Wer kennt ihn nicht, den Reiz, den ein großes Gewässer gerade auf uns Karpfenangler ausüben kann. Diese unendlichen Weiten, diese atemberaubende Stimmung bei Sonnenuntergang nach einem Gewitter oder einfach nur dieses Glücksgefühl, wenn wir nach langem Suchen den Biggie endlich gefunden und ihn letztendlich auch über den Kescherrand gezogen haben. Dies sind auch für mich die Gründe, warum ich jedes Jahr aufs Neue an die größten Stauseen fahre, nämlich um genau dies zu erleben. Leider benötigen solche Touren aber auch ein gewisses Maß an Vorbereitung, mit anderen Worten: ein manchmal enormer Zeitaufwand ist nötig um alles zu richten; ein für mich oft schwieriges Unterfangen, zumal ich in der Regel zwölf bis vierzehn Stunden am Tag damit beschäftigt bin, irgend einer sinnlosen Arbeit nachzujagen. Wenn ich nun meiner zweiten großen Leidenschaft, nämlich neue mir unbekannte Gewässer zu befischen, nachjagen will, so bleibt mir manchmal nichts anderes übrig, als solche sprichwörtlich „wohlbehütete“ Gewässer anzusteuern.

Das Ziel ist gesteckt
Dieses Frühjahr sollte endlich mal wieder eine Frankreichtour mit meinem Freund Werner anstehen und so entschieden wir uns für La Carriere. Ein uns bis dato unbekanntes Gewässer an der französischen Nordküste, ganz in der Nähe von Le Havre, genauer gesagt Caen. Ich kannte die Gewässer nur aus den Katalog von Fishermans Holiday und aus einem Gespräch mit einem wahrlich netten Holländer, den ich letzten September am Brocard kennen gelernt hatte. Diese spärlichen Informationen sollten aber ausreichen, um eine Woche  Ende April zu buchen. Da die Buchung schon im September letzten Jahres vollzogen wurde, blieb uns auch genug Zeit zur Vorbereitung und natürlich auch zur Vorfreude. Immer wieder telefonierten wir stundenlang und zählten die Monate und Tage rückwärts, arbeiteten die wohl beste Route aus und machten uns endlose Gedanken über Taktik und Baits.

845 km quer durch Frankreich
Endlich, am 17. April, irgendwann nachts, ging es los. Da wir nur mit einem Auto reisen wollten, ein Kombi mit Dachbox, wurde alles millimetergenau gepackt und verstaut. Ist schon erstaunlich, wie viel Tackle auf so kleinen Raum gestaut werden kann. Wir überquerten die Grenze bei Aachen und wählten die Route durch Belgien, nicht zuletzt wegen der dann günstigeren Mautgebühren von immerhin noch  19,90 €. Lüttich, Charleroi, Mons und Valenciennes waren die nächsten Stationen. Von dort ging es über Amiens, Rouen und Le Havre weiter Richtung Caen. An der Ausfahrt A29 bei La Haie Tondue endet die Autobahnfahrt und wir fragten uns, warum wir nicht schon viel früher die Schnellstraße verlassen haben. Trotz der Nähe zum Ozean ist die Landschaft erstaunlich hügelig und wunderschön anzusehen. Überall findet man kleine, lustige, blauweiß-gestrichene Häuser, wohl sehr typische Farben für die Provinz Calvados. Nach genau acht Stunden Fahrt, wer macht schon auf dem Hinweg unnötige Pausen, freuten wir uns über den Anblick des großen Schildes am Eingang zum Areal „La Carrierre“.

