von Oliver Jäckel

Nachdem ich alles gepackt hatte, rief ich Enno an und sagte ihm, dass er sich fertig machen solle. Ich fuhr also mit vollen Hänger los und erreichte das Haus von Enno nach wenigen Minuten. Er stand schon draußen als ich ankam. Er konnte es genauso wenig erwarten wie ich.

Ca. hundert Meter sind es zum Wasser. Der von uns schon seit Jahren beangelte Baggersee ist im Durchschnitt 3 Meter tief und ca. 10ha groß. Am Platz angekommen traute ich meinen Augen kaum. In mir verbreitete sich ein Gefühl aus Wut, Enttäuschung und Traurigkeit. Ich weiß nicht ob jemand dieses Gefühl kennt, wenn man zum Wasser kommt, sich auf die schleimigen Burschen freut, keinen anderen Platz vorgefüttert hat und man feststellt, dass jemand an seinem Platz sitzt und angelt. Wir blieben natürlich ruhig und zogen voller Depressionen einen Platz weiter. Nach ein paar Minuten gingen wir rüber und fragten freundlich, wie lange er denn noch angeln wolle.

Eigentlich bin ich nicht der Typ der anderen Anglern auf den Sack geht und fragt, wann sie endlich das Gebiet räumen wollen. Aber dieses eine Mal könne es man sich doch mal erlauben, dachte ich mir. Ich schickte meinen Freund Enno vor! Mit einem breiten Grinsen kam er zurück. Mir war klar, dass dies gute Nachrichten bedeuten würde. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass der besagte Angler noch ca. eine Stunde bleiben wolle. Nebenbei bauten wir an der Nachbarstelle schon das Nötigste auf. Rod Pod, Bivvy Dome, Ruten und Montage … u.s.w.

…eine Stunde später…

Wir saßen nun schon an der von uns ausgesuchten Stelle. Die Pods aufgebaut, die Pieper angeschalten, die Swinger eingehängt, die Abhakmatte bereitgelegt, den Kescher platziert und das Zelt eingerichtet. Nun kann das, schon seit einer Woche ersehnte, Angeln beginnen. Wir warfen die Montagen aus und schossen noch ein paar Boilies nach. Ich warf die Montagen weiter aus, als wir es normalerweise taten. Enno bevorzugte die Standart - Wurfweite. Wir waren nicht die Einzigen am Wasser. Auf der Insel machten sich insgesamt drei oder vier Karpfenangler breit. Genau gegenüber von uns. Mit manchen davon kann man wirklich gut reden. Anderen würde man gern mal ein paar steinharte Boilies vorbeischicken. Aber so was macht man natürlich nicht! Leute die meinen ein kleines Weitwurf-Turnier in unsere Seehälfte und unsere Richtung zu veranstalten mag ich einfach nicht. Aber das Leben wäre ja langweilig ohne solche Pappnasen.

Kommen wir zum positiven Teil der Session. Um ca. 17 Uhr schrie der Micron das erste Mal auf. Das eigentliche Piepen hörte ich in diesem Moment nicht wirklich. Ich glaube sogar meine Rollen übertönten den Micron, da ich die Angewohnheit habe die Pieper auf die Minimalste Lautstärke zu stellen oder ihn sogar auszulassen. Der Anhieb saß. Die Rute bog sich immer weiter nach vorn. Wer jetzt davon ausgeht, dass am anderen Ende ein Kapitaler auf ein Foto mit mir wartete, liegt falsch. Der Karpfen wog ganze 5 Pfund! Enno fing an zu lachen und kriegte sich nicht mehr ein. Na ja... wenigstens ist der Druck weg, dachte ich mir.

