(Eine humorvolle fiktive Geschichte über eine verdeckte Überlebensweltmeisterschaft mit einer düsteren Organisation)
Ein Freundschaftsfischen der ganz anderen Art!

Ich übernachte in einem weit entfernten Hotelzimmer, der Raum ist absolut verdunkelt und wird nur durch ein kleines Kerzenlicht vom Schreibtisch aus beleuchtet. Schweißnass zitternd sammle ich meine Gedanken und Erinnerungen, um für die Nachwelt meine unglaublichen Erlebnisse eines Angeltrips in diesen Zeilen festzuhalten. Ich hoffe, Sie finden mich nicht vorzeitig und meine Geschichte erreicht die Öffentlichkeit, damit die Wahrheit ans Licht kommt! Niemals hätte ich gedacht, dass so etwas hier in Norddeutschland möglich ist und irgendwann auch mich bzw. uns treffen könnte? Einfach unglaublich, aber lasst mich jetzt erzählen!

Im Jahr 2009 habe ich per Internet einen  Karpfenanglerteamkollegen für die World Carp Classic 2010 gesucht und erfolgreich gefunden. Leider wurden diese laut neuen Teilnahme-bedingungen für Deutschland nur auf zwei Teams begrenzt, so dass dieser Plan letztendlich ins Wasser fiel und ich an kleineren Karpfenangler-Veranstaltungen teilnehmen wollte. Rein zufällig sah ich mir eine Karpfenfreunde-XYBaits-Website an, wo ein 1.Freundschaftsfischen über ein drei Tagewochenende geplant war. Die Teilnahmebedingung war eine beachtliche Geldsumme, professionelle Karpfenanglervorkenntnisse mit gutem Führungszeugnis und das Erscheinen mit einem leerem Magen bzw. großem Hunger und Durst. Es durften keine Essens- und Getränkewaren mitgebracht werden, weil die mitbezahlte Nahrungsverpflegung aus hochwertigem ostfriesischen Essen- und Trinkspezialitäten besteht und wunschlos für alles weitere gesorgt ist.

Nach Rücksprache mit meinem jungen Teamkollegen Hendrik habe ich uns zwei sofort angemeldet und bekam eine Woche später die schriftliche Teilnahmezusage mit einer sofortiger Zahlungsaufforderung, der ich einfach so nachkam? Hendrik führte noch ein Telefongespräch mit Horst dem Bären, der dieses Event veranstaltete, weil er ein Karpfenfreunde-XYBaits-T-Shirt kaufen wollte. Das Telefongespräch war gerade beendet und schon plünderte Hendrik sein Sparbuch und hat auf unerklärlicher Art und Weise eine nicht unerhebliche Geldsumme sofort überwiesen, was die mysteriöse zwanghafte Telefonstimme auch so bestimmt hatte.

1. Tag: „Der Tag der Wahrheit!“

Der Tag des Freundschaftsfisches war gekommen und ich fuhr mit meinem vollgepackten PKW nachmittags zum Veranstaltungsgewässer, ein Flussaltarm im Emsland. Hendrik wollte etwas später nachkommen und ich musste unter den 13. abgesteckten Teamplätzen unseren Platz noch ausmachen. Es standen schon einige Autos auf dem Parkplatz und ich machte mich auf den Weg, den Organisationstreffpunkt bzw. das Veranstaltercamp zu finden. Nach meiner ersten Anfrage und Begrüßung wurden meine Ausweispapiere kontrolliert und es bildete sich eine geschlossene Eskorte bzw. ein Rudel, die mich zum Leittier Horst dem Bären, führten.

