DER FAKTOR LUFTDRUCK ...
und die Auswirkung auf die 50zigste Ausgabe des „Mirror“!

Seit vielen Jahren lese ich Berichte sehr aufmerksam, in denen es darum geht Gewässer und die äußeren Bedingungen beim Angeln zu analysieren. Da habe ich dann schon so einiges gelesen, was ich klar bestätigen konnte. Andere Berichte sorgten dann eher für Verwirrung und die niedergeschriebenen Thesen konnten meinen Erfahrungen keinen Nährboden hinzufügen.

Ein sehr interessanter Bericht im Carp Mirror 6/2001 „Der springende Punkt“ von Frank  Schmidt, in dem es um die Sprungschichten des Wassers geht, hat mich sehr überzeugt. Genau diese speziellen Betrachtungen sind es, die uns Stück für Stück verstehen lassen. Hat man aber gerade eine Theorie aufgestellt und sie in vielen Beobachtungen erhärtet, so zerbricht sie bei nächster Gelegenheit und hinterlässt große Ratlosigkeit und Enttäuschung. 

Folgendes Beispiel soll belegen, dass auch Frank’s feine Beobachtungen keine allgemeine Gültigkeit haben. Das gilt natürlich auch für meine eigenen Behauptungen. Mitte der Neunziger machten wir einen Trip an den Orlik Stausee mit vier Leuten. Wir fingen Karpfen ohne Ende, aber keinen über 20 Pfund, das nur am Rande. Wenn man schon fängt wie blöde, dann kommt man auf die beknacktesten  Ideen.

Kollege Thomas vom anderen Team fuhr mit seinem Boot rüber zu seinem Inselplatz. Auf halbem Wege rief ich ihm zu, er möge sein Echolot einschalten und mir die Tiefe ansagen. 20 - 25 - 30 - 33 Meter, rief er rüber. Da ich gerade meine Rute nach einem Fehlbiss hereingekurbelt hatte, warf ich in Richtung des Bootes. Das Blei schlug einen Meter neben seinem Kahn ein. Dort war es genau 33 Meter tief und ich merkte, dass das Blei lange brauchte bis es den Grund erreichte.

Ich bedankte mich bei Thomas für die Dienstleistung und legte die Rute in den Pod. Mir war es egal, ob an dieser Rute etwas ging oder nicht, denn auf einer einzigen Rute hatte man trotzdem den ganzen Tag Alarm. 7 Pfund, 11 Pfund, 8 Pfund,  4 Pfund usw. So ging das Krötenfangen Tag und Nacht. Nach 20 Minuten etwa geht meine Rute in 33 Metern Tiefe ab. Nanu, das Monster aus der Tiefe? Hat er eine Lampe auf dem Kopf? Sieht er grässlich aus? Nein, es war ein munterer Schuppi von unter 10 Pfund. Was muss der über Sprungschichten und Sauerstoffgehalt gedacht haben???  Ich glaube, spätestens jetzt wären alle Theorien über diese beiden Themen geplatzt. Trotz alledem sucht man immer wieder Ansatzpunkte, um die selbst erlebten Erfahrungen  für seine persönliche Angelei nutzen zu können und so komme ich nun zum eigentlichen Thema.

Seit Beginn meiner spezialisierten Karpfenangelei im Jahre 1990 habe ich immer eines bei mir, nämlich mein kleines, heiliges, gelbes Fangbuch. Hier zeichne ich alles auf was ich messen kann. Fischart, Gewicht, Länge, Fangzeit, Köderart, Ködergröße, Windrichtung, Windstärke, Wetterbedingungen und Wassertemperaturen. Eine Rubrik „Besondere Vorkommnisse“ ergänzt die Aufzeichnungen. Ich versichere Euch, dass ich mächtig stolz auf dieses lückenlose Werk bin, zumal es mittlerweile in die 18te Saison geht. Es fehlte in meinem Heftchen aber immer noch eine ganz wesentliche Rubrik, die so wichtig ist wie die Wassertemperatur, nämlich der Luftdruck.

Weihnachten 2003 bekam ich einen, im Sommer geäußerten Wunsch von meiner Frau erfüllt. Sie musste das irgendwie aufgeschnappt haben, dass ich mir diese Uhr an unserem Urlaubsort Helgoland immer wieder angesehen habe. Und so bekam ich meine Triple Sensor, Compass, Thermometer, Alti, Barometer, Tough Solar, Casio-Pro-Trek Uhr. Ja, so heißt die. Holli war Weihnachten völlig aus dem Häuschen und jeder, der es nicht wissen wollte, hat von mir alle aktuellen Wetterdaten im Fünf-Minuten Takt bekommen. Seitdem feiern wir Weihnachten übrigens alleine. Diese Uhr hat alles was man zum Angeln braucht, aber vor allen Dingen die Entwicklung des Luftdrucks. Seitdem schreibe ich den aktuellen Luftdruck mit Beginn einer Session auf. Zum Beispiel: 1013 HP (Hektopascal). Das wäre dann in meiner Heimat der ausgeglichenste Wert, da das gleichzusetzen wäre mit 0 Meter über dem Meeresspiegel.