Parallel mit meinem Biss, ging der verrostete Pieper der anderen Angler auf der anderen Seite los. Das Problem an der ganzen Sache war das Papi gerade mit dem Boot auf dem See rumgurkte und Sohn am Wasserrand stand und versuchte die Rute vom Pod zu bekommen. Nachdem er diese Hürde überstand, nahm er die Rute und es sah so aus als wolle er einen Anhieb setzen. (die Betonung liegt auf: es sah so aus)

Er schrie die ganze Zeit um Hilfe doch als Herr Vater ankam, stand der Karpfen schon zehnmal im Schilfgürtel und freute sich nen Ast. Wir auch! Kurz danach kam ein anderer Karpfenangler bei uns vorbei und stellte ein paar fragen über das Gewässer. Er wolle es auch mal hier probieren, meinte er und wir beschrieben ihm das Gewässer. In dem Moment blinkte der Micron auf. Wieder die linke Rute! Der Anhieb saß. Diesmal war er doch schon um einige Pfund schwerer als sein kleiner Bruder. Schon Hinten ging er ordentlich ab und ich muss sagen, er machte es mir nicht leicht. (Jetzt nicht auf perverse Gedanken kommen)

Als ich ihn dann vorne hatte, bereitete mir ein von uns links, im Wasser, stehender Baum Sorgen. Der Karpfen, wie soll es auch anders sein, schwamm direkt in Geäst. Unser Besucher hatte glücklicher Weise Wathosen an und wollte einen Rettungsversuch wagen. Er ging also ins Wasser, ohne zu bemerken, dass er sein Handy in der Tasche hatte. Schritt für Schritt tastete er sich an den Karpfen heran. Auf einmal machte es schwapp, und das Wasser bahnte sich den Weg am Körper entlang Richtung kleiner Zeh. Alles was er retten konnte war die Montage. Karpfen und tragischerweise auch das Handy waren verloren. Etwas peinlich war es mir schon. Es tat mir auch leid, aber ich habe ihn trotzdem nicht darum gebeten. Jetzt ist es schon 19Uhr. Zeit für den nächsten Run. Hab ich es nicht gesagt!

Diesmal bei Enno. Enno hat im Gegensatz zu mir, die Angewohnheit die Pieper immer auf die Maximalste Lautstärke zu stellen, die selbst Tote auferstehen lässt. Somit konnte die ganze Gemeinschaft am See hören, wie der Karpfen loszog. Der Anhieb saß! Die 2,5 lbs. Rute krumm wie Sau. Es dauerte zehn Minuten bis der Spiegler im Netz lag. Glatte 14 Pfund hatte er gehabt. Schon nicht schlecht für unseren See. Der Durchschnitt liegt ungefähr bei 10 Pfund. Es ist nun schon 23Uhr und alles ist ruhig. Kurz vor dem schlafen, wie kann es anders sein, schrie der Micron um Hilfe und wollte gar nicht mehr aufhören zu brüllen. Schnell aus dem Schlafsack geschlüpft, aus dem Zelt gehopst und die Rute in die Hand genommen.

ANSCHLAG!

Shit ... Was ist das? Doch nicht etwas ein Hänger. Eben hat doch noch etwas! Da ging es los! Er zog mir einen Meter nach dem anderen von der Spule, als wenn der dreimal um die Insel schwimmen wollte. Als er anhielt, begann ich mit dem drillen. Er ist doch nicht etwa... Nein, da ging es schon wieder los. Meter für Meter. Dann wieder kurbeln. Als wäre nichts mehr dran, bekam ich die Spule wieder langsam voll. Vorne am Ufer begann er wieder wild zu werden doch nach einigen Anläufen lag er endlich im Netz. 20 Pfund brachte er auf die Waage. Persönlicher Rekord! Seerekord liegt bei 22Pfund! Die Nacht brachte leider keine weiteren Ergebnisse. Jedoch bekamen wir gegen Mitternacht Besuch. Einen kleinen Hund, der Nachts um 12 spazieren geht und Bierdosen durch die Gegend schleppt, trifft man nicht alle Tage.
 

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