Er lag noch schlafend im Zelt auf seiner Liege und wurde mit einem durchdringenden Wolfsgeheul geweckt, was mir sehr ungewöhnlich vorkam! Mit einer aufgesetzten verspiegelten Sonnenbrille stand er vor mir, begrüßte mich und machte eine flüchtige Handbewegung, wodurch mein Geleitschutz wieder abrückte. Er erzählte mir von dieser professionellen Karpfenanglerveranstaltung, die jetzt schon mit einer Weltmeisterschaft verglichen werden kann und die auch international besetzt worden ist und jetzt rein zufällig nur von deutschen Teilnehmern vertreten wird. Neben ihm war Enno der Wolf, der diese Aussagen mit starken Kopfnicken so bestätigte und hielt mir zugleich eine Tüte mit Platzlosen hin, worauf ich ein Los entnahm. Ich zog die Platznummer 1 und bekam auch gleich von den beiden Rudelführern ein breites hämisches Grinsen zu sehen. Unser Angelplatz 1 war ganz am Ende des Altarmes, wo ich geparkt hatte und mir bewusst wurde, dass ich leider das schlechteste Los gezogen habe.

Horst der Bär reichte mir die Hand hin, die ich automatisch auch drückte und sagte, damit ist unser Pakt besiegelt! Er zog seine verspiegelte Sonnenbrille ab und ich sah in seine rot glühenden und diabolischen Augen, die mich noch lange auf meinen Rückweg willenlos und benommen machten. Er rief noch hinterher, dass unser Teilnehmerteam nur ein Lückenfüller wäre und wir jetzt die einmalige Chance hätten, uns zu bewähren und unser Bestes zu geben.

Ich rief Hendrik jetzt an, um ihm die Platznummer mitzuteilen und klar zu machen, dass wir nicht weit laufen brauchen, aber ich leider die Arschkarte gezogen habe. Er sagte zu meiner Beruhigung, dass man selbst auf dem schlechtesten Angelplatz noch die besten Fische fangen kann, was ich ihm hoch anrechnete. Ich baute mein neues Ehmanns Pro Zone SI 2 Man Bivvy auf, wovon ich wirklich begeistert war und ebenfalls unseren gemeinsamen Angelschirm.

Hendrik kam auch und wir richteten unser Camp ein. Als wir gerade fertig waren, kam einer von Horst seinen Rudeltieren grinsend vorbei und machte uns auf den plötzlichen mysteriös hohen Wasserstand aufmerksam, der jetzt schon fast unsere Zelte erreichte. Sofort bauten wir schnell wieder alles ab und richteten uns viel weiter oben neu ein. Den plötzlich sehr hohen Wasserstand konnten wir uns nicht erklären, obwohl wir beide dieses Gewässer gut kannten.

Nach dem Ausloten wurden die Angelruten mit Boilies, Tigernüssen und Mais bestückt und genau platziert ausgeworfen und mit der Futterrakete, samt Futterschaufel flächendeckend angefüttert, weil Futterboote verboten waren. Hendrik machte in seiner flachen Ecke noch eine zusätzliche Anfütterungsaktion mit seiner speziellen Futtermischung, die richtig war und uns später noch einige Bisse bescherte. Es war nach 20.00 Uhr und den ersten Fisch als Brasse konnte ich für Hendrik als Teampartner keschern. Wir gaben ihm den Namen Mobby Dick, weil er alles andere als das war und an seinem großen Namen, samt Gewicht, noch arbeiten sollte. Wir waren uns einig, dass jeder gefangene Karpfen auf unserem Platz ein Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen sollte, weil über 48 Angelschnüre ab Flusseinlauf uns den Weg versperrten.

Es war kurz vor der Dämmerung, als wir eine lautstarke durchdringende Heulsirene wie bei einem Flugzeugangriff bzw. Bombenalarm hörten und uns willenlos sofort in Bewegung setzten, um zu dieser rufenden Geräuschquelle zu kommen. Ich dachte an den alten Film „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells, wo die naiven Eloi-Menschen zu den bösen Morlocks-Ungeheuern als Zuchtfutter gegangen sind, um letztendlich von Ihnen gefressen zu werden.

Automatisch kamen alle Teilnehmer in Zweierreihen zu Horst dem Bären und seinem Rudel zum Organisationstreffpunkt, der mit einem qualmenden Fleischgrill und mehreren Bierkisten ausgerichtet war. Der Bär, der Wolf und einige seiner Schakale bzw. Rudelmitglieder nahmen ihre stark verspiegelten Brillen ab und wir alle sahen in Abgründe, die man eigentlich nur aus Horrorfilmen wie Thriller von Michael Jackson oder einem Modern Talking Gesang kennt.

