Es war mal wieder soweit. Die Uhrzeiger wollten und wollten sich einfach nicht vom Fleck bewegen, in Gedanken ging man schon die potenziellen Spots durch, das Auto war bis unters Dach beladen und sogar meine Freundin wollte nach einem echt schönen Sommerangelurlaub mit mir vier Tage fischen fahren. Der Wetterbericht klang einfach nur perfekt und meine Laune dem entsprechend gut. Tja, bis das Telefon klingelte und eine Stimme mir ins Ohr röchelte: „ Schatz, ich bin krank“, schallte es mir entgegen. Meine Karpfenträume zerplatzten auf der Stelle, denn meine Freundin hatte sich eine ordentliche Herbstgrippe mit allem drum und dran eingefangen. Da es mir praktisch die Sprache verschlagen hatte ergriff sie die Initiative und machte einen Vorschlag den ich nicht für möglich gehalten hätte.

Zitat: „ Da ich ganz genau weiß, was du für eine Laune hast, wenn du vier Tage bei diesem Wetter zu Hause sitzen musst und Tee kochst, komme ich mit.“ Ich war immer noch sprachlos, aber mein Hirn arbeitete auf Hochtouren: Zu Hause sitzen und Frust schieben; Püppi mitnehmen, die dann wahrscheinlich auch schlechte Laune hat oder einfach alleine fahren und somit einen Streit anzetteln… „Wir fahren beide. Nimm Taschentücher und Nasenspray mit.“ lautete meine Antwort und eine knappe Stunde später saßen wir im Auto auf dem Weg nach Thüringen. Ich wollte unbedingt noch vor dem Dunkelwerden am See sein, um meine Ruten klarzumachen, aber das sollte nicht klappen, doch der Feldweg zum See machte uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung und ließ die Weiterfahrt nicht freiwillig zu. Nach gut 15m hatten wir uns im Lehmboden festgefahren. Glücklicherweise war mein Freund zur gleichen Zeit an Ort und Stelle und zusammen bastelten wir ganz in McGayver-Manier eine kleine Straße aus Feldsteinen, um das Auto zu befreien. Nach fast 45 Minuten klebte der gesamte Dreck, der vorher den Weg blockierte, an uns und meinem Fahrzeug, was uns wahrscheinlich auch half den Weg freizumachen;-)

Aber eine Schlammschlacht hat noch keinen Karpfenangler aufgehalten und man nimmt sie gern in Kauf. Mittlerweile war es dunkel, Püppi ordentlich angekratzt und ich auch nicht mehr bei bester Laune. Aus „beziehungstaktischen Gründen“ verzichtete ich darauf meine Ruten noch klar zu machen und kümmerte mich lieber um die Behausung, sodass wir auch recht zeitig im Land der Träume waren.

Am nächsten morgen wurde dann bei strahlendem Sonnenschein aufgebaut und die Fallen ausgelegt. Meine Spots lagen an einem umgestürzten Baum, an einer Steinpackung und einer eigentlich unspektakulären Stelle in einer kleinen Bucht, an der ich Fische fressen sah. An allen Spots fütterte ich ca. 1,5kg Weizen und reichlich Fischboilies der Firma Eastcarp. Bis zum Mittag war alles erledigt und auch meiner Freundin schien (!?) die Sache Spaß zu machen. Auf jeden Fall war sie dies bezüglich sehr überzeugend und lag eingepackt in eine Decke und zwei Schlafsäcke auf dem Bedchair und laß (Bild 1). Ich konnte also in Ruhe den See erkunden, mit der Kamera rumspielen und entspannen. Der Tag ging so eigentlich viel zu schnell vorrüber und am Abend wurden, wie eigentlich immer, noch ordentlich Karten gezockt, wobei ich eine Niederlage nach der anderen einfuhr. Würde das karpfentechnisch so weitergehen, hätte ich ziemlich alt ausgesehen, doch es sollte anders kommen.  Nebel zog auf und als ich gegen vier einen Biss hatte schimmerte die LED des Bissanzeigers nur noch sehr waage durch die dicke Brühe (Bild 3). Der Fisch kämpfte erstaunlich wenig und machte erst in Ufernähe etwas Alarm. Schließlich zeigte sich ein makelloser kompakter Fisch im Kescher und wurde behutsam eingetütet. Tja, Pech im Spiel – Glück in der Angelei! Die Rute jetzt erneut raus zubringen hatte sich dank Nebel erledigt und somit war der Schlafsack mein nächstes Ziel.

