Unruhig wälze ich mich im Schlafsack hin und her, trotz der harten Woche im Geschäft, kann ich nicht so richtig schlafen. ‚Das hat so keinen Zweck mehr’, denke ich bei mir und stehe auf. Es ist fast noch stockfinster und ein dichter Nebel liegt über dem Gewässer. Ich beginne Wasser heiß zu machen, um mit einem schönen heißen Capuccino-Baileys, der noch immer recht kalten Temperaturen Herr zu werden. Was für eine herrliche Szene: Ich setze den ersten Schluck Cappu an und langsam gewinnt die Helligkeit die Überhand und auch der Nebel beginnt langsam sich zu verziehen. In diesem Moment schrillt auch noch der Bissanzeiger, ohne jede Vorwarnung los. In solchen Momenten schalte ich alle bisherigen Gedanken aus und funktioniere wie ein programmierter Automat. Anschlagen, Kontakt prüfen, Boot einstiegsklar machen und ab geht die Reise.

So ist es auch diesmal und ein herrlicher Spiegler versüßt mir den Morgen. Schnell ist der Nachbar informiert und es entstehen ein paar wundervolle Aufnahmen. Schön, wenn man sich auf Leute verlassen kann, die mit einem das Hobby teilen. Dragan ist so einer. Er ist vielleicht der beste Angler dieses Gewässers, weil er einfach jeden Stein, sowohl über-, als auch unter Wasser kennt. Man kann sich immer auf ihn verlassen und noch nie hat er mich zwecks Fotografieren im Stich gelassen.

Mäuschen, Mäuschen komm heraus aus deinem Häuschen ...

Beim Angeln bin ich die Spülmaschine.

Das Problem mit dem Gewissen
Längst ist der Fisch wieder entlassen, die „Eisen“ liegen wieder im „Feuer“, es wird Zeit das begonnene Capuccino-Frühstück fortzusetzen. Aber, oh Schreck, die Gasflasche ist leer. Naja, so tragisch ist das nicht. Eigentlich rechne ich schon fast zwei Monate damit und so lange habe ich auch schon die neue Flasche im Auto. Also was soll’s: Ruten wieder rein holen, Kocher von der Flasche schrauben und auf geht’s zum Parkplatz. Schnell habe ich die neue Flasche gefunden und bin auf dem Rückweg.

Ja, ja unser Verein ist schon fast ein Karpfenanglerverein. Hier wird viel für uns getan, damit wir stressfrei unserem Hobby nachgehen können. Klar, dass so ein Verein viel besucht wird und so komme ich an etlichen Karpfenanglern vorbei. Mindestens alle 50 bis 60 Schritte ein weiterer Platz, an allen Plätzen sehe ich die Abhakmatten bereit liegen, Wiegeschlinge und Waage hängen einsatzbereit im Baum, irgendwie irre, oder?

An meinem Platz zurück mache ich mir so meine Gedanken: Ist das wirklich okay, was wir hier betreiben. Wir fahren an die Gewässer mit der festen Absicht Fische zu fangen, die wir dann vermessen und zurücksetzen. Dabei kommen wir uns noch sehr toll vor, denn wer von den anderen Anglern tut dies schon. Aber sein wir mal ehrlich, wir alle tun dies um unsere Befriedigung zu erreichen, die bei dem einen im neuen Rekord besteht, bei dem anderen in „Hauptsache-Fisch-auf-Foto“ und so weiter, die Kreatur, der Fisch wird dabei zum Spielgerät Wie nannte mich mal ein befreundeter Jäger: „Der mit den Karpfen spielt“! Leute, werdet euch bewusst, da ist etwas dran!

Ein Freund im Drill = Geteilte Freude ist doppelte Freude!

Wenn mir langweilig wird, experimentiere ich mit meiner Kamera.