Die beschwörerischen Stimmen sagten uns, dass die wunschlose hochwertige Nahrungs-verpflegung gelogen war und dieses ein reiner Überlebendstrip für erfolgreiche Angler wäre.

Diese kleine ostfriesische Überlebensweltmeisterschaft stellt alles in den Schatten, denn nur wer Fisch fängt, bekommt Essen und Trinken. Alle anderen Versager müssen hungern, verdursten und vielleicht sogar sterben. Emotionslos nahmen die Anwesenden diese Stimme auf! Als die Frage gestellt wurde, wer denn nun am ersten Tag einen Fischfang zu verzeichnen hat, konnten wir wahrheitsgemäß von unserem Brassen Mobby Dick erzählen und durften uns jeder ein Stück Grillfleisch und eine Bierflasche nehmen. Der Bär sprach von Anfängerglück für die Lückenfüller, was sich aber jederzeit ändern kann. Wir nahmen unser Festmahl zu uns und alle anderen gingen mit ihrem leeren Magen willenlos lethargisch zu ihrem Camp zurück.

Als Hendrik und ich zurückgingen, konnten wir aus verschiedenen Angelzelten ein Jammern und Schluchzen vernehmen, aus reiner Verzweiflung. Wir hörten zum erstem Mal, wie Boilies und Futtermais gekaut, Tigernüsse geknackt und Wettkampffutter geschlürft bzw. geschmatzt gegessen wurde, um den quälenden großen Hunger zu stillen und zu überleben. 

In diesem Anfall von Mitleid, kamen wir sehr spät bei unserm Camp an und verloren einen Fisch auf Tigernüssen, der sich jetzt festgesetzt hatte. Und das, obwohl Hendrik im Dunkeln mit der Watthose die stark bewachsene Uferzone ablief und vergeblich die Schnur verfolgte.

2. Tag: „Nur wer Fisch fängt, hat eine Chance!“

Schon früh morgens kamen einige Schakale als Wachablösung vorbei und stellten sich beim Parkplatz bzw. Ausgang demonstrativ auf, um vermutlich hypnosefreie und willensstarke Teilnehmer daran zu hindern, vorzeitig diese Veranstaltung zu verlassen. Hendrik und ich hatten trotz dieser mächtigen mysteriösen Kräfte etwas Proviant eingepackt und unseren Verstand im Gegensatz zu den anderen Leidensgenossen nicht verloren, was wir auf unseren Talisman zurück führten. Jeder von uns beiden trug eine heilige Hasenpfote am Hals unter der Kleidung, was uns die Telefonauskunft über Karpfenfreunde-XYBaits vertraulich so dringend empfohlen hatte und was wir natürlich auch so umgesetzt haben! Es war eine drückende Stimmung, aber wir lachten heimlich und hatten im Gegensatz zu anderen armen Seelen viel Spaß, den wir natürlich etwas im Verborgenen hielten. Nach unserer heimlichen Nahrungsaufnahme machte ich mich auf dem Weg und lief die Angelstrecke ab, um mit den anderen Karpfenangler mal ein Gespräch zu führen, was eigentlich auch der Sinn dieser Angelveranstaltung ist. Nach ein paar entspannten Smal Talk-Runden, stand ich unbemerkt neben einem Angelzelt und hörte, wie einige unzufriedene Rudelmitglieder den Plan 007 schmiedeten, die in der Nähe befindliche Brassenaufzuchstation verdeckt zu besuchen, damit ihre Nahrungsversorgung gesichert ist.