Bei Sonnenaufgang konnte ein Setzling meinem Köder nicht widerstehen und bewegte mich zum zeitigen Aufstehen. Da Frauchen sich gesund schlafen sollte, weckte ich sie nicht und gönnte mir erstmal einen großen Kaffee und eine Zigarette. Das Panorama war genial, denn der dicke Nebel gab sich nur sehr langsam der Sonne geschlagen und das Wasser lag spiegelglatt vor mir. Die Fischaktivitäten gingen allerdings gegen null. Lediglich das Eichhörnchen war auf den Beinen und fand den Boiliesack sehr interessant. Es entschied sich dann aber doch für Fichtenzapfen. Nach einem ausgedehnten Frühstück wurde erstmal der Fang der Nacht fotografiert (Bild 2)und danach gammelte ich- und schnaubte sie den Tag über dahin. Zum Glück angelte ich in einiger Entfernung, denn sonst hätte ich bei der Trompeterei wahrscheinlich nix gefangen. Gegen fünf meldete sich die Rute am Baum. Da die Bremse dicht war, kam nur ein kurzer Piep zu Stande. Als das gute Stück dann weiter ausschlug wurde der Anhieb gesetzt und das Spiel konnte beginnen. Wieder kam der Fisch ohne große Gegenwehr auf mich zu, aber als er in Ufernähe war, ließ er meinen Puls schon deutlich in die Höhe schnellen. Mein Gegenspieler war nicht recht davon zu überzeugen sich an die Oberfläche bringen zu lassen und gab alles. Nach einigen schönen Fluchten zog ich, zu meinem Erstaunen, einen kleineren Schuppi ins Netz. Ich war fest von einem Fisch der Kategorie GROß ausgegangen. So durfte er nach dem Abhaken auch sofort zurück in sein Element und ich beköderte anschließend meine Ruten neu. Mich hatte es schon gewundert, dass auf der Rute an der ich Fischaktivitäten beim Auslegen gesehen hatte, nichts passiert war und so war der nach Schlamm riechende Hakenköder auch nicht verwunderlich. Ich fischte dort mit einem 30er Sinker, den ich jetzt aufpoppte und erneut an die besagte Stelle brachte. Mit der Dunkelheit zog auch der Nebel langsam wieder auf und nach 22.00Uhr konnte ich die Hand kaum noch vor den Augen erkennen. Es gab noch einen kleinen Schlummertrunk und dann ging es ab in die mollig geheizte Hütte.