Natürlich muss man auf der anderen Seite ganz klar sagen, dass es um die Bestände unseres Vereins ziemlich schlecht stünde, wenn jeder seine Fische abschlagen würde. Kaum auszudenken, nicht umsonst sind wir „Spezialisten“. Ich würde auch nie im Leben dafür plädieren, alles in Frage zu stellen und zurück zu kehren zur allgemeinen und umfassenden „Abschlachterei“. Aber sind wir uns dessen bewusst, was wir tun? Es geht uns bei der Ausübung des Hobbys nicht um Hege und Pflege und schon lange nicht mehr um das Stillen von Hunger, es geht um die Befriedigung eines modernen Jagdtriebes. Ob dies ein vernünftiger Grund ist, Lebewesen, wie unsere Fische, zu reinem Spielzeug verkommen zu lassen, dass kann ich nicht entscheiden. Eine neue Berechtigung muss her! Was kann das sein?

Wenn ich sehe, wie viele Jungangler direkt durchstarten zum „Karpfenprofi“ und dass mit der Zielstellung „Testangler“ oder irgend einem anderen „Ruhm“, dann muss ich schon um dieses Hobby bangen. Ja, ja, solche Worte von einem Testangler, der hat gut reden und schon sind wir bei einem ernsten Thema: Jeder hat die Verpflichtung bei sich selbst zu beginnen, sich selbst Fragen zu stellen: Warum ist genau dieses Hobby mein Hobby, welche Gründe sind meine Gründe für diese spezielle Ausübung der Angelei, können diese Gründe wirklich vor meinem Gewissen oder auch vor dem Gewissen der Gesellschaft standhalten? Ich persönlich habe da so meine Probleme mit. Ich muss mir schon fest solche Dinge einreden wie: „Ein Tennisspieler hört ja auch nicht auf nur weil das Tageslimit ein gewonnener Satz ist.“

„Sorry Ben, aber welche Kreatur leidet beim Hobby Tennis durch uns?“ - Tja, war wieder nix. Okay: „Wir müssen zu absolut natürlichen Beständen kommen, in denen alle Alters- und Größenklassen von Fischen umher schwimmen!“ - Na, ist das nicht ein Spitzen-Argument? „Naja Ben, stellt sich die Frage, warum du dann überhaupt noch angelst?“ „Ehm.., ja klar der Gesundheitszustand der Fisch muss ja geprüft werden?“ „Ja Ben, du hast Recht, genau deswegen bist du jedes Wochenende hier und all die anderen auch!“

Dragan, wenn er kann, dann hilft er!

Danke für das Foto, mein Freund!

Das beste Hobby der Welt
Es ist schon wieder Nachmittag, als ich endgültig im Streitgespräch mit meinem Gewissen aufgebe, denn ich weiß, ich bin so oft am Wasser weil ich es brauche, den Kick in der Natur zu sein und Lebewesen der Natur zu überlisten, weil ich es liebe große Fische strahlend in die Kamera zu halten und ich kann es nicht ändern, dass es so ist. Alles was ich tun kann, ist nach Rechtfertigungen zu suchen, die den Sinn dieses Hobbys verbessern. Mich in den Verein einzubringen, den Junganglern unter die Arme zu greifen, so „Fisch schonend“ wie möglich meine Ziele erreichen.

Da ertönt ein Bissanzeiger in meiner Nähe. Klasse, dass muss bei Dragan sein, da kann ich den Freundschaftsdienst von heute früh, weder gut machen. Ich hole gleich die Ruten rein, denn ich werde sofort zu ihm rüber gehen, dem glücklich Angler beim Drill zuschauen, eventuell beim Keschern helfen, die Fotos machen und dann noch das Adrenalin verquatschen. Toll, dass man auch solche Kameradschaften am Wasser aufbauen kann, wieder ein Grund mehr für unser Hobby.

Wie freuen wir uns beide über den großen Fisch, Dragan mit dem Fisch in den Händen, ich mit der Kamera.

Ein Wahnsinns-Hobby, das beste Hobby der Welt, ich liebe es.

Ben Boden,
Watersportcentrale Genk – Team Germany

 

Ohne mein Hobby, könnte ich so etwas
wahrscheinlich nicht sehen.

Herbst und Boilies, dass bringt
meistens Fisch!
Das Genießen eines Sonnenuntergangs gehört zu diesem Hobby, wie Tom zu Jerry. Karpfenangeln bedeutet auch, Natur
bewusst erleben.