Sie wollten leckeres saftiges Grillfleisch mit Bier und kein Fischfutter zu sich nehmen, wie andere erfolglose Karpfenangler es zur Zeit machten. Ich entfernte mich unentdeckt und ging die Angelstrecke immer weiter entlang, wobei ich auf den letzten Plätzen den zweiten Rudelführer, Enno den Wolf im Schafpelz, getroffen habe. Bevor wir uns unterhalten konnten, ging der Bissanzeiger von seinem Nachbarn Heino los und wir waren Zeuge eines ergreifenden Schauspieles. Der Anschlag saß und der Drill ließ auf einen guten Karpfen bzw. Graskarpfen schließen, der aber leider in der Endphase durch einen Schnurbruch noch entkommen konnte. Heino ließ seine Angelrute fallen, weinte verzweifelt lautstark und stopfte sich mehrere Grasbüschel in den Mund und schrie: „Ich hab Hunger, Hunger, Hunger!“ Der Wolf grinste dabei, zog seine verspiegelte Sonnenbrille runter, schaute in die Anglerrunde herum und es herrschte wieder angenehme Stille. Ich verließ tief betroffen diesen grausamen Ort und ging zurück zum Camp, um Hendrik auf dem Laufenden zu halten. Spät nachmittags machten Hendrik und ich eine erneute Anfütterungsaktion und legten unsere Hakenköder wieder genau platziert aus. Hendrik ging auf Sicherheit und nahm Mais und Tigernüsse, die er mit Stickmix im PVA-Funnelweb auswarf. Ich dagegen ging voll auf Risiko und nahm ein Big-Fischmehl- und ein Meat-Pheromon-Boilie, mit jeweils kurzer und langer Hooksafebaitsmethode bzw. löslichen Futterringen.

Der Regen setzte ein und ich kochte mir im Zelt einen Tee, als ein kleiner Molch bzw. Lurchart hinein krabbelte und beharrlich auf mein Trinkbecher zusteuerte. Ich fragte mich, ob der Bär jetzt auch schon Kontrollen durch die Tierwelt durchführen ließ und beförderte diesem Spion nach draußen ins Gras. Hendrik verlor leider einen Fisch auf seinen Tigernüssen, weil er zu dicht an der Uferböschung geangelt und sich dadurch festgesetzt hatte. Wir hörten von den erfolgreichen Brassenfängen der Rudelmitglieder und dachten schmunzelnd an die Brassenaufzuchtstation, was wir aber für uns behielten. Kurz vor der Dunkelheit fing Hendrik noch einen guten Brassen, der den Namen Der Weiße Hai bekam, weil er weit vorstehende Zähne hatte und beim Abhaken, sowie Zurücksetzen einen hartnäckigen Kampf mit Hendrik leistete.

Wieder ertönte die durchdringende Alarmsirene eines Flugzeugangriffes mit der Erinnerung an „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells und wir liefen wieder fast willenlos in Richtung des Organisations-Treffpunktes. Ich dachte jetzt an den Film „Die Mumie", wo sich der Schwager Jonathan als willenloser Imhotep Schreier verstellte, um nicht entdeckt und gejagt zu werden.

Der Bär, der Wolf und ihre Schakale bzw. Rudelmitglieder erwarteten uns Lämmer schon und hatten ein großes Lagerfeuer entfacht, wo sie tanzend Beschwörungsformeln mit glühenden Augen murmelten, die mich an einen Rumpelstilzchen-Hexensabbat erinnerten. Sie ließen sich jeder hochleben und ausgelassen feiern, weil sie Weltklasseangler mit ihren großartigen Brassenfängen waren. Sie aßen zu ihrer Belohnung gierig das saftige Grillfleisch und tranken Bier, sowie hochprozentigen Alkohol im Überfluss, der jetzt schon seine Wirkung zeigte. Auf die Frage, wer denn am zweiten Tag einen Fischfang zu verzeichnen hatte, erzählten Hendrik und ich emotionslos von unserem Brassen Der weiße Hai, worauf im Hintergrund laute spöttische Ausrufe von Anfängerglück für die Lückenfüller zu hören waren. Wiederwillig suchten sie die zwei kleinsten Grillfleischstücke mit zwei alten Glattbecker-Bierflaschen aus, die wir vor den hungernden und durstenden Anglern bzw. Leidensgenossen zu uns nehmen durften. Nach dieser Henkersmalzeit und deren Rocky Horror Picture Show Gastfreundschaft gingen wir beide wieder zu unserem Camp, um gemütlich den Abend auszuklingen zu lassen und heimlich unseren Proviant zu verköstigen.