Erneut war es gegen vier als die so geliebten Piepser ertönten und die Rute in der Bucht abzog. Der Fisch startete sofort voll durch und legte immer wieder kräftige Fluchten hin. Mir kam der Drill vor wie eine Ewigkeit, denn ich hatte kein Gefühl wie weit der Fisch noch entfernt war, da der Nebel nicht mal zuließ die Rutenspitze geschweige denn die Schnur zu erkennen. Als es endlich vor mir platschte machte sich da schon eine Erleichterung bemerkbar. Die Fluchten wurden jetzt auch spürbar kürzer und letztendlich ergab sich der Fisch doch dem Kescher. Diesmal war es ein gestreckter Fisch mit markanten Schuppen auf der rechten Flanke (Bild 4), den ich ebenfalls sacken musste. Ansonsten verlief die Nacht ruhig und als ich am nächsten morgen das Zelt öffnete zeigte sich Petrus wie schon am Tag davor von seiner besten Seite. Es war keine Wolke am Himmel, die Herbstsonne gab alles und auch der See war wieder glatt wie ein Babypopo. Als erstes wurde der Fisch abgelichtet und nachdem wir wieder unser Frühstück zelebriert hatten, wollte ich die Matchrute auspacken und Püppi legte sich noch mal ins Bett. Es ging ihr zwar schon deutlich besser, aber von „gesund“ konnte keine Rede sein. Am Nachmittag brachte ich dann das noch entladene Auto zum anderen Ufer des Sees, was Gott sei Dank auch reibungslos klappte. Auf dem Rückweg schlich ich um den Flachwasserteil zurück und staunte nicht schlecht als ich selbst dort, wo das Wasser nur ca. 60cm tief ist, noch Fressblasen aufsteigen sah. Die Sonne hatte die Fische wohl hierher gelockt. Wieder an unserer Stelle angekommen verstaute ich dann die ersten Sachen und machte die Ruten zum letzten Mal klar. Pünktlich 18.00 Uhr kam auch mein Kumpel vorbei, den wir zum Abendbrot eingeladen hatten. Er war so nett uns mit seinem Kocher auszuhelfen und dafür wollten wir uns revanchieren. So gegen 19 Uhr meldete sich die Funke mit einigen Piepsern und ich dachte sofort an die Baumrute. Der Swinger war ein Stück gefallen, doch die Rutenspitze bewegte sich nicht. Ich spannte die Schnur nach und steckte mir eine Zigarette an- ein übliches Ritual bei zu hohem Adrenalinspiegel ;-). Es passierte nichts und da der Swinger gefallen war, konnte der Fisch nicht im Gesträuch hängen!? Meine Gedankenspiele wurden schließlich von einem kräftigen Schlagen der Rutenspitze und den dazugehörigen Piepern erlöst. So wie ich angeschlagen hatte, bog sich die Rute zum Halbkreis. Ruhig aber extrem kraftvoll zog der Fisch auf den See hinaus und war in keiner Weise zu stoppen. Ich fühlte mich sicher und lies ihn gewähren, doch der Moosrücken wusste genau, wo er hin wollte. Plötzlich, mitten auf dem See, war die Rute auf einmal fest und es bewegte sich nichts mehr. Zusammen mit meinem Kumpel fuhren wir mit dem Boot über den Fisch und man merkte deutlich, dass er noch dran war. Er hing kurz unter der Oberfläche, denn ich konnte das Leadcore fassen und wickelte es um meine Hand. Langsam kam alles an die Oberfläche und wir erkannten einen großen Spiegler der hier im Holz hing. Die Schnur schnitt nirgends ein- der Fisch „klemmte“ einfach zwischen zwei starken Ästen, die wir aber auch nicht abgebrochen bekamen und auch sonst war keine Lösung in Sicht. Als der Entschluss gefasst war den Karpfen auszuhaken verabschiedete er sich von ganz allein, denn plötzlich flogen mir Blei und Haken um die Ohren. Er war ausgeschlitzt.

Frustriert und andererseits auch erleichtert, dass er ohne Haken weiter schwimmt, ging es jetzt zurück. Der Fisch war jetzt natürlich Thema Nummer eins. Ein richtiges Schwein. Vielleicht wäre es ein neuer PB gewesen und und und…

So wurde bei heißer Zitrone für das kranke Huhn und Grog für die psychisch kranken Männer noch bis in die Puppen gequatscht und spekuliert. Am späten Abend zogen Wolken auf und mit ihnen verschwand der Nebel. Ich würde somit meine Ruten nach einem Biss wieder dorthin bringen können, wo ich sie haben wollte. Sicher wäre das Problem mit einem GPS nicht vorhanden aber für mich stehen Kosten und Nutzen einfach nicht in Relation, obwohl ich bei diesem Trip schon verdammt gern eins gehabt hätte…

Optimistisch wie immer legten wir uns schließlich schlafen und ich hoffte auf Grund der wärmeren Temperaturen bei Nacht noch mal auf guten Fang. Als um kurz vor Zwölf die Rute an der Steinpackung abmarschierte fühlte ich mich in meiner Hoffnung bestätigt. Der ziemlich schnell gelandete Fisch war zwar nicht besonders groß, aber immerhin hatte er wesentlich früher gebissen als es seine Kollegen bis dahin getan hatten. Die Montage wurde wieder am Platz versenkt und es konnte weitergehen. Leider war dem nicht so, denn bis zum Morgen tat sich nichts mehr. Also erstmal Frühstück machen, wach werden und die letzte Zeit am Wasser noch mal richtig genießen. Einpacken ist einfach immer eine einzige Quälerei und so haben wir das Ganze auch so lange hinausgeschoben, wie es halt ging. Stück für Stück wurde das Boot für die erste Tour zum Auto beladen. Alles drüben ausgeladen und zurück, um Frauchen und den Rest des Tackle zu holen.

Mit Wehmut und der Sicherheit, dass wir wiederkommen werden fuhren wir nun nach Hause. Die Worte meiner Freundin „Ich bin krank, du aber auch!“ sind die Erkenntnis dieses Ausfluges.

In diesem Sinne,
Euer Erick