Schon seit geraumer Zeit brennt mir ein Thema unter den Nägeln, zu dem ich unbedingt meine Gedanken  niederschreiben möchte. Nein, nicht irgendein Tackle, ein bis dato unbekanntes Gewässer, ultramoderne Methoden oder gar neue wissenschaftliche Erkenntnisse stehen im Betrachtungsfeld, sondern eine Frage, die schon seit Urgedenken der Angelei eher stiefmütterlich  und dann auch meist nur im Unterbewusstsein abgehandelt wird:

Was ist eigentlich mein (Angel-)Partner für ein Mensch und wie stehe ich zu ihm? Die allermeiste Zeit am Wasser verbringen wir doch nicht allein, sondern sehr oft in Begleitung eines oder mehrerer Gleichgesinnter, was ja auch angesichts der Umstände eher sinnvoll erscheint. Doch das war bei mir nicht schon immer so. Mir fällt dabei die Zeit Mitte bis Ende der 80er Jahre ein, eine Zeit, in der ich fast ausschließlich allein unterwegs war. Es waren auch die Jahre, wo ein intensiver Karpfenangler an deutschen Gewässern noch als so eine Art neue Spezies betrachtet wurde. Ich erntete vielerorts nur Kopfschütteln und Unverständnis, getreu nach dem Motto: „Wer hockt sich schon mehrere Tage oder gar Wochen ans Wasser, nur um hier und da mal einen Karpfen zu fangen?“

Kein Einzelkämpfer mehr
Erst viel später, ich glaube es war 1991, gesellte sich Werner Beck dazu, ein wahrer Freund, mit dem ich noch viele tausend Stunden am Wasser verbringen sollte. Doch Werner war nicht von Anfang an mein Freund – eher ein Mensch mit gleichem Interesse, was das Hobby anging. Sonst waren wir grundverschieden. Wir verabredeten uns und fischten zusammen. Das war zunächst alles. Wie konnte also daraus Freundschaft werden? Obwohl wir zwei völlig verschiedene Leben führen und zu allem Überfluss auch noch 100 Km voneinander en
tfernt wohnen, haben wir endlos viel Zeit miteinander verbracht. Tage und Nächte, in denen wir redend oder auch schweigend nebeneinander gesessen oder geschlafen haben. Wir haben so viele Dinge „gemeinsam“ erlebt, dass wir uns mittlerweile in- und auswendig kennen und auch schätzen. Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass die Zeit uns zusammengeschweißt hat.  Aber was heißt eigentlich „Freundschaft“? Wie können zwei Menschen Freunde werden und was muss jeder einzelne tun, damit dies auch so bleibt?

Meiner Ansicht nach lässt sich das Wort Freundschaft genauso schwer definieren wie das Wort Liebe. Es entstehen komplizierte Beziehungen und Verknüpfungen, die bis ganz tief in den jeweiligen Menschen hinein ragen. Gerade wenn ich also so unzählig viele Stunden am Wasser zu zweit verbringe, gewähre ich dem anderen zwangsläufig tiefe Einblicke in meine Gedanken und Gefühle. Da mich das wiederum verletzbar macht, setze ich Menschlichkeit und Aufrichtigkeit unbedingt voraus. Ganz von selbst entstehen dann die zunächst ungezwungenen Gespräche, später auch Diskussionen, die die gemeinsamen Ziele „Top-Gewässer“, „gute Fische“ und „geile“ Sessions“ näher bringen. Daraus zieht dann jeder den eigenen Nutzen, obwohl uneigennützig für die gemeinsame Sache gestritten wird. Aber ich möchte noch zwei weitere Menschen erwähnen, die in wunderbarer Weise aufzeigen, wie wertvoll eine Freundschaft beim Karpfenangeln sein kann.

Verliebt und doch befreundet?
Zum einen ist da meine Frau Tatjana, die ganz nebenbei auch noch dafür verantwortlich ist, dass ich nach jahrelanger Abstinenz wieder zur Szene zurückgefunden habe. Aber was noch viel schöner ist: Wann immer es geht, begleitet sie mich und genießt die Zeit am Wasser mit mir gemeinsam. OK, sie friert leicht, wie alle Mädchen, aber sie mag Gewitter, Bier und gegrilltes fettes Fleisch mit viel Knoblauch. Und über hart erarbeitete schöne Fische freut sie sich am allermeisten. Überdies hört sie bei schmutzigen Witzen in eine andere Richtung, was aber nicht heißen soll, dass sie nicht laut und ausgiebig lachen kann.

Gibt es einen schöneren Umstand, als den Partner auch gleichzeitig zum Freund zu haben? Wohl kaum! Mit einem Freund kann man hart diskutieren und streiten, hier und da auch Schimpfworte benutzen, mit der großen Liebe sollte man da in der Regel doch schon eher vorsichtiger umgehen. Nicht so mit Tatjana: Jeder hat die Pflicht zu sagen, was er will oder nicht will. Mit ein bisschen Kompromissbereitschaft und gutem Willen bekommen wir dann jede Session immer so hin, dass jeder seinen Spaß hat.