Eine selten freundliche Begrüßung
Nachdem wir das große Eingangstor geöffnet hatten und hereingefahren waren, kam uns schon der Besitzer, Monsieur Lecene entgegen und begleitete uns zu seinem Haus. Dort lernten wir auch gleich seine Frau Brigitte Lecene kennen. Sie spricht wesentlich besser Englisch als ihr Mann und so entstand eine angeregte und lustige Unterhaltung mit simultanen Übersetzungen ihrerseits. Da die von uns gebuchte Stelle 3 am Ostufer liegt und die ganze Vorwoche ein auflebender Ostwind vorherrschte, machte uns Monsieur Lecene den Vorschlag, doch eine andere Stelle zu besetzen - wir staunten nicht schlecht. Er ging sogar soweit, dass er sich die Zeit nahm, uns über die Vor- und Nachteile aller noch freien Stellen an den vier Gewässern aufzuklären. Als wir dann immer noch ein wenig unschlüssig waren, machte er sich sogar die Mühe und fuhr mit uns die Gewässer ab, sodass wir uns jeweils vor Ort einen guten Überblick machen konnten. Zuletzt kam dann auch noch die Zusage, dass wir jederzeit moven könnten, wenn wir denn wollten. Da sich der Wind auf Ost halten sollte, entschieden wir uns für Stelle 6, welche am Westufer des größten der vier Seen liegt. Hier sind sechs Angelstellen auf 40 ha verteilt, somit kommt auf jeden Angler eine Wasserfläche von über 3 ha – also Platz ohne Ende. Dieses Verhältnis trifft man übrigens an den anderen Gewässern auch an. Alle Angelstellen sind großzügig auf die insgesamt 110 ha verteilt, sodass der Angeldruck für die Fische nicht zu sehr ausartet. Auch gibt es genug weite Flächen, die mit der Rute nicht angeworfen werden können. Da keine weiteren Hilfsmittel wie Boote erlaubt sind, haben die Fische also ausreichend Platz um sich zurückzuziehen.

Endlich eine Woche Fischen
Monsieur Lecene verabschiedete sich, sobald er uns die Besonderheiten über diesen Swim nähergebracht hatte. Wir konnten aber beobachten, dass er jeden Neuankömmling in der gleichen freundlichen und hilfsbereiten Art empfing. Wir aber bauten nun endlich unser Lager für die nächsten sieben Tage auf. Kaum drei Meter vom Ufer entfernt, alles war eben bis auf ein paar wenige Stufen zum Uferstreifen, bauten wir unsere Zelte auf. Uns kam sehr entgegen, dass man an allen Angelstellen die Autos direkt am Wasser abstellen kann. Man hat also sein Hab und Gut immer schön im Blick und es muss nicht unbedingt alles im Zelt verstaut werden. Wunderbar an den Stellen 4, 5 und 6 ist auch, dass der Weg zu den Toiletten, zu den Duschen und zur Küche nicht sonderlich weit ist. Man kann über solche sanitären Anlagen denken wie man will, ich für meinen Teil bin im Rahmen eines solchen Trips manchmal dankbar, wenn es so etwas gibt. Wir alle kennen wohl den Anblick von Tretmienen und Papieresten in unmittelbarer Nähe zum Angelplatz.

Innerhalb einer Stunde waren das Lager und die Rodpods aufgebaut und die immerwiederkehrende Arbeit vor dem Fischen begann. Sämtliche anwerfbare Stellen wurden gründlich ausgelotet und auf Bodenbeschaffenheit untersucht. Da die Gewässer von La Carriere alte Kiesbaggerlöcher sind, mit einer mittleren Tiefe von ca. zwei Metern, war dieser Job recht schnell erledigt. Es galt also nur noch blanken Kiesboden zu finden. Die beiden mittleren von unseren sechs Ruten wurden jeweils rechts und links in unmittelbarer Nähe zur gegenüberliegenden Insel abgelegt. Auch wenn dort ständig reger Wasservogelverkehr herrschte, so vermuteten wir dort auf jeden Fall fressende Fische. Werner fischte seine beiden anderen Ruten links von der Insel mehr oder weniger im Freiwasser. Meine Waffen lagen eine ganz lang an der zweiten Insel und die zweite rechts diagonal auf einer Kiesbank. Die gesamte Präparation der Spots bestand lediglich im abfeuern weniger Baits an die Insel. Zwei Ruten wurden ausschließlich mit Stringer und die beiden letzten sogar nur mit Single-Hook-Bait gefischt. Es dauerte wahrlich nicht lange, bis sich bei Werner zum ersten Mal der Micron zu Wort meldete. Fast im Sturzflug eilte „der alte Mann“ die drei Naturstufen runter zur Rute und nahm dann aber in gewohnt ruhiger Manier den Fisch auf. Ein herrlicher Tanz begann und nach etwa zehn Minuten lag ein herrlich gezeichneter 16Pfünder im Kescher. Dieser Fisch war bezeichnend für alle anderen. Fast immer hatten sie kurze gedrungene Körper, dafür aber sehr breit und mit einem ordentlichen Paddel ausgestattet – absolute Kämpfernaturen.