Sinkt der Wert jetzt auf 1008 HP so würde der Höhenmesser in der Uhr bereits eine Höhe von 50 Meter über NN anzeigen. Soll heißen, wenn der Luftdruck sinkt wäre es so als würden wir einen Berg besteigen. Die Luft würde also dünner werden. Was passiert, wenn man an einem Gewässer wie den Pareloup fischen würde, der in einer Höhe von 820 Me-tern liegt? Richtig, der Luftdruck wäre da oben völlig anders als im Tal und man kann seine Erkenntnisse aus der Heimat auf dieses Gewässer nicht anwenden. Wenn das Ziel erreicht ist wird sich das Barometer im Zwei-Stunden-Takt mit einem neuen Pünktchen auf dem Display bemerkbar machen. Nach 24 Stunden hat man dann ein neues Bild auf dem Mini-Monitor. Nun erkennt man, dass bei gleich bleibender Wetterlage im Tal z. B. 1010 HP angezeigt wurde und oben am See 980 HP vorherrscht. Jetzt kann man erkennen, dass der Luftdruck in jeder Region eine andere Nullbasis hat. Das kleine Display zeigt die Entwicklung genau an und nach einer gewissen Zeit konnte ich mit den Daten einiges anfangen. Natürlich tut es auch ein kleines Barometer, aber eine kleine Wetterstation am Handgelenk ist schon geil.

Eisiger Nord-West Wind mit Schneeschauer Luftdruck günstig bei 1015 HP - Ergebnis: Ein schöner Neckarspiegler

Viele Menschen leiden bei starken Luftdruckschwankungen  unter Unwohlsein, Gelenkbeschwerden oder Kopfweh. Da kann man sich vorstellen, wie sich der Luftdruck im Wasser auf die sensiblen Innenorgane von Karpfen auswirkt. Ein paar Theorien habe ich im Laufe der Zeit für mich aufstellen können, die sich oftmals wiederholt haben. Darum nun einige Fälle aus meiner Praxis.  

Fall 1
Gute Beißzeiten sind immer, wenn das Niveau mindestens über zwei bis drei Tage ziemlich gleichbleibend ist. Die Fische fühlen sich wohl, weil ihr Körper den Luftdruck ausgeglichen hat. Meine Koi’s sind bei konstantem Luftdruck ruhig und in Fresslaune und dabei ist es egal, ob der Luftdruck hoch oder niedrig ist. An diesen Tagen kannst Du einiges erwarten.

Fall 2
Aus einer mittleren Luftdrucklage von 1011 HP steigt der Druck steil in ein Hoch bis auf 1030 HP. Auf dem Höhenmesser der  Pro Trek würde jetzt ein Minus erscheinen, wie in diesem Fall -140. Das wäre jetzt gleichzusetzen als wenn man 140 Meter in einen Schacht hinunterfährt. Das ist für Carphunter der Supergau.

Fahr nach Hause, gehe mit Deiner Perle nett essen und warte auf besseres Wetter. Ich konnte ganz klar feststellen, dass die Fische aufhörten zu fressen sobald der Luftdruck steil anstieg. Meine Koi’s sind dann schreckhaft, unmotiviert und stehen merkwürdig tief im Wasser. Sie nehmen das Futter nur ganz vorsichtig an, ja spucken es teilweise sogar wieder aus. Zuerst dachte ich an ei-nen schlechten PH Wert, aber nach dem Messen wusste ich, dass es daran nicht lag. Der Organismus der Fische gerät unter „Druck“. Sie fühlen sich sichtbar unwohl.

Fall 3
Aus einer konstanten Wetterphase um 1020 HP nähert sich ein großes Tiefdruckgebiet mit Wind und Regen. Werfe Dein Werkzeug weg,  schmeiß Deine Akten in den Papierkorb und gehe fischen. Die Fische geraten in einen wahren Fressrausch. Jetzt kannst Du alles erwarten. Mir ist aufgefallen, dass die Fische schon 8 bis 12 Stunden bevor eine Schlechtwetterfront da ist, den Braten riechen. Du bekommst mehr Bisse und der Futterneid scheint den großen, vorsichtigen Karpfen vor einem Unwetter unachtsam und gefräßig zu machen.

Meine Koi’s sind jetzt überschwänglich und balgen sich um eine einzige Seidenraupe, als  würde es die letzte sein. Die kleineren, zwei/drei pfündigen Koi’s kommen nur durch ihre  Schnelligkeit ans Futter. Diese Tage sind unsere Tage als Karpfenangler. In dieser Phase habe ich schon sehr geile Fische gefangen. Der fallende Luftdruck scheint also die Innenorgane der Karpfen zu entlasten und in einen Wohlfühlzustand zu versetzen, sozusagen in eine Art „positiven Druck“.