Spät in der Nacht ließ mein Meat-Pheromon-Boilie den Bissanzeiger aufheulen und ich stand mit gekrümmter Karpfenrute, um den Fisch vom gefährlichen Bootssteg abzuhalten. Nach einer kräftigen kurzen Gegenwehr verabschiedete sich leider der Fisch und schlitzte dabei vermutlich aus. Beim Schnureinholen hakte sich die komplette Montage in ein vor uns gesunkenes Boot fest, was wir nebenbei erst heute erfahren hatten und leider auch so akzeptieren mussten. Hendrik und ich waren tapfer, wir weinten wirklich nicht. (Schluchz!) Ich riss die bombenfeste Montage ab, sicherte die restliche Schnur im Schnurklipp und legte die Angelrute zur Seite. Wir hörten schon eine ganze Weile Motorgeräusche im Hintergrund und konnten jetzt verschiedene Moped- und Rollerfahrer sehen, die dieses Arial abrasten und wahrscheinlich im Auftrag von dem Bär überwachten und die Fluchtwege kontrollierten. Ich dachte an den Film „Mad Max 2“ als Max Rockatansky, der in einem Endzeit-Spektakel erfolgreich gegen den bösen Humungus und seine verrückte Motorradhorde Marodeure gekämpft hatte. Hendrik und ich fühlten uns jetzt wie im Gefängnis Alcatraz oder Gefangenenlager Guantanamo Bay! Wir waren fest entschlossen, morgen diesen Wahnsinn zu entkommen und legten uns jetzt aufs Ohr.

3. Tag: „Das Ende naht!“

Es war 9.00 Uhr morgens, als die Alarmsirene bzw. „Die Zeitmaschine“ die Teilnehmer zu sich rief und wir alle uns wieder unfreiwillig auf dem Weg zum Treffpunkt machten. Der Bär und sein Rudel hatten von der letzten Nacht einen ausgeprägten Kater und standen jetzt hinter dem kalten Grillwagen, wo viele leckere beschmierte Brötchen auf das Grillrost lagen.

Der Bär und der Wolf fragten, wer denn am dritten Tag einen Fischfang zu verzeichnen hatte. Sofort schrieen ihre Schakale protzend los und gaben überheblich mit ihren Brassenfängen an und nahmen sich jeder ein Brötchen vom Grillrost. Niels meldete sich noch mit einer guten Schleie, die definitiv nicht von der geheimen Aufzuchtstation kam, was bislang immer noch keiner wusste und durfte sich ebenfalls ein Brötchen nehmen. Alle anderen aber nicht! Ich sah verzweifelte Teilnehmer, die vollgeschmierte T-Shirts und Hosen hatten, weil sie ihr eigenes Fischfutter geschlürft bzw. gegessen haben, um den schmerzvollen Hunger damit zu stillen. Als wir von unseren zwei Fischverlusten erzählten, fing das Rudel höhnisch und ketzerisch an zu lachen und erneuerten ihre Weltklassestellung in dieser Veranstaltung. Der Wolf und seine gierigen Rudelmitglieder richteten jetzt ihre Aufmerksamkeit auf ein guten Tacklenachlaß, der von einem verschwundenen Teilnehmerteam zurückgelassen und als Siegesbeute unter ihnen aufgeteilt wurde. Auch  der Bär war durch ein langes Verkaufsgespräch am Handy über drei fragwürdige selfmade Hardy-Karpfenruten so beschäftigt und abgelenkt, dass wir noch unbemerkt ein paar Brötchen abgreifen und unter die armen Leidensgenossen verteilen konnten. Hendrik und ich fühlten uns wie Missionare, die für Brot für die Welt Entwicklungshilfe leisteten und die verzweifelten Menschen vor dem sicheren Hungertod bewahren. (Schluchz!)