Armin mit einem schönen Schuppi Meine Frau Tatjane

Die perfekte Ergänzung:
Seit etwa einem Jahr gehöre ich zur Großfamilie von „Cipro.de“ Hier hatte ich die große Gelegenheit, viele, zum Teil ganz schön abgedrehte Typen kennen zu lernen. Alles Leute, die mit Leib und Seele dem Karpfenangeln verschrieben sind, aber quer über Deutschland und seine Grenzen hinaus verteilt. Einer von ihnen ist Heinz Kersten. Zuerst gab es nur geschriebene Worte, aber sehr schnell folgten die ersten Telefonate – abendfüllende Telefonate. Bevor wir uns dann auf der ersten Messe gegenüberstanden und auch das erste gemeinsame Bierchen kippten, wussten wir schon sehr viel voneinander. Wir waren beide von den vielen Gemeinsamkeiten derart überrascht, dass wir recht schnell die erste Frankreichtour gemeinsam planten. Ein für mich sehr mutiges Vorhaben, zumal es auf eine kleine Insel gehen sollte, 10 qm für 10 Tage. Es würde also kein Entrinnen geben.

Die Tour stand unter keinem wirklich guten Stern:
Zwar ein Topgewässer, aber übelstes Wetter und kein einziger Fisch. Aber im Nachhinein bin ich mir sicher, dass wir gerade diese Umstände für die Entwicklung unserer Freundschaft gebraucht haben. Wir haben gekämpft und versucht, gemeinsam aus der Situation das Beste zu machen. Nicht Keschern bei Dauerregen, sondern Reden, Zuhören, Lachen und Diskutieren waren unsere Haupttätigkeiten. Es gab nicht für eine einzige Minute so etwas wie einen Lagerkoller. Aber warum? Sicher nur, weil wir uns unbedingt auf einander verlassen konnten - ein schönes Gefühl!

Seitdem hangeln wir uns von Tour zu Tour. Für den Rest bleiben uns wieder nur das Telefonieren und die Autobahn. Immerhin wohnen wir 250 Km voneinander entfernt. Dies ist wiederum Tatjanas großer Vorteil: sie wohnt nämlich ununterbrochen bei mir zu Hause. Grins. Obwohl ich schon von jeher mit der Bezeichnung „Freund“ sehr, sehr vorsichtig gewesen bin, habe ich heute das große Glück, gleich drei solch großartige Menschen in meiner Nähe zu haben. Mag auch sein, dass ich mit der Entscheidung, jemanden meinen Freund zu nennen, etwas vorschnell war, aber es obliegt doch mir selbst, diese Freundschaften auch zu pflegen.

Dazu bedarf es natürlich auch der Grundtugenden Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Und sowieso Hilfsbereitschaft, auch wenn es mal ungelegen kommt. Denn sind wir doch mal ehrlich: Ein Freund braucht immer gerade dann unsere Hilfe, wenn wir gerade keine Zeit haben. Ist das nicht komisch? Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Zum wiederholten Mal muss mein Freund nachts bei Dauerregen raus, weil ein Fisch von mir sämtliche Schnüre eingesammelt hat. Also neu montieren und mit dem Boot rausfahren, hinlänglich bekannt, oder?

Spiegelkarpfen aus dem Domain de Brocard Heinz Kersten

Morgens dann vor lauter Müdigkeit einen Hals zu schieben, kann er stecken lassen. Wenn ich gemeinsam mit einem Freund fischen gehe, dann zählt nur das gemeinsame Ergebnis, auch, oder gerade weil ich von Rutentausch nichts halte. Werner hat mal einen sehr beeindruckenden Satz gesagt: „Wer den Fisch fängt, ist völlig egal, Hauptsache er kommt raus!“ Und ich bin mir 100%ig sicher, dass er dies auch so meint. Mit anderen, aber meinen Worten, würde ich es mal so formulieren: Das Team fängt den Fisch. Es ist egal, wem welche Rute gehört und wer an welchem Spot seine Köder präsentiert hat, wirklich wichtig ist, dass zusammengearbeitet wird. Das Ergebnis einer Session kann also nur heißen – entweder: „Wir haben gefangen…“ oder: „Wir haben geblankt….“

Zumal sich an Gewicht oder Stückzahl gemessene Einzelerfolge früher oder später sowieso wieder ausgleichen. Wenn ich heute auf eine bestimmte, außergewöhnliche Session mit großer Freude zurückblicke, dann gerade weil einer der oben genannten Freunde dabei war. Das macht mich sehr glücklich.

Und genau dies wünsche ich auch allen Lesern: Glück, Zufriedenheit und eine Wunderschöne Session mit einem Freund.

Armin Klein