So gut wie es anfing, sollte es aber die nächsten Tage nicht weiterlaufen. Jeder fing zwar jeden Tag so seine zwei bis drei Fische, alle zwischen acht und zwölf kg, aber das war’s auch schon. Denn im Laufe der Zeit wurde es immer kälter und nachts waren es kaum noch 3°C. Mal schien die Sonne, mal machte der Himmel alle Luken auf, es war für jeden etwas dabei. Bis Donnerstag hatten wir dann endlich mal alle Windrichtungen durch und wir waren wieder bei Ostwind angelangt. Die nächste Nacht sollte nicht mehr so kalt sein und der Wind lebte sogar noch kräftig auf. Ich weiß noch genau, wie ich zu Werner sagte: „Jetzt muss es doch endlich losgehen!“  Und es ging los! An diesem Tag hatten wir zehn Runs, von denen trotz des vorgeschriebenen Barblesshaken immerhin neun verwertet werden konnten. Unter diesen Fischen war auch mein größter Spiegler mit immerhin 15,6 Kg und Werners schönster Fisch, ein Schuppi mit 10,6 Kg. Kaum war der Donnerstag aber vorbei, machte der April wieder was er will und die Bisse wurden wieder seltener. Absolut bemerkenswert war für mich aber, dass wir neben den Karpfen auch noch das Glück hatten, drei herrliche Schleien zu überlisten, die größte immerhin 53 cm lang und 2,8 kg schwer! Wann fängt man schon mal so prächtige Schleien? Insgesamt hatten wir 30 Runs und fingen 27 Karpfen, davon 8 über 20 Pfund und einer über 30 Pfund, allesamt wunderschöne, makellose Fische mit ordentlichem Dampf. Mit diesem Ergebnis waren wir in dieser Woche das zweitbeste Team im ganzen Areal, was wir persönlich auf unsere Taktik, nur so wenig wie möglich zu füttern, zurückführen. Bessere Fangergebnisse verzeichneten nur noch ein holländisches Gespann auf der Stelle 5. Sie waren nun schon zum achten Mal dort und erzählten uns von reichlich guten Dreißigern und auch Vierzigern. Nur dieses Jahr lief es halt nicht so gut, zu unbeständig sei die Wetterlage.

Da das Füttern mit Partikeln untersagt ist, kamen nur Boilies als Köder zum Einsatz. Fast alle Fische wurden auf Baits überlistet, die auf der Basis von Fischmehlen gefertigt wurden – ganz ohne Flavour! Aber egal auf welchem Spot, ob tags oder nachts, 8 der 10 größten Karpfen fielen auf den neuen Mega FU 5 Fischmix von der Wassersportzentrale herein. Sicher waren wir froh, nach den ganzen Wetterkapriolen wieder nach Hause zu fahren, aber ein paar Gedanken verschwendeten wir schon ans nächste Jahr, denn dann wollen wir wieder hier abhocken und die Zeit einfach nur genießen. Kein Rausrudern und Fighten oder gar Moven, sondern einfach mal nur die Seele baumeln lassen und ein paar schöne Carps fangen. Wir freuen uns schon auf die täglichen Besuche des Hausherrn, wenn er uns fragt. „No Carp, no Carp?“ Und wie er dann ganz ungläubig dreinschaut, wenn wir die Frage zu seiner Überraschung auch noch verneinen. Ganz stolz war er aber, als er uns doch schlussendlich ein paar Einkaufstipps zu Käse und Calvados geben konnte.

Buchen kann man dieses herrlich ruhige und saubere Gewässer über www.carpinfo.com. Oder Ihr schaut einfach mal bei www.cipro.de vorbei und informiert Euch über die zahlreichen anderen Gewässer von Martin und Thomas Komen. Eine Menge User waren bereits an den verschiedenen Gewässern und haben darüber ihre Erfahrungen ausgetauscht.

So, jetzt muss ich aber meinen Bericht schließen, denn ich habe noch nicht entschieden, welches „Großgewässer“ ich als nächstes erkunden will.

In der Hoffnung auf jederzeit kameradschaftliches Aufeinandertreffen,
Euer Armin Klein, Cipro.de