt ein ca. 13pfündiger „Schuppi“ auf der Abhakmatte. Der Tag fängt ja gut an. Anfängerglück denke ich in Richtung „Neu-Karpfenangler Markus“. Trotzdem gönne ich ihm natürlich den schönen Fisch. Nach dem üblichen Fototermin darf der Karpfen wieder seine Bahnen ziehen. 

Einen weiteren Kaffee haben wir uns jetzt verdient. Eine gute Stunde später, so gegen 11.00 reißt uns der nächste Dauerton aus unserer angeregten Diskussion um alle erdenklichen Themen, überwiegend aber aus der angelnden Welt. Markus spurtet wie vom Blitz getroffen zu der etwa 4 Meter entfernten Rute, ein kurze Anhieb und der Fisch sitzt. Der Biegekurve der Rute und seinem Gesichtsausdruck nach einer der größeren Exemplare für dieses Gewässer. Ich rufe noch „Hart rannehmen und nicht in die Bäääääume...“

Als hätte das „Monster“ am anderen Ende der Schnur diesen, eigentlich für meinen Angelkollegen gedachten, Tipp für sich verwertet, erschlafft auch schon die Schnur wie ein nasser Sack. Beim enttäuschten einholen der Schnur dann erneut Wiederstand. Was ist das, der Karpfen hängt oder? Nach kurzem staunen ist uns die Situation unter Wasser klar. Der Karpfen hat bei seiner Flucht die Schnur um einen Baumstumpf gewickelt und hängt jetzt am anderen Ende der Schnur. Das er aber den Haken nicht abgeschüttelt hat, lässt der, als aktiv zu beschreibenden, Wiederstand vermuten. Was also tun? Der Gedanke, dass einer unserer „Lieblinge“ mit dem Haken im Maul und dem Rest der Schnur an einem Baum gekettet sein könnte, ist für uns nicht akzeptabel. Wir schauen uns an, die Sonne hat mittlerweile sehr angenehme 25 Grad erreicht, und verstehen uns wortlos. Die Einzig Rettung heißt: ab ins Wasser und den Karpfen befreien. Nach einer kurzen Bendenkzeit beginnt Markus langsam seine Klamotten abzulegen. Die Schuhe werden aber aufgrund der zu erwartenden Schlammschicht wieder angezogen. Schnell noch einen dicken Ast als Watstock herbeigeschafft geht’s nach kurzem Zögern hinein in das mittlerweile lauwarme und ziemlich trübe Nass. Nach den ersten Schritten lässt die dicke Schlammschicht unter seinen Füßen Markus Gesichtsmuskeln ein wenig verziehen. Schnell sind aber die ersten Meter zurückgelegt ohne restlos im Schlamm zu versinken. Hoffnung keimt auf. Auf dem Ast gestützt ist die Stelle, an der wir den Fisch vermuteten, schnell erreicht. Markus taste sich unter Wasser an der Schnur entlang. Am Ziel seiner Reise angekommen ein letztes unsicheres Tasten unter der trüben Wasseroberfläche. Keine Spur von dem Karpfen. Stattdessen kann Markus das Rig samt Boilie unbeschadet an die Oberfläche befördern. Wieder am Ufer zurück - triefnass aber zumindest mit einem erleichterten Gewissen das der Karpfen nichts ernsthaftes passiert ist und darüber hinaus sogar noch die Montage gerettet werden konnte. Wie gut, dass sich in unserem Gepäck noch ein Handtuch und Ersatzkleidung befinden.

Bis zum späten Abend können wir noch zwei schöne Fische von 86 und 70 cm auf die Matte legen. Das Gewicht schätzen wir, aufgrund der nicht mitgeführten Waage, auf ca. 25 und 16 Pfund. Kurzum – also wieder ein gelungener Angeltag, der nichts vermissen ließ: Adrenalin, Action und nicht zuletzt eine Geschichte an die wir uns gerne zurückerinnern - alles dabei.

Spätestens in diesem Jahr sehen wir und wieder um den Rekord an unserem Gewässer zu knacken.

Dirk Noppeney