Natürlich ist der Luftdruck nicht alleine entscheidend für den Fangerfolg. Wassertemperaturen sind genauso wichtig. Als ich Ende November 2005 am Neckar fischte hatten wir optimale Bedingungen. Die ersten drei Tage lag der Luftdruck günstig bei 1015 HP und fiel langsam in ein Tiefdruckgebiet. Wir haben regelmäßig gut gefangen und so konnte ich am dritten Tag einen sehr schönen Neckarkarpfen zu einem Fototermin bewegen. Die Wassertemperatur zeigte 13 Grad. Nun war das Tiefdruckgebiet da. Es brachte eisigen Nordost Wind mit und der Winter brach herein. Schneeschauer und ein sich rasch abkühlender Neckar war die Folge. Wir hatten zwar ein gutes Tiefdruckgebiet bekommen, aber der  eisige Wind kühlte den Fluss innerhalb von zwei Tagen um über drei Grad herunter und das Ganze mit fallender Tendenz. Kein einziger Biss mehr und am letzten Tag eine Wassertemperatur von neun Grad. Das Wasser wurde zu schnell kalt und das ist genauso fatal wie rascher Druckanstieg. Man sieht, dass nicht nur der Luftdruck entscheidend ist sondern auch die anderen Faktoren. Das Schwierige ist, alle messbaren Umstände miteinander zu verknüpfen und brauchbare Informationen daraus zu gewinnen. Das Ganze ergibt dann den Faktor „Erfahrungswert“, der mit nichts zu bezahlen ist.

Ein weiteres Beispiel
Ich hatte an meinem Hausgewässer Ende Dezember eine Nacht geplant. Als ich abends ans Gewässer kam stellte ich eine Wassertemperatur von 5,5° fest. Eisiger Nord-West Wind mit Schneeschauer fegte über den See. Es war an meinem kleinen See die beste Nacht, die ich dort erlebte. Drei Spiegler, davon zwei der Größten, (ich kenne dort alle Großen) gingen mir in dieser Nacht an den Haken. Nun, das Wasser blieb konstant bei 5,5 Grad, trotz einer Außentemperatur von knapp unter 0 Grad.

Damit hatten die Fische gleichbleibende Wasserbedingungen in ihrem Wohnzimmer und das aufkommende Tiefdruckgebiet hat sie auch in diesem Fall stimuliert. Während ich heute, am 18. Januar 2007, am PC sitze und diesen Bericht noch einmal durchsehe, tobt draußen der heftigste Orkan der letzten 25 Jahre. Es ist als wollte der Luftdruck mir sagen, schau her was ich kann! Der Luftdruck zeigt 970 HP und das hat meine Uhr in dieser Region noch nie angezeigt. Eines ist klar, ob der Luftdruck „extrem“ niedrig oder „extrem“ hoch ist, beide Situationen sind nicht fangträchtig.

All meine Beobachtungen, bei denen ich auch meine Koi’s zu Rate zog, machte ich bei Wassertemperaturen bis neun Grad. Darunter werden sie nicht mehr gefüttert und müssen über den Winter notfalls auch fünf Monate ohne Futter auskommen. Eigentlich erstaunlich, dass so sensible Fische trotz alledem gut genährt den Frühling erleben. Dann wäre da aber immer noch ein Feind der Karpfen und Koi’s „Die Frühjahrsvirämie“.

Viele Fische sind über den Winter geschwächt und zum Teil mit Parasiten behaftet, deshalb sind Fische, wenn es in den Frühling geht, auch deutlich schwerer zu fangen als im frühen Winter, wenn sie noch gutgenährt aus dem Herbst kommen. Die Parasiten machen den Fischen echt zu schaffen und sorgen für Unbehagen, was sich bei steigenden Wassertemperaturen aber in der Natur von selbst regelt, weil viele Hautparasiten dann absterben. Das wäre aber ein eigenes Thema, welches sicherlich auch einige interessante Betrachtungen zuließe. Diese Abhandlung war natürlich sehr theoretisch, aber Beobachtungen am Wasser können uns viel weiterbringen als ein tolles Rig. Erst einmal muss man feststellen wann, wo und warum Karpfen fressen, dann kann man sie auch fangen. 

Ich glaube, dass das Thema Luftdruck bisher noch wenig Beachtung fand und ich kann mich an keine Publikation hierzu erinnern. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen das Verhalten unserer Flossenfreunde zu verstehen und ich würde auch gerne von anderen Anglern erfahren, welche Bedeutung sie dem Thema Luftdruck beimessen. Ich bin der festen Meinung, dass der Luftdruck das Fühlen und Handeln der Menschen bestimmt und das gilt gleichermaßen für Karpfen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch viele Tiefdruckgebiete.

Viel Erfolg ...
Holli