Das unbefriedigende Verkaufsgespräch war beendet und der Bär bzw. das Leittier machte eine Handbewegung, wobei alle Rudelmitglieder sofort zusammen kamen und ein durchdringendes Wolfsgeheul abhielten. Der Bär nahm seine verspiegelte Brille ab und wir sahen seine rot glühenden Augen, die mich jetzt an den bösen Richter Doom aus „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“  erinnerten, der selbst ein Toon war und mit seinen Wieseln die Toonstadt vernichten wollte. Lethargisch hörten wir zu, als der Bär zu schimpfen begann und seine diabolische Abschlussrede hielt. Er sagte, dass außer seinen persönlichen (Brassen)- Weltklasseangler, alle anderen Teilnehmer komplette Versager wären, denn nicht ein einziger Karpfen ist gefangen worden. Diese unbedeutenden Versager haben es jetzt nicht anders verdient und werden ihrem Schicksal überlassen, in dem sie hier weiter Angeln müssen, bis jeder einen Karpfen gefangen hat. Wenn im nächsten Veranstaltungsjahr noch irgendwo menschliche Überreste aufgefunden werden sollten, ist das auf die Unfähigkeit dieser angeblichen guten Karpfenangler zurück zu führen und ein natürlicher biologischer Reinigungsprozess der Natur. Der Bär, der Wolf und ihre Rudelmitglieder beendeten diese historische Überlebensweltmeisterschaft und machten sich auf dem ihren Heimweg, während die geblendeten Lämmer weiter ans Angeln gingen.

Wir beide packten vorsichtig und unauffällig unsere Angelsachen zusammen, denn der Parkplatz und Rückweg war immer noch abgesperrt und von einigen Schakalen bewacht. Hendrik wurde in einem versteckten Waldstück von seinem Opa mit dem Auto abgeholt, was wir am Handy auch so eindringlich abgesprochen hatten und ich transportierte mein Tackle in einem Bogen um die Wachen zum Auto. Bei dem letzten Einladen im PKW standen unerwartet der Bär und sein Wolf im Schafspelz vor mir und versperrten den Fluchtweg. Ich sagte mit verstellter monotoner Stimme, dass wir einen neuen freigewordenen Angelplatz oberhalb anfahren, damit wir auch erfolgreich unsere Karpfen fangen können und das Hendrik in dieser Richtung schon vorgelaufen ist. Der Bär und sein Wolf schauten mich misstrauisch an und ich musste mir schnell etwas einfallen lassen, indem ich von meinem mysteriösen sprechenden PKW-Auspuffendtopf erzählte. Dieser Auspuffendtopf hatte mit mir gesprochen und befohlen einen neuen erfolgreicheren Angelplatz einzunehmen, was der große Bär und sein Wolf ihm auch so zugetragen hätten. Der Bär und der Wolf gingen skeptisch nach hinten, bückten sich und blickten tief in den Auspuffendtopf, um dieses zu überprüfen. Ich sprang in den Fahrersitz, drehte blitzschnell den Zündschlüssel um und drückte voll aufs Gaspedal. Beim Wegfahren konnte ich im Rückspiegel durch den Auspuffqualm und aufgewirbeltem Sandstaub zwei hustende schimpfende HB-Männchen sehen, die ich aber jetzt hinter mir ließ. Als ich auf die Bundesstraße 70 einlenkte, konnte ich noch einige Angelcamps mit den Teilnehmern erkennen und hörte noch im Geiste ihre verzweifelten Hilfeschreie. Hendrik und ich hatten vor der Abfahrt unsere heiligen Hasenpfoten an andere Teilnehmer weitergereicht, um den willenlosen bösen Bann zu brechen und deren Überleben zu sichern, was mich jetzt wieder beruhigte. (Schluchz!)

Ich dachte jetzt an den Film „Auf der Flucht“ mit dem Chirurgen Dr. Richard Kimble, der unschuldig des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, aber dennoch fliehen konnte und von dem ehrgeizigen Marshall Samuel Gerald ständig verfolgt wird. Ich gebe jetzt mehr Gas, um schneller dieser Hölle zu entkommen und in der Hoffnung, dass keiner von den Wahnsinnigen mich je finden wird. Plötzlich schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich Gefallen an dieser düsteren Veranstaltung gefunden habe und sehe erschrocken im Rückspiegel mit hämisches Grinsen meine rot glühenden Augen.

Ingo Schwertmann/20